Expertin Sabina Becker im Interview Weimarer Republik bereitet die moderne Massenkultur vor

Symbol einer beschleunigten Epoche und ihrer bewegten Kultur: Marlene Dietrich als Lola-Lola in dem von Josef von Sternberg inszenierten Film "Der blaue Engel" von 1930.  Foto: picture-alliance/dpaSymbol einer beschleunigten Epoche und ihrer bewegten Kultur: Marlene Dietrich als Lola-Lola in dem von Josef von Sternberg inszenierten Film "Der blaue Engel" von 1930. Foto: picture-alliance/dpa

Osnabrück. Die Kultur der Zwanziger Jahre ist das Labor für die Massenkultur der Gegenwart. Das sagt Sabina Becker von der Universität Freiburg im Interview. Die Professorin für Neuere deutsche Literatur sieht die Weimarer Republik als Testfall einer Kultur der Beschleunigung. Aber waren die Kulturmacher auch gute Republikaner?

Wenn wir auf die Kultur des 20. Jahrhunderts schauen, wird wohl kein anderes Jahrzehnt so intensiv erinnert, wie das der Zwanziger Jahre. Woran liegt das?

Die zwanziger Jahre entwickeln das Verständnis von Kultur, das wir heute haben. Das besteht vor allem in der Auflösung der strikten Grenze zwischen einem bildungsbürgerlichen Kulturbegriff auf der einen und der Populär- und Unterhaltungskultur auf der anderen Seite. Kultur besteht nicht mehr ausschließlich aus Kunst und Bildung, sondern auch aus Unterhaltung. Kultur öffnet sich für eine breitere Masse. Kunst darf konsumiert werden, und zwar nicht nur von einer kleineren Gruppe. Das ist ein entscheidender Schritt, der in den zwanziger Jahren vollzogen wird.

Expertin für die Kultur der Weimarer Republik: Prof. Dr. Sabina Becker von der Universität Freiburg. Foto: Sabina Becker





Wird Kultur damit auch mehr zu einer Frage des Alltags? 

Auf jeden Fall. Kultur ist in den Zwanzigern Bestandteil des Alltags. Das hat mit den neuen technischen Möglichkeiten zu tun, vor allem ab 1923 mit dem Rundfunk, der ja gleich von Anfang an Autoren ihre Texte lesen lässt und klassische Konzerte überträgt. Schlagartig verbreitert sich das Publikum. Damit wird Kultur zu einem Teil des Alltags.



Was sind die wichtigen Schauplätze dieser neuen Massenkultur?

Klassische Medien wie die Zeitung sind in diesem Jahrzehnt stark präsent. Die Zahl der Zeitungen erhöht sich, auch erscheinen sie in einem schnellen Rhythmus. Ihre Frequenz erhöht sich massiv. In diesem Medium erscheinen die Texte vieler Schriftsteller. Die Unterscheidung zwischen Literatur und Journalismus, die uns jetzt wieder mit dem Fall der gefälschten Reportagen des Spiegel-Journalisten Claas Relotius beschäftigt, wird in jener Zeit durchlässiger. Viele Autoren wollen in den Zeitungen präsent sein. Schauplätze sind aber auch Revuepaläste und Kabaretts. Denken Sie an das Haus Vaterland in Berlin mit seinen insgesamt 8000 Plätzen ein Palast der Unterhaltungskultur. Wichtig sind aber auch die Kabaretts. Autoren wie Erich Kästner und Walter Mehring haben Texte für das Kabarett geschrieben und dabei den Anspruch gehabt, hohe literarische Qualität mit der Unterhaltung des Publikums zu verbinden.



Die Zwanziger sind eine Zeit der Beschleunigung und des Kriegstraumas. Was treibt die Kultur dieses Jahrzehnts an?

