Ausstellung im Bundestag 100 Jahre Frauenwahlrecht in den Augen von Künstlerinnen

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Mit der Ausstellung "100 Jahre Frauenwahlrecht - 19 + 1 Künstlerinnen" erinnert der Deutsche Bundestag an die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland vor 100 Jahren. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, (hier im Bild), CDU/CSU, mit Rita Süssmuth, (3.v.li), und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (re), Bündnis 90/Die Grünen, eröffnet die Ausstellung in der Abgeordnetenlobby des Bundestages im Reichstagsgebäude. Mit im Bild: Künstlerin Zipora Rafaelov (links). Foto: Deutscher Bundestag/Achim MeldeMit der Ausstellung "100 Jahre Frauenwahlrecht - 19 + 1 Künstlerinnen" erinnert der Deutsche Bundestag an die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland vor 100 Jahren. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, (hier im Bild), CDU/CSU, mit Rita Süssmuth, (3.v.li), und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (re), Bündnis 90/Die Grünen, eröffnet die Ausstellung in der Abgeordnetenlobby des Bundestages im Reichstagsgebäude. Mit im Bild: Künstlerin Zipora Rafaelov (links). Foto: Deutscher Bundestag/Achim Melde

Berlin. 100 Jahre Frauenwahlrecht: Der Deutsche Bundestag zeigt die Werke von 20 Künstlerinnen zum Thema. Die Künstlerinnen liefern keine brave Illustration einer Erfolgsgeschichte, sondern zeigen, wo es mit der Gleichberechtigung weiter hapert. Einen besseren Dienst hätten sie diesem Jubiläum kaum leisten können.

"So ein Skandal", herrscht sie der eine Mann an, "würdelose Emanze", zischt ihr ein anderer ins Ohr. Als die Abgeordnete Lenelotte von Bothmer am 14. Oktober 1970 im Bundestag ans Rednerpult tritt, löst sie einen Skandal aus. Was war ihr Vergehen? Die SPD-Politikerin trägt, was bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) seit Jahren zum gewohnten Erscheinungsbild zählt und als Look von "Mutti Merkel" liebevoll bespöttelt wird: einen Hosenanzug. Damals in den Augen vieler Abgeordneter eine bodenlose Frechheit. Und das noch 1970! Serpentina Hagner hat die Episode festgehalten - als eine der vielen Stationen in der Geschichte mühsam erkämpfter Gleichberechtigung. Ihre Graphic Novel findet sich jetzt in der Ausstellung "100 Jahre Frauenwahlrecht. 19+1 Künstlerinnen", mit der im Deutschen Bundestag an die Geschichte des Frauenwahlrechtes erinnert wird.

Starke Bilder von starken Frauen: Mit der Ausstellung "100 Jahre Frauenwahlrecht - 19 + 1 Künstlerinnen" erinnert der Deutsche Bundestag an die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland vor 100 Jahren. Ganz rechts: "Scales" von Hilla Ben Ari. Foto: Deutscher Bundestag/Achim Melde


Brave Bildregie

Leider demonstriert Hagner aber auch, dass lobenswertes Engagement und künstlerische Qualität nicht immer Hand in Hand gehen müssen. Ihre "Kurze Entstehungsgeschichte einer Selbstverständlichkeit - 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland" beeindruckt mit ihrer Materialfülle, enttäuscht aber mit einer kreuzbraven Bildregie und einem Schluss, dem man die Auftragslage anmerkt. Ihre Geschichte, die sich um legendäre Frauenrechtlerinnen wie Hedwig Dohm dreht, endet bei Kanzlerin Merkel, ihren Ministerinnen und einem Bild des Reichstags. Alles gut soweit, wenn es um die Rechte von Frauen geht?

Die Geschichte des Frauenwahlrechts als Graphic Novel: In der Ausstellung des Deutschen Bundestages ist das Werk von Serpentina Hagner zu sehen. Foto: Stefan Lüddemann


Texte im Blick

Die anderen, in der Ausstellung vertretenen Künstlerinnen sehen das zum Glück differenzierter. Der Deutsche Bundestag hat zum Thema 100 Jahre Frauenwahlrecht international renommierte Künstlerinnen wie Jenny Holzer, Franka Hörnschemeyer, Cornelia Schleime oder Katharina Sieverding eingeladen und von jeder eine Arbeit im Posterformat erbeten. Die auf den ersten Blick nüchtern erscheinende Vorgabe hat zu einer Ausstellung geführt, die Positionen zum Thema Frau und Gleichberechtigung trennscharf nebeneinander stellt und zugleich gemeinsame Themen sichtbar werden lässt. Dabei erstaunt vor allem, wie sehr sich die Künstlerinnen auf Texte und damit auf die in der breiten Öffentlichkeit wenig präsente Seite der Geschichte beziehen.

