Neu im Kino In "Shoplifters" werden Waren und Herzen gestohlen

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Ein Familienausflug ans Meer: Nobuyo (Sakura Ando), Aki (Mayu Matsuoka), Yuri (Miyu Sasaki), Shota (Kairi Jyo) und Osamu (Lily Franky). Foto: Wild Bunch Germany 2018Ein Familienausflug ans Meer: Nobuyo (Sakura Ando), Aki (Mayu Matsuoka), Yuri (Miyu Sasaki), Shota (Kairi Jyo) und Osamu (Lily Franky). Foto: Wild Bunch Germany 2018

Osnabrück. "Shoplifters" von Hirokazu Kore-eda, in Cannes mit dem Hauptpreis ausgezeichnet, erzählt vom Alltag einer Diebesfamilie.

Jede Geste sitzt perfekt. Als sich der mittelalte Osamu mit Shota, einem etwa 14-jährigen Jungen, in einem Laden umsieht, klauen beide Lebensmittel. Fertiggerichte verschwinden in einem Rucksack, Getränkedosen landen in Taschen, während der jeweils andere geschickt die Verkäufer ablenkt. Kein Zweifel: Die beiden sind ein eingespieltes Team.

Und doch schafft es der Film, Sympathie auf die Diebe zu lenken. Spätestens als sie in ihre vollgepackte, von drangvoller Enge gekennzeichnete Behausung ankommen. Beide sind erkennbar arm, ihre Diebstähle dienen dem blanken Überleben. Die Beute teilen sie sich dabei mit ihren Mitbewohnern: der Rentnerin Hatsue, der Mittdreißigerin und Lebensgefährtin von Osamu, Noboyu, sowie der jungen Aki, die als Model in einer Peepshow arbeitet.

Düstere Geheimnisse

Dann jedoch, in einer bitterkalten Winternacht, stößt ein kleines Mädchen hinzu. Von ihren Eltern allein gelassen und vernachlässigt, wird Yuri nach einem Raubzug in die „Familie Shibata“ aufgenommen, wo sie erstmals so was wie menschliche Wärme erlebt.

Doch auch sie erlernt das Klauen. Bis eines Tages etwas schief läuft, die Polizei nachforscht und dabei einige düstere Geheimnisse der familiären Gemeinschaft zu Tage treten.

Japanische Tradition

„Shomin-geki“ - so werden in Japan Geschichten genannt, die sich mit „kleinen Leuten“ beschäftigen. Als Genre bezeichnet es dort eine jahrzehntelange, eigenständige Kinotradition. Regisseur Hirokazu Kore-eda gilt seit den 90er Jahren als neuer, unerreichter Meister dieser Filmgattung.wie sein neuestes Werk „Shoplifters“ perfekt beweist.

Denn der Film, in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, stellt die Dramen des Alltags in den Vordergrund, wie etwa auch  in Kore-edas bekannten  Vorgängern „Still Walking“ (2008), „Like Father, Like Son“ (2013) oder „Unsere kleine Schwester“ (2015). Damit steht er ganz  in der Tradition von Yasujiro Ozu (1903–1963) und Mikio Naruse (1905-1969), aber auch dem britischen Regisseur Ken Loach, dem großen Vorbild Kore-edas. Und wie so oft zuvor, gilt sein Hauptinteresse auch hier der Bedeutung der Familie.

Zutiefst berührend

„Macht eine Geburt einen schon zur Mutter?“. Der Satz, einmal im Film geäußert, hätte zweifellos einen passenden Alternativtitel für „Shoplifters“ abgegeben und das Thema von "Shoplifters" perfekt zusammenfasst. Schließlich behandelt er das Konfliktfeld zwischen biologischen Banden und Wahlverwandtschaften. Vor allem im  Mittelteil vermitteln lange Einstellungen dabei einen oft einen realistischen Charakter. Da wundert es nicht, zu erfahren, dass das Drehbuch des früheren Dokumentarfilmers Hirokazu Kore-eda auf wahren Ereignissen fußt.

Am Ende werden Gewissheiten umgeworfen, moralische Fragen gestellt und ein simples, kaum hörbares Wort wie „Papa“, schafft es zutiefst zu berühren.

Die Schönheit im Alltag suchen, dabei das Leben finden und nebenbei den richtigen Erzählton zu treffen – all diese Qualitäten lassen „Shoplifters“, übrigens Japans aktuelle Oscar-Einreichung, zweifelsohne zu einem der reifsten und gelungensten Filme des Jahres werden.


„Shoplifters - Familienbande“. Japan 2018. R.: Hirokazu Kore-eda. D.: Lily Franky, Jyo Kairi,Sasaki Miyu, Ando Sakura, Kiki Kilin, Matsuoka Mayu. 121 Minuten. FSK: ab 12.

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