Neu im Kino Persiche Filmpoesie trotz Zensur: "Drei Gesichter"

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Der Regisseur Jafar Panahi und die Schauspielerin Behnaz Jafari erkunden das Leben in der iranischen Provinz.  Bild: Weltkino-Verleih.Der Regisseur Jafar Panahi und die Schauspielerin Behnaz Jafari erkunden das Leben in der iranischen Provinz. Bild: Weltkino-Verleih.

Osnabrück. Trotz Verbot: Jafar Panahis Roadmovie "Drei Gesichter" spürt persischer Alltagskultur nach: Er beschreibt die Suche einer vermeintlich Toten im Nordwesten des Iran.

Am Anfang steht ein erschreckendes Handyvideo. Darin beklagt sich eine junge Frau unter Weinkrämpfen, wie sie von ihrer Familie unterdrückt wird. Sie befestigt ein Seil an einen Ast, schlingt sich einen Henkersknoten um den Hals, lässt sich fallen. Die Aufnahme bricht ab.

Ist es ein letzter Abschied? Ein makaberer Scherz? Unter Schock stehend, macht sich die beliebte Schauspielerin Behnaz Jafari (als sie selbst) zusammen mit Jafar Panahi (dem Regisseur) auf, um das Mädchen in einer ländlichen Gegend im Nordwesten des Iran zu suchen.

Warum aber hat ausgerechnet Behnaz Jafari das Video erhalten? Schließlich kannte sie das Mädchen gar nicht. Und werden sie und ihr Begleiter aus der großen Stadt Teheran auf dem Land zurecht kommen? Werden sie die Wahrheit herausfinden? Oder wird alles versucht werden,,um die „schändliche Angelegenheit“ eines Suizids zu vertuschen?

Im entlegenen Heimatdorf der jungen Frau gibt man sich jedenfalls ahnungslos. Gleichwohl wird das Mädchen seit einigen Tagen vermisst, und der Besuch bei ihrer Mutter und ihrem älteren Bruder deutet auf schwere Konflikte hin.

Doch auf dem Weg durch die kargen Berglandschaften und bäuerlichen Ansiedlungen lernen die beiden Teheraner das einfache Leben auf dem Land sowie die politischen Verwerfungen im Alltag kennen.

Der Iran ist für viele oft eine hierzulande fremde Welt. Wie gut, dass  „Drei Gesichter“ ein Fenster zu den Menschen und ihrer Kultur öffnet. Und das in einem Film, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Schließlich wurde Regisseur Jafar Panahi durch die iranische Justiz seit 2010 mit einem Berufs- und Ausreiseverbot belegt. Er filmt  dennoch. Im listig betitelten Kammerspiel „Dies ist kein Film“ (2011) etwa lässt sich Panahi zeigen, wie er, unter Hausarrest stehend, seine Situation als Zensierter reflektiert..Und in „Taxi Teheran“ (2015), dem Gewinner des Goldenen Bären, gibt er vor, ein Taxifahrer zu sein, der seinen Alltag mittels einer Videokamera dokumentiert. Gleichzeitig bietet die der Film ein durchkomponiertes Kaleidoskop der Stadt Teheran.

Aus dem Iran herausgeschmuggelt, machten diese Filme Panahi weltweit zum Fanal gegen Zensur, Im ebenfalls heimlich gedrehten „Drei Gesichter“, in Cannes für das Drehbuch ausgezeichnet, benutzt Panahi einen scheinbar „authentischen“, quasi neorealistischen Stil mit vielen Laiendarstellern und Originalschauplätzen.

Auf einer zweiten Ebene reflektiert der Film aber auch das persische Kino. Nicht nur mittels einer Hommage auf den 2016 verstorbenen Regiestar Abbas Kiarostami („Der Geschmack der Kirsche“), dessen Assistent Panahi einst war, sondern auch durch den Titel. „Drei Gesichter“ bezieht sich schließlich auf drei Generationen von Schauspielerinnen: Da ist eine in der Handlung unsichtbar bleibende, verarmte Frau, die vor der Islamischen Revolution von 1979 ein großer Star war, auf die heute tätige, im Iran sehr bekannte Behnaz Jafari, sowie das Mädchen aus dem Handyvideo, das zur Schauspielschule gehen will. Vergangenheit, das Heute und die Zukunft - sie sind vereint in den Frauenfiguren des Films!

All das macht "Drei Gesichter" zu einer ebenso poetischen wie politischen Beschreibung des Hier und Jetzt. Ein faszinierender Film.


„Drei Gesichter“. Iran 2018. R.: Jafar Panahi. D.: Behnaz Jafari, Jafar Panahi. 101 Minuten. FSK: ab 12. Cinema-Arthouse, Cinestar

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