zuletzt aktualisiert vor

100 Jahre: Jubiläumsjahr startet Das Bauhaus ist mehr als ein Design der klaren Linien

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Das Bild einer technoiden Moderne zeigt diese Figur des Kunstwerks "Figuren zum triadischen Ballett" (1922) von Oskar Schlemmer. Foto: Daniel Naupold/dpaDas Bild einer technoiden Moderne zeigt diese Figur des Kunstwerks "Figuren zum triadischen Ballett" (1922) von Oskar Schlemmer. Foto: Daniel Naupold/dpa

Osnabrück. Was ist vom Bauhaus geblieben? Mit dem Festival in der Berliner Akademie der Künste startet am 16. Januar 2019 das Jubiläumsprogramm zum 100. Geburtstag der berühmten Kunst- und Designhochschule. Wer heute an das Bauhaus erinnert, muss in ihm aber mehr sehen als die Linie eines schicken Designs.

Flachdach und Glaswand, Freischwinger, die Leuchte mit dem gläsernen Kugelschirm: Das Bauhaus hat sein klares Gesicht - zumindest als Sprache eines Designs kühler Nüchternheit. Aber was ist das Bauhaus heute darüber hinaus? Die Erinnerung an die berühmteste Kunsthochschule der Moderne scheint zum Signet einer Marke geronnen zu sein. Hat sich das Versprechen des Bauhauses, Design für die Masse zu machen, nicht mit Möbelmarken wie Ikea erledigt? Die Bauhäusler wollten mit ihrer Gestaltung auch  eine bessere Gesellschaft schaffen, Kunst und Leben miteinander verbinden. Dieser Anspruch wäre heute neu zu entdecken. Aber wird er im Jubiläumsprogramm nicht eher verschüttet als freigelegt? Hier weiterlesen: Turbulentes Kulturjahr der Absagen - 2018 im Rückblick.

Das Markenzeichen des Bauhauses ist sein Design der klaren Linien. Im Bild: Das Meisterhaus Kandinsky/Klee in Dessau-Roßlau Foto: Peter Endig/dpa


Markenkern verraten

Zuletzt sorgte das Bauhaus für negative Schlagzeilen. Dessen Direktorin Claudia Perren sagte ein Konzert der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet ab und beugte sich damit Drohungen aus rechten Netzwerken. Populisten und Rechtsradikale hatten damit nicht nur ein aus ihrer Sicht missliebiges Kulturprojekt gekippt, das Bauhaus selbst dementierte mit der Absage auch seinen eigentlichen Markenkern. Der bestand von Beginn an nicht nur aus klaren Linien, sondern aus klarer Kante. Das Bauhaus hat sich immer auch politisch verstanden, weil es Kunst und Handwerk vereinigen wollte, Frauen zum Studium zuließ und Gestaltung nicht nur als flaches schöner Wohnen verstand. Mit diesem Profil eckte das Bauhaus an. Angriffe rechter politischer Kreise und der politische Streit um den Etat begleiten die 14 Jahre der Bauhausgeschichte als ständig mitschwingender Grundton.


Start mit Steinmeier

Statt rauer Töne gibt zum Start des Bauhausjahres aber eher salbungsvolle Reden. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird das Festival in der Berliner Akademie der Künste am 16. Januar 2019 eröffnen. Seit vielen Wochen schon leuchtet das Logo "Bauhaus100" von Plakatwänden und Jutebeuteln wie ein Smiley fröhlichen Einverständnisses. Spätestens seit Tourismusgigant Lonely Planet Deutschland für das Jahr 2019 wegen des Bauhauses zur Topdestination unter den Reisezielen ausgerufen hat, will bei bei diesem Jubiläum jeder gern dabei sein. Bauhaus ist Kult, Bauhaus ist Konsens - zuweilen so sehr, dass alles unter diesem Begriff subsumiert wird, was irgendwie aufgeräumt und modern aussieht. Elf der 16 Bundesländer machen mit eigenen Programmen mit, auch wenn sie nicht zu den Zentren des seinerzeit neuen Bauens gehören. Hier weiterlesen: Angriffe von rechts - Kulturhäuser unter Druck.

