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Mehr als eine Erweiterung: Libeskind-Anbau schenkt Osnabrück ein Museumszentrum Das ganz neue Gesicht

Von Dr. Stefan Lüddemann


Osnabrück. Fenster wie Blitze, harsche Fassadenschnitte, ein in die Diagonale gekipptes Entree: Nach außen zeigt der Anbau an das Felix-Nussbaum-Haus das für Daniel Libeskind gewohnt expressive Gesicht. Innen wartet hingegen – welcher Kontrast – nichts als Helligkeit und Übersicht. Viel wichtiger: Der Anbau verschweißt vier vereinzelte Häuser endlich zu einem Museumskomplex. Und er öffnet das Areal in überraschend logischer Weise zum städtischen Umfeld.

Dabei ließe sich mit spöttischem Unterton einwenden, dass Stararchitekt Libeskind mit dem rund drei Millionen Euro teuren Baukörper eigentlich nur sein bereits 1998 eröffnetes Felix-Nussbaum-Haus endlich fertiggestellt hat. Das als Anbau an das Kulturgeschichtliche Museum konzipierte Haus bewahrt hinter expressiver Fassade das Werk des Osnabrücker Malers Felix Nussbaum, der 1944 von den Nationalsozialisten aus dem belgischen Exil verschleppt und gemeinsam mit seiner Frau, der Malerin Felka Platek, in Auschwitz ermordet wurde. Libeskind konzipierte das Museum, übrigens sein erstes realisiertes Projekt überhaupt, als dramatisch aufgeladene, kantig verwinkelte Skulptur mit Mahnmalqualitäten – und als gebaute Verweigerungshaltung gegenüber Altbau und Stadtraum. Im Zeichen der Rettung des verloren geglaubten Lebenswerkes eines Holocaust-Opfers, das Bilder wie das inzwischen berühmte „Selbstbildnis mit Judenpass“ zum Protestzeichen gegen sein düsteres Opferschicksal formte, machte das sogar Sinn.

Der Bau krankte hingegen an allen Zeichen einer mangelhaften Aufenthaltsqualität. Enges Foyer, eine Kammer als Café, der bald zum Ersatzbüro umfunktionierte Vortragssaal, kein Platz für die Pädagogik und obendrein ein labyrinthisches Raumgefüge machten das Felix-Nussbaum-Haus leider auch im Hinblick auf seine fragwürdige Ausstattung zur Ausnahmeerscheinung unter den Kunstmuseen.

Der gleichfalls von Daniel Libeskind verantwortete Erweiterungsbau behebt dieses Manko. Das neue Gebäude nimmt Besucher gebührend gastfreundlich auf. Kasse und Shop im Erdgeschoss, Bibliothek, Mediathek und Lounge im Obergeschoss – so lautet im Stenogramm das neue Angebot auf rund 240 Quadratmeter Nutzfläche. Die auf den ersten Blick so turbulent wirkenden Fensterschnitte entfalten von innen überraschende Funktionalität. Sie lassen nicht nur erstaunlich viel Licht herein, sie eröffnen auch Durchblicke, die den Stadtraum näher an das Museum holen. Vor allem das Heger Tor, Denkmal und Entree zur Altstadt, avanciert nun zum optischen Vis-à-vis des Museums.

Noch wichtiger: Der Anbau fungiert als einheitlicher Eingang für mehrere Einzelhäuser und lenkt die Besucher in die unterschiedlichen Sammlungs- und Ausstellungsbereiche. Orientierungsprobleme, die sich für Besucher des Areals bislang unweigerlich ergaben, sind damit gelöst. Obendrein bindet das neue Haus die vier Museumsstandorte – neben Kulturgeschichtlichem Museum und Felix-Nussbaum-Haus gibt es noch die Villa Schlikker und das Akzise-Haus – zu einem Museumsquartier en miniature zusammen, das endlich in schlüssiger Wegeführung als Einheit aus lauter Vielheiten erlebt und erschlossen werden kann. Über einen bloßen Anbau hinaus erhält Osnabrück damit ein noch viel wichtigeres Geschenk: ein Museumszentrum in City-Lage.

In diesem neuen Zentrum werden die einzelnen Häuser nicht nur neu miteinander vernetzt, sie gewinnen auch teilweise neue Funktionen hinzu, weisen Veränderungen ihres Raumprogramms auf. Das betrifft vor allem die beiden größeren Häuser. Das Souterrain des Kulturgeschichtlichen Museums bietet mit Garderoben, Cateringzone und Veranstaltungsbereich nun Servicefunktionen für das ganze Areal – um den Preis von Ausstellungsfläche, die zuvor der regionalen Archäologie vorbehalten war. Spürbar auch die Veränderungen für das Felix-Nussbaum-Haus: Der Zugang, eine vormals offene Metallbrücke, ist nun überdacht, die Eingangstür öffnet sich direkt in den jetzt verlängerten „Gang der ungemalten Bilder“, einen eindrucksvollen Korridor zwischen blanken Betonwänden. Die vormalige Kassenzone vereinigt sich zudem mit einem Ausstellungsraum zu einem vergrößerten Saal, der die Raumfolge des Museums sehr viel eindrucksvoller als bislang eröffnet.

Das alles wirkt stimmig – bis auf die Tatsache, dass Libeskind seine in lauter Asymmetrien zersprengte Ausdrucksarchitektur auch umstandslos auf einen einfachen Zweckbau überträgt. Was beim Felix-Nussbaum-Haus zum pathetisch aufgeladenen Zeichen für eine im Holocaust untergegangene Künstlerexistenz avancieren sollte, liefert nun die bloße Hülle für Kasse und Shop. Natürlich hatte Libeskind keine andere Wahl, als für den Anbau seinen längst zur global gefragten Marke verfestigten Baustil beizubehalten. Sein Anspruch, mit jedem Detail seiner Bauten auch eine inhaltliche Aussage transportieren zu wollen, hat hingegen spürbar gelitten.

Mögen die Sammlungen von Stadtgeschichte bis Malerei auch denkbar disparat sein – zur Neueröffnung am nächsten Donnerstag erproben die Direktorinnen Dr. Eva Berger und Inge Jaehner mutig eine neue Form des Ausstellungsdialogs, der vorführt, wie das veränderte Raumprogramm der Häuser auch inhaltlich mit Leben erfüllt werden könnte. Unter dem anspruchsvollen Titel „Anmut und Würde“ bringen sie Felix Nussbaums neusachliche Malerei mit Grafiken Albrecht Dürers ins Gespräch. Zu diesen Werkblöcken aus den Haussammlungen gesellen sich zeitgenössische Arbeiten von Künstlern wie Arnulf Rainer, Sigalit Landau und anderen. Dieses Programm sorgt auf den ersten Blick für kräftige Kontraste und stiftet im nächsten Moment unverhoffte Allianzen. Aber genau dieses Wechselbad der Impulse passt ja bestens zu der impulsiven Architektursprache Daniel Libeskinds.


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