Festival in Berliner Akademie Totales Tanz Theater erweckt das Bauhaus zu neuem Leben

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Tanz grenzenlos: Das Totale Tanz Theater macht aus dem Eröffnungsfestival von 100 Jahre Bauhaus eine spektakuläre Show. Foto: Interactive Media FoundationTanz grenzenlos: Das Totale Tanz Theater macht aus dem Eröffnungsfestival von 100 Jahre Bauhaus eine spektakuläre Show. Foto: Interactive Media Foundation

Berlin. Kunst ohne Grenzen: Zum Auftakt des Bauhausjahres träumt Berlin diesen Traum neu. In der Akademie der Künste setzt das Totale Tanz Theater dem Eröffnungsfestival das Glanzlicht auf. Sieben Minuten virtueller Furor unterhalten bestens. Und lösen unangenehme Fragen aus.

Nach sieben Minuten ist alles vorbei. Sieben Minuten lang wirbeln und kreiseln tanzende Avatare durch den grenzenlosen Raum virtueller Realität (VR). Wer die VR-Brille vor den Augen hat, hebt den Blick hinauf in eine stählerne Kuppel, und senkt ihn wieder hinab in Tiefen, die sich unter schwebenden Bühnen aus Lochblech öffnen. Das Totale Tanz Theater macht aus den Utopien der Moderne eine schwindelerregende Himmelfahrt. Aus der Menge gesichtsloser Tänzer hebt sich eine Trias heraus. Die Körper dieser drei Figuren sind mit Dreiecken, Kugeln und Ringen erweitert. Der Tanz der Geometrie: Diese rasante Aktualisierung des Bauhauses macht aus dem Eröffnungsfestival zum Jubiläum der legendären Kunsthochschule fast im Alleingang eine aufregende Grenzerfahrung. Hier weiterlesen: Wie die Kultur der Zwanziger die moderne Massenkultur vorbereitete - Interview mit Expertin Sabina Becker.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (2.v.r.) und seine Frau Elke Büdenbender (2.v.l.) werden anlässlich des Festakts zur feierlichen Eröffnung von "100 Jahre Bauhaus" in der Akademie der Künste von Bettina Wagner-Bergelt (l), der Künstlerischen Leiterin des Festivals Bauhaus100, und Annemarie Jaeggi, Direktorin des Bauhaus- Archivs, durch die Ausstellung geführt. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa


Kugel, Kreis und Kegel

Von der "Verwirklichung der kühnsten Phantasien" träumte Bauhausmeister Oskar Schlemmer 1925 in seiner Schrift "Mensch und Kunstfigur". Sein Triadisches Ballett setzte das Formenrepertoire des Bauhauses in Bewegung, ließ Kugel, Kreis und Kegel, Rot, Gelb und Blau tanzen und rotieren. Die Figurinen mit den futuristischen Kostümen auf geometrischen Grundformen und Primärfarben verkörpern den Mythos einer Moderne, die sich als radikale Neuschöpfung verstanden hat. Ob der Blick durch die VR-Brille Oskar Schlemmer heute begeistern würde? Ganz sicher. Choreograf Richard Siegal dirigiert seine Truppe digitaler Figuren in atemberaubend rasanten Bewegungsabläufen. Die Gruppe Einstürzende Neubauten unterlegt den fulminanten Auftritt mit treibenden Rhythmen. Perfekt. Hier weiterlesen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat das Bauhausjahr eröffnet.



Mühsame Vermittlung

Solche Spannung ist allerdings nicht zu durch eine ganze Ausstellung zu halten. Die Berliner Akademie der Künste startet das Jubiläumsjahr zu 100 Jahren Bauhaus mit einem prallvollen Festival. Sein Kernstück bildet eine Schau, die neben ihrem strahlenden Zentrum auch ihre schwächeren Zonen, ja Spannungsabbrüche hat. Neben dem Totalen Tanz Theater mit seinem Freiflug entfesselter Fantasie nimmt sich der "Signalraum" mit seinen Mitmachangeboten, Künstlergesprächen und Blind Dates wie die Spielwiese einer bemühten Kunstvermittlung aus. Dabei bezieht sich auch diese Präsentation auf das Bauhaus der Bühnen und Feste und damit auf ihr Programm, die Künste zu entgrenzen und sie auch als Zusammenarbeit im Alltag neu und damit vor allem weiter zu fassen. Hier weiterlesen: Bauhaus, Leonardo und der King of Pop - das Kunstjahr 2019 in der Vorschau.