Ein Mann geht 2014 in Stuttgart (Baden-Württemberg) in der Staatsgalerie in der Ausstellung «Oskar Schlemmer - Visionen einer neuen Welt» an dem Kunstwerk "Figuren zum triadischen Ballett" (1922) von Oskar Schlemmer vorbei. Foto: Daniel Naupold/dpa


Lauter Richtungskämpfe

Dabei wäre schon das Bild von "dem" Bauhaus neu in seine Teile zu zerlegen. Das Bauhaus gab es zu keinem Zeitpunkt als bruchloses Konzept. Die Hochschule war von Anfang an weniger Monolith einer neuen künstlerischen Weltanschauung als Kreuzungspunkt verfeindeter Ideologien. Kunst gegen Design, Einzelfertigung gegen Serie, Esoterik gegen Rationalität: Die Konflikte lassen sich meist an den führenden Köpfen des Bauhauses festmachen. Schon die drei Direktoren Walter Gropius (1919-1928), Hannes Mayer (1928-1930) und Ludwig Mies van der Rohe (1930-1933) brachten das Bauhaus in ihren Leitungsperioden ganz unterschiedlich auf Kurs. Unter Johannes Itten, dem ersten Leiter des Vorkurses, durften Studenten noch esoterische Selbstfindung betreiben. Ittens Nachfolger Josef Albers etablierte die auf Primärfarben sowie auf geometrischen Grundformen aufgebaute Formensprache des Bauhauses, das die Architekten Mies van der Rohe und Ludwig Hilbertsheimer schließlich zum Institut für Stadtplanung und funktionales Design machten.

Klassiker des Bauhausdesigns - die Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld (r) und ein Nachbau. Foto: Oliver Berg/dpa


Bauhaus in Bewegung

Das Bauhaus verdankt seine Anziehungskraft den nie still gestellten internen Richtungskämpfen. Diese Einsicht wäre zum 100. Geburtstag der Designhochschule neu zu beherzigen und produktiv zu machen. Die ersten Projekte des Jubiläumsjahres stimmen da optimistisch. Das LWL Museum Kunst und Kultur in Münster erzählt in seiner Ausstellung "Bauhaus und Amerika" die Geschichte der Hochschule als fortschreitende Entgrenzung der Künste. Auch das Düsseldorfer NRW Forum deckt in seiner Recherche zu dem Thema Bauhaus und Fotografie die experimentelle Seite der Bauhäusler auf. Die Berliner Akademie der Künste startet ihr Eröffnungsfestival mit dem "Totalen Tanz Theater", das Haus der Kulturen der Welt holt mit "Bauhaus imaginista" die weltweite Rezeption des Bauhauses zurück nach Deutschland. Sogar das Fernsehen ist im Bauhausfieber. "Die neue Zeit" heißt die TV-Serie zum Kunstjubiläum, in der August Diehl und Anna Maria Mühe die Hauptrollen übernehmen. Das Thema: Die Frauen am Bauhaus.



Unvermindert aktuell

Bei all dem medialen Aufwand bleibt aber die Frage, wie groß der Ertrag des Jubiläumsjahres sein wird. Die Feiern zum 500. Jubiläum der Reformation 2017 haben da eher ernüchtert. Ein Jahr als Luther-Festival: Von all den Musicals, Stadtführungen, Diskussionen und Buchpublikationen scheint nicht viel geblieben zu sein. Zum Jubiläum des Bauhauses käme es darauf an, die Fragen seiner einstigen Macher neu zu stellen. Wie kann Design das Leben verbessern? Wie bestimmt Architektur unser Dasein? Und wer darf teilhaben an einem Fortschritt zum Besseren? Die Themen des Bauhauses sind unvermindert aktuell. Aber werden sie auch abseits der Expertenrunden für die breitere Öffentlichkeit sichtbar werden? Das Jubiläumsjahr muss sich an diesem Anspruch messen lassen. Hier weiterlesen: Das Programm des Bauhausjahres und der Skandal um Feine Sahne Fischfilet.

