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Studie der Universität Bielefeld Doch kein magischer Blick: "Mona-Lisa-Effekt" braucht neuen Namen

Leonardo da Vincis weltberühmtes Gemälde "La Gioconda" ("Mona Lisa") beschäftigt auch die Wissenschaft. Foto: dpa/EPA/HORACIO VILLALOBOSLeonardo da Vincis weltberühmtes Gemälde "La Gioconda" ("Mona Lisa") beschäftigt auch die Wissenschaft. Foto: dpa/EPA/HORACIO VILLALOBOS

Bielefeld/Paris. Oft wurde behauptet, die Augen der "Mona Lisa" würden dem Betrachter des weltberühmten Gemäldes folgen, wenn er sich bewegt. Der Eindruck trügt, haben nun Forscher nachgewiesen.

Sie ist eines der berühmtesten Gemälde der Welt: Die "Mona Lisa" von Leonardo da Vinci ist seit mehr als 200 Jahren im Pariser Museum Louvre ausgestellt. Über ihr geheimnisvolles Lächeln und ihren Blick sind seitenweise Abhandlungen verfasst worden. Besonders verbreitet ist die wissenschaftliche Behauptung, Betrachter der "Mona Lisa" hätten den Eindruck, ständig von ihr angesehen zu werden, wenn sie sich bewegen. 

Zwei Forscher der Universität Bielefeld räumen im Forschungsmagazin "i-Perception" nun mit diesem Mythos auf. Den "Mona-Lisa-Effekt" an sich gebe es zwar, jedoch ausgerechnet nicht bei dem namensgebenden Gemälde.

"Menschen sind sehr gut in der Lage einzuschätzen, ob sie von anderen angeschaut werden oder nicht. Das hat die Wahrnehmungspsychologie erstmals schon in den 1960er-Jahren nachgewiesen", sagte Gernot Horstmann aus der Forschungsgruppe Neurokognitive Psychologie. Er ist Spezialist für die Erforschung von Blickbewegungen. 

Schaut Mona Lisa ihren Betrachter an oder nicht? Dieser Frage gingen Prof. Dr. Gernot Horstmann (links) und Dr. Sebastian Loth vom Exzellenzcluster CITEC nach. Foto: CITEC/Universität Bielefeld

Wann meinen wir, angesehen zu werden?

Auch bei Fotos und Gemälden können Menschen das Gefühl haben, angesehen zu werden – und zwar dann, wenn die dargestellte Person geradeaus aus dem Bild schaut, das ist ein Blickwinkel von null Grad", sagt Horstmann. 

Bei einem leicht seitlichen Blick fühlt man sich gerade noch angesehen, zum Beispiel, wenn die porträtierte Person einem gewissermaßen auf das Ohr guckt. Wenn die Blickrichtung um mehr als fünf Grad abweicht, fühlt man sich nicht mehr angeschaut.Gernot Horstmann, Spezialist für die Erforschung von Blickbewegungen

Eine Besonderheit des Effekts: "Um den Eindruck zu haben, von einem Bild angesehen zu werden, müssen wir nicht frontal davor stehen", sagte Sebastian Loth aus der Forschungsgruppe Kognitive Systeme und soziale Interaktion. "Der Eindruck entsteht auch dann, wenn wir uns links oder rechts und in unterschiedlichen Abständen von dem Bild befinden."

Der Linguist forscht im Bereich der Kommunikation von Robotern und Avataren. In Studien begegne er dazu immer wieder dem Begriff "Mona-Lisa-Effekt", benannt nach dem Ölgemälde aus dem 16. Jahrhundert. "Der Effekt selbst ist ja tatsächlich nachweisbar", sagte Loth. "Doch gerade bei Mona Lisa hatten wir nicht das Gefühl, dass sie uns anschaut."

Tests mit 24 Probanden und Zollstöcken

Für ihre Untersuchung ließen die Wissenschaftler 24 Testpersonen die Blickrichtung der "Mona Lisa" auf einem Bildschirm beurteilen. Dafür saßen die Probanden frontal vor dem Monitor, ein Zollstock quer davor, anhand dessen sie angaben, wohin der Blick der "Mona Lisa" gerichtet ist. Um zu testen, ob einzelne Gesichtsmerkmale die Wahrnehmung der Blickrichtung beeinflussen, erprobten die Forscher auch anhand 15 verschiedener Nahaufnahmen des Porträts den vermeintlichen Effekt.

Für ihre Untersuchung haben die Forscher Zollstöcke als Skala verwendet. Die Versuchspersonen gaben an, über welche Zahl Mona Lisa ihrer Ansicht nach hinwegschaut. Foto: CITEC/Universität Bielefeld

Insgesamt sammelten Horstmann und Loth so mehr als 2000 Einschätzungen, teilte die Universität mit. Fast alle Testpersonen verorteten die Blickrichtung nicht geradeaus, sondern rechts aus Sicht des Betrachters. 

"Der Blickwinkel liegt bei 15,4 Grad", sagte Gernot Horstmann. "Damit steht fest: Der Begriff Mona-Lisa-Effekt ist ein Misnomer – eine Falschbezeichnung. Der Begriff veranschaulicht das starke menschliche Bedürfnis, im Zentrum der Aufmerksamkeit anderer Menschen zu stehen – also jemandem wichtig zu sein, auch wenn man diese Person überhaupt nicht kennt." 


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