Die Kulturmacher dieser Epoche sind angetrieben von der Idee, dass die Masse in die Kultur einbezogen werden muss. Die Erfahrung des Ersten Weltkrieges hat die Idee des Subjekts und der einzigartigen Persönlichkeit relativiert. Das Massensterben im Krieg hat die Vorstellung von Individualität verändert. Das Trauma ist Basis und Ausgangspunkt für ein kulturelles Denken, das sich nicht mehr auf die traditionellen Punkte wie Subjektivismus und Gefühl ausrichtet. Die viel zitierte Sachlichkeit dieser Zeit in Ausdruck und Themenwahl ist auch eine Konsequenz aus dem Ersten Weltkrieg. Eine gewisse Rationalisierung setzt ein. Darauf bezieht sich ja auch die Kulturkritik, die vor 1914 Argumente für den großen Krieg zu liefern versuchte. Das rationalere Denken bildet einen ganz wichtigen Ausgangspunkt für kulturelle Innovation.



Welche kulturellen und künstlerischen Innovationen sind Ihrer Meinung nach besonders folgenreich?

Neben dem Punkt, dass die Grenze zwischen ernster und unterhaltender Kultur aufgeweicht worden ist, würde ich den Gedanken des Intermedialen anführen. Das geht über eine gegenseitige Erhellung der Künste, wie sie der Germanist Oskar Walzel 1917 ins Spiel brachte, weit hinaus. Die Theaterbühne von Erwin Piscator mit ihren filmischen Elementen oder das Kabarett zeigen Formen der Darstellung, die die Effekte unterschiedlicher Künste nutzen. Das gilt für viele andere Formen der Künste, die unterschiedliche mediale Ausdrucksformen zusammenführen. Dieser Aspekt der Kultur der Zwanziger ist besonders kennzeichnend und folgenreich. Die Medien sind nicht mehr getrennt.



Wie verändern sich eigentlich die Bilder der Geschlechter?

Ganz wesentlich. Das erst einmal letzte männliche Ereignis, nämlich der Erste Weltkrieg, hat heroische Männlichkeit nicht bestätigt, sondern im Gegenteil eine Krise der Männlichkeit ausgelöst. Die Verstümmelung des männlichen Körpers ist ein bekanntes Phänomen. Doch entstehen dadurch auch Chancen für veränderte Männerbilder, auch für Männer eröffnen sich neue Freiräume. Mindestens genauso wichtig sind die Optionen, die sich durch die Freiheit der Gesellschaft für die Frauen ergeben, auch auf dem Arbeitsmarkt. Das war zuvor so nicht bekannt, auch nicht, dass die Stadt eine Bühne für Frauen werden könnte. Frauen in der Öffentlichkeit – das ist neu. Der Expressionismus kennt noch nicht den weiblichen Flaneur, sondern assoziiert in der Öffentlichkeit flanierende Frauen mit Prostituierten. Das verliert sich aber. Bei aller zeitlichen Begrenztheit steckt in diesem Aufbruch doch ein enormes Potenzial für die weibliche Emanzipation.



Welche sind Ihrer Meinung nach die entscheidenden Protagonisten der Weimarer Kultur?

Das ist eine schwierige Frage, denn das Besondere dieser Kultur ist ja die Vielzahl von Kulturschaffenden. Es hat nie zuvor so viele Macher in allen Bereichen der Kultur gegeben. Gerade die Frauen sind da, auch wenn zum Teil versucht wurde, sie in Randbereichen zu verorten, so wie am Bauhaus, wo Walter Gropius die Frauen gern in die Webereiklasse verwies. Aber sie sind da. Das ist ja auch das Ziel dieser pluralistischen Kultur von Weimar. Repräsentative Figuren sind für mich Marieluise Fleißer, Vicki Baum oder Irmgard Keun, die unbedingt genannt werden müssen. Natürlich dürfen wir Figuren wie Thomas und Heinrich Mann nicht vergessen. Aber es ist schwierig, diese Kultur auf einzelne Figuren zu bringen. Gleichwohl sind Literaten wie Alfred Döblin und Lion Feuchtwanger prägend. Für mich steht aber der Pluralismus der Epoche im Vordergrund.



Viele Beobachter vergleichen derzeit unsere Gegenwart mit der Situation der Weimarer Republik, auch in kultureller Hinsicht. Halten Sie diesen Vergleich für richtig und was lernen wir daraus?