Das Teeextrakt-Kännchen der Bauhauskünstlerin M. Brandt gehört zu den Design-Klassikern. Foto: Hendrik Schmidt/dpa



Info: www.bauhaus100.de


Das Bauhaus: Köpfe und Klassiker

Walter Gropius (1883-1969) - Der Architekt gründete 1919 in Weimar das Staatliche Bauhaus und war bis 1928 dessen Direktor. Mit der neuartigen Kunstschule wollte er Kunst, Architektur und Handwerk in einer Kombination von Lehre, Praxis und Forschung ideal verbinden. Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, emigrierte er über England in die USA, wo er als Professor für Architektur an der Harvard University in Cambridge arbeitete. 

Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) - Der Vertreter der Avantgarde-Architektur war von 1930 bis 1933 der dritte Direktor. In seiner Zeit geriet die Schule unter immer stärkeren politischen Druck. 1932 wurde sie von einem neu gewählten Stadtrat mit nationalsozialistischer Mehrheit geschlossen. Mies van der Rohe versuchte, das Bauhaus als private Einrichtung in Berlin weiterzuführen. 1933 musste es jedoch endgültig schließen. Der Architekt emigrierte ebenso wie andere Bauhaus-Kollegen in die USA. 

Tee-Extraktkännchen: Mit ihrem Tee-Extraktkännchen formte Marianne Brandt 1924 einen der Designklassiker des Bauhauses. Dabei waren Frauen in der Metallwerkstatt der Hochschule eigentlich gar nicht willkommen. Brandt aber strafte schon in ihrem ersten Jahr in der Werkstatt, deren stellvertretende Leitung sie 1928 übernehmen sollte, alle Kritiker Lügen. Sie komponierte die Silberkanne aus einer Halbkugel mit sichelförmigem Griff und zylindrischer Einfüllöffnung. Auf zwei kreuzförmig angeordnete Stege gesetzt, scheint das Kännchen zu schweben.

Tischleuchte MT 8: Unter diesem Namen kennt eigentlich niemand diesen, schlicht "Bauhausleuchte" titulierten Klassiker. Der aus Bremen stammende Designer Wilhelm Wagenfeld komponierte sie 1924 aus kreisförmiger Grundplatte, zylindrischem Schaft und einer kugelförmigen Glashaube. Das aus Messing gefertigte Stück avancierte zu einer Visitenkarte des Bauhauses. Obwohl stringent aus geometrischen Grundelementen komponiert, ging das Stück nie in Serienfertigung. Die Lampe wurde als jeweils handwerklich gefertigt. Seit 1980 wird die Bauhausleuchte von der Bremer Firma Tecnolumen produziert.

Bauhausgebäude Dessau: Es ist das Signet des Bauhauses und ein Monument der Moderne, das von Walter Gropius errichtete Gebäude des Bauhauses in Dessau. Die Konstruktion aus einem Stahlbeton-Skelett mit vorgehängter Glasfassade machte das Gebäude zu einem Manifest eines neuen Bauens, das klar und funktional und zugleich transparent und auf seine Weise monumental sein sollte. Gropius gestaltete das im Dezember 1926 eingeweihte Gebäude als Manifest seiner ästhetischen Auffassungen. Der Gebäudekomplex, der seit 1996 auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes steht, gilt als einer der wichtigsten Architekturentwürfe des Jahrhunderts.

Wassily-Sessel B3: Ein Fahrradlenker soll den Designer Marcel Breuer auf die Idee gebracht haben. Breuer konstruierte seinen Sessel, der zunächst aus Holz gefertigt werden sollte, in Dessau aus Stahlrohr. Sitzfläche, Arm- und Rückenlehnen wurden mit Eisengarn bespannt. Breuer schuf mit dem Sessel ein charismatisches Stück Design. Und er vermarktete es clever. Denn Breuer verkaufte den Sessel nicht unter dem Namen Bauhaus, sondern in einer eigenen Firma. Heute wird das Möbel von Knoll International weiter produziert. (Mit dpa)



Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN