Gérard Dépardieu wird 70 Koloss des Kinos mit Lust am Bruch aller Regeln

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Massig, schwer, unkontrolliert: Gérard Dépardieu fasziniert als das größte Enfant terrible unter den Schauspielern. Foto: Boris Pejovic/dpaMassig, schwer, unkontrolliert: Gérard Dépardieu fasziniert als das größte Enfant terrible unter den Schauspielern. Foto: Boris Pejovic/dpa

Osnabrück. Er ist Freund von Wladimir Putin, unmäßiger Trinker und in die #MeToo-Debatte verstrickt: Gérard Dépardieu bricht alle Regeln. Das Publikum kennt ihn als Obelix und als Filmpartner von Catherine Deneuve. Mit Lust an der Provokation zeigt Dépardieu, dass Kunst nichts mit Moral zu tun hat. Am 27. Dezember 2018 wird er 70.

Und jetzt auch noch das. Er soll eine Schauspielerin von 20 Jahren vergewaltigt haben. Gérard Dépardieu mitten in der #MeToo-Debatte: Hatten wir ihn nicht genau da nach all seinen anderen Skandalen schon lange erwartet? Ein "Monster", so hat sich der Kinokoloss aus Frankreich in seinen Memoiren 2017 selbst genannt. Als Saufbold und Diktatorenfreund, der seinen Ruhm verprasst und vergeudet, steht er da, 70 Jahre und kein bisschen weise. Aber warum schockt Gérard Dépardieu? Weil er vorführt, das Kunst und Moral so gar nichts miteinander zu tun haben müssen und nichts dabei findet. Hier weiterlesen: Dépardieu nach Missbrauchsvorwürfen verhört.

Der russische Präsident Wladimir Putin (r) begrüßt den französischen Schauspieler Gerard Depardieu. Foto: Mikhail Klimentyev / Pool/RIA NOVOSTI POOL/dpa


Paraderolle Obelix

Ob er Hand an die junge Frau gelegt hat, ist nicht erwiesen. Die Polizei hat Dépardieu im November 2018 vernommen und ihn wieder gehen lassen. Sein Ruf war da schon ruiniert. Das Bild des dicken, gutmütigen Obelix, den er in einer ganzen Reihe von Asterix-Filmen verkörpert hat, das Image des weinseligen Gourmants, die Erinnerung an den Star der Nouvelle Vague - all das ist längst verbraucht und verraucht, aus und passé. Der Mann hatte abgewirtschaftet, als er sich Russlands Herrscher Waldimir Putin in die Arme warf. Hat sich der Instinktschauspieler Dépardieu nicht grandios verrannt mit seinem degoutanten Hang zu Potentaten? 



Sohn armer Eltern

Dabei folgt dieser massige Mann seinen frühen Erfahrungen. Der Sohn armer, kaum des Lesens und Schreibens kundiger Eltern absolviert vor seiner Filmkarriere eine andere, dunkle Laufbahn als kleiner Dieb, der sich auch für Sex an Männer verkauft. Das Erlebnis einer Molière-Aufführung ändert für ihn alles. Dépardieu wirft sich auf den Film. Und er fasziniert, weil er wie der Fallschirmjäger Alain Delon oder der Boxer Lino Ventura eine Aura der Gefährlichkeit besitzt, ohne sie erst spielen zu müssen. Dépardieu auf der Leinwand, das ist eine explosive Mischung aus Phlegma und Gewaltbereitschaft. Hier weiterlesen: Am Rockzipfel des Stars - Dépardieu als Comicheld.



An der Seite von Catherine Deneuve

Der Schritt über die Grenze, über den die meisten erst lange nachdenken, für Dépardieu ist er nur eine Sekundensache. Ob in "Die letzte Métro" an der Seite von Catherine Deneuve oder in "Die Frau von nebenan" mit Fanny Ardant - der hünenhafte Mime brilliert nicht als Mann für gewisse Stunden, er imponiert als Berserker, der sich nur mit Mühe in den Grenzen der Konvention zu halten vermag. Wenn Dépardieu spielt, dann geht es hoch hinaus, ob als Haudegen Cyrano de Bergerac, als Romangenie Honoré de Balzac oder gleich als Napoleon, Heros aller Heroen. Als Charakterkopf und Kraftgenie wird er bejubelt, als ungehobelter Raufbold verachtet.



Die Schauspieler Catherine Deneuve und Gerard Depardieu bei einem Photocall anlässlich ihres neuen Films "Asterix und Obelix - Im Auftrag Ihrer Majestät". Foto: Jörg Carstensen/dpa


Caravaggio des Kinos

Aber gespalten ist nicht Dépardieu, gespalten ist sein Publikum. Denn es verehrt Dépardieu, diese Masse Mensch, für seine Intensität und lästert über seine Fehltritte. Dépardieu, das ist der Caravaggio des Kinos, der Idealtyp des Künstlers ohne Moral, der lebt, was andere nur schauspielern. Mit der Freiheit, die er sich ohne langes Zögern nimmt, fordert er die Bürgerlichen heraus. Der Takt der besseren Kreise fehlt ihm. Dafür leitet ihn die feine Nase der Deklassierten. Sein Kotau vor Putin, sein Besuch in Nordkorea, seine Avancen Richtung Erdogan, sind das nicht alles genau jene Verletzungen des guten Geschmacks, mit denen sich der ewige Underdog am Establishment rächt? Hier weiterlesen: Filmdiva mit dem Hauch der Unnahbarkeit - Catherine Deneuve.



Zuflucht in Nordkorea?

Gérard Dépardieu wird 70. Er ist längst ein Großer des Films, auch eine lebende Legende. Aber zur Ikone hat es nicht gereicht und das nicht nur, weil die Züge seines massigen Gesichts längst teigig verschwommen und verlaufen sind. Im gleichen Maß, wie Catherine Deneuve, seine Filmpartnerin aus "Die letzte Metro" zum Standbild ihrer selbst gewachsen ist, hat Dépardieu an Kontur und Klarheit verloren. Dieser Berg von einem Mann wirkt in den letzten Jahren wie ein großes Kind, dass sich in den hohen Hallen des Ruhms verlaufen hat. Von Putin ließ er 2013 die russische Staatsbürgerschaft verleihen. Zuletzt wurde er er in Pjöngjang gesichtet.  Ob Dépardieu nun gar noch in Nordkorea nach Glanz und Glorie sucht? Zuzutrauen wäre es ihm.




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