Das gilt zum Teil. Die Beschleunigung spielte damals auch eine besondere Rolle. Es gibt sie heute wieder. Sie ist im Hinblick auf Globalisierung und digitale Medien aber anders gewichtet und zum Teil auch negativ bewertet. Das ist in den Zwanzigern anders. Die Beschleunigung der Medien und des Verkehrs und der Wille der Kulturmacher, an dieser Dynamisierung teilzuhaben, sind unbedingt vorhanden. Die Künste versuchen, ihre Ästhetik dieser Beschleunigung anzupassen. Denken Sie dabei an die Drehbühnen des Theaters oder die Schreibprozesse der Autoren. Die Weimarer Kultur hat auch ein anderes Bewusstsein von Krise. Der Diskurs von der Krisengesellschaft Weimar ist meiner Meinung nach nicht zutreffend. Diese Kultur ist nicht in der Krise. Neue Forschungen zeigen, dass der Begriff der Krise damals vor allem in rechtskonservativen Kreisen geprägt wurde. Die haben natürlich – ähnlich wie heute – in der kulturellen Modernisierung und ihrer Öffnung für das breite Publikum eine Krisenerscheinung gesehen. Diese Rede muss man relativieren. Ab 1930 lebt die Gesellschaft dauerhaft im Modus der Krise. Die Kultur befindet sich aber nicht in der Krise, sondern arbeitet an vielen Innovationen weiter. Das Bauhaus liefert dafür das beste Beispiel.



Wir sprechen oft von der Kultur der Weimarer Republik. War diese Kultur wirklich eine der Republik?

Diese Kultur war eine der Republik, ja. Die Mehrheit der am Diskurs der Kultur Beteiligten denkt und handelt republikanisch und ist dieser Republik verbunden. Diese Macher haben eine dezidiert demokratische Grundhaltung. War Weimar eine Republik ohne Republikaner? Heinrich Mann hat das schon in seinen Erinnerungen „Ein Zeitalter wird besichtigt“ vehement bestritten. Er hat Republikaner gekannt, aber keine sehr gut funktionierende Republik. Das hatte auch mit der Verfassung zu tun und mit seinem fatalen Passus von der Notverordnung. Schon Heinrich Mann erkannte, dass man für diese Republik kämpfen musste. Auch Tucholsky sagte: Wir kämpfen jeden Tag für die Republik, auch deshalb, weil sie von rechtsnationalen Kreisen angegriffen wird. Man hat zum ersten Mal auf deutschem Boden eine Republik geschaffen und eine zu ihr passende plurale Kultur. Das dürfte einer der Gründe dafür sein, warum wir uns bis heute so sehr für diese Epoche und ihre Kultur interessieren.



Was ist aus der Kultur von Weimar im Nationalsozialismus geworden? War 1933 wirklich alles zu Ende?

Es gab vor einigen Jahren eine Debatte darüber, ob die Formen der Sachlichkeit nach 1933 fortgeführt worden sind. Ich lehne diese Vorstellung ab. Die Sachlichkeit, die Joseph Goebbels ab 1933 propagierte, hat nichts mit der Vorstellung von Sachlichkeit in der Republik von Weimar zu tun. Verbindungslinien sehe ich kaum. Die Weimarer Kultur wird vertrieben und wandert aus. Sie war so gefestigt, dass sie ihre weltweite Wirkung entfalten konnte. Die Rede vom Weimar am Pazifik hat ihren Grund. Die Blütezeit Hollywoods als Rache der Exilierten an den Nazis: Diese Vorstellung mag übertrieben sein, sie hat aber auch einen Kern von Wahrheit. Im Exil leben die zentralen Ideen der Kultur von Weimar weiter.


Informationen zur Interviewpartnerin Prof. Dr. Sabina Becker gibt es hier.

Lesetipp: Sabina Becker: Experiment Weimar. Eine Kulturgeschichte Deutschlands 1918-1933. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt. 2018. Zur Verlagsinformation geht es hier.


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