Dynamik und Schwerelosigkeit: Das Totale Tanz Theater gibt es als virtuelle Realität. Foto: Interactive Media Foundation


Technoide Figuren

Eben deshalb trifft der virtuelle Bühnenwirbel voll ins Schwarze. Dabei hat Choreograf Siegal die Gedanken der Bauhäusler nicht einmal wirklich fortgeschrieben. Er hat Oskar Schlemmers Konzept des Triadischen Balletts nur beim Wort genommen und es in die Dimension aktueller technischer Möglichkeiten gehoben. Von einer "Bühne, die Zeitbild sein sollte", hat auch schon der Bauhauskünstler gesprochen. Was er damit meinte, zeigen die Kostüme, die nun gleich neben dem Zelt der medial beschleunigten Zukunft inszeniert sind. Scheiben und Ringe, Helme und Stäbe haben die Tänzer des Triadischen Balletts in technoide Figuren verwandelt. Berlin zeigt die erst kürzlich in München rekonstruierten Kostüme. Die Bayerische Staatsoper hatte das Triadische Ballett in einer neu erschaffenen Bühnenfassung gezeigt.

"Brüder im Weltall"

Schlemmer trieb das Spiel mit den reinen Formen zu utopischem Ausblicken voran, träumte von "Farbenbrüdern im Weltall" und "heiligem Sinn in klarem Glas". Solch prophetischer Furor passt heute nicht mehr in die Zeit. Unsere Gegenwart bastelt bestenfalls noch an Projekten, verfängt sich im Gestrüpp vermeintlicher Sachzwänge. Die Wiederbegegnung mit Schlemmers, von Siegals Tanz Theater neu befeuertem Furor macht nicht nur den Kleinmut pragmatischer Haltungen sichtbar. Daneben scheint auch eine in der Moderne angelegte und inzwischen vergessene Rolle der Kunst wieder auf. Das Bauhaus hat geniale Künstler wie Wassily Kandinsky, Paul Klee oder eben Oskar Schlemmer integriert und ihre Arbeit in das Projekt einer sozialen Utopie eingebunden. Heute befeuern Künstler dagegen einen zweifelhaften Starkult und beliefern den Kunstmarkt mit teuren Luxusartikeln. Das bringt der Kunst Publicity und Glamour, lässt aber ihre tatsächliche Relevanz erodieren. Hier weiterlesen: Das Bauhaus ist mehr als ein Design der klaren Linien - zum Start des Bauhausjahres.



Bauhaus als Labor

Die Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste erinnert daran, dass dieser Prozess nicht unumkehrbar sein muss. Die Präsentation hat da ihre starken Momente, wo sie das Bauhaus als Labor neu ins Spiel bringt. In Berlin dreht sich nun wieder der aus Glastafeln und Lochblechen zusammengesetzte Apparat, mit dem László Moholy-Nagy flüchtige Lichtschemen an Wände warf. Die Installation "Licht. Schatten. Spuren" setzt Klassiker des Bauhauses von einem Gemälde Kandinskys über die Quadrate von Josef Albers bis zum "Wassily-Sessel" von Marcel Breuer per Video in Bewegung. Diese Beiträge helfen, die Frage nach möglichen Leistungen der Kunst neu zu stellen. An der Wand des Signalraums lesen wir: "Was wollen Sie von der Kunst?". Ja, was eigentlich? In Zeiten der Rankings und Auktionsrekorde könnten die Antworten auf diese unverhoffte Frage überraschend ausfallen.

Berlin, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10: 100 Jahre Bauhaus. Eröffnungsfestival. Bis 24. Januar 2019. Mo.-So., 10-20 Uhr. Information zum Eröffnungsfestival und zum Programm von 100 Jahre Bauhaus.


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