Frau in der Diskurswolke

Jenny Holzer, die mit einem ihrer LED-Schriftbänder bereits permanent im Bundestag präsent ist, hat die Textseite aus einem 1899 erschienenen Buch der Frauenrechtlerin Helene Lange im Prägedruck auf Bütten gebracht. "Übrigens ist sicher, dass nur die garantierten Rechte effektive Rechte sind": Holzer präsentiert solche seinerzeit bahnbrechenden Sätze nun wie Gründungsurkunden einer Befreiungsgeschichte, die niemals vergessen werden darf. Valérie Favre stellt ihr Selbstbildnis auf Textseiten von Olympe de Gouges, die für ihre Forderung nach Gleichberechtigung ausgerechnet mitten in der Französischen Revolution 1793 hingerichtet wird. Die Berliner Künstlerin Brigitte Waldach, die gerade erst mit ihrer Installation im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus für Aufsehen gesorgt hat, holt dieses künstlerische Prinzip in die Gegenwart. Sie stellt auf ihrer Schriftzeichnung eine junge Frau in den Kreuzungspunkt einer Textwolke, in der sich der männliche und der weibliche Geschlechterdiskurs mit einer blauen und einer roten Textzone überschneiden. "Ein langer Weg", steht da wie ein Signal der Skepsis über dem Schriftgestöber.

Im Blickpunkt der Berliner Ausstellung stehen auch Werke von Brigitte Waldach und Anke Feuchtenberger. Foto: Stefan Lüddemann


Foto von der Demo

Nach hundert Jahren der Geschichte des Frauenwahlrechts ist in den Augen der Künstlerinnen nichts sicher, kaum etwas geklärt, was die Gleichberechtigung betrifft. In der Jubiläumsausstellung überwiegen die nachdenklichen Blicke. Und die offenen Anklagen. Mit dem Foto einer Frauendemo von 1974 erinnert Barbara Klemm daran, dass immer nur der offene Protest dabei half, Ungerechtigkeiten zu überwinden. Sabine Hornig hat aus einem Foto aus dem Plenarsaal des Deutschen Bundestages alle männlichen Abgeordneten als Fotonegativ dargestellt. Nur die wenigen Frauen bleiben übrig. "Es genügt nicht", nennt Hornig ihr Bild und spielt damit auf eine zuletzt wieder schwächer gewordene Präsenz von Frauen im Parlament an.



Mit Schwarz, Rot und Gold

Das Frauenwahlrecht geht über die Frage politischer Rechte allein allerdings weit hinaus. Sie berührt überhaupt Menschenwürde und Selbstgefühl von Frauen. Die israelische Künstlerin Zipora Rafaelov bettet in ihrem Papierschnitt "Michal" eine liegende Frauenfigur in das Geflecht eines Naturidylls ein. Sie verbindet so politische Freiheit mit individuellem Glücksgefühl. Die afghanische Künstlerin Sara Nabil schaut den Betrachter aus ihrem Selbstporträt mit freiem, selbstbewussten Blick an. Auch Katharina Sieverding arbeitet mit dem fotografischen Selbstbildnis. Sie stützt ihr Profilbild auf ein Textband "100 Jahre Frauenwahlrecht" in Schwarz, Rot und Gold. Die junge Künstlerin schaut mit dem Selbstbewusstsein einer Befreiungsgeschichte nach vorn. Oder doch nicht? Brigitte Waldach ist da skeptischer. "Und jetzt?", heißt es in der Schriftwolke, die ihre sinnierende Frauengestalt umgibt. Und weiter unten: "Handeln".  



Berlin, Deutscher Bundestag: 100 Jahre Frauenwahlrecht. 19+1 Künstlerinnen. Bis 31. März 2019. Zu Informationen zum Besuch der Ausstellung geht es hier.


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