Skandale von 2018 im Rückblick Turbulentes Kulturjahr der Absagen und Schlussstriche

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Sie fanden sich mitten im Tumult politischer Konflikte wieder: die Musiker von Feine Sahne Fischfilet bei ihrem Auftritt in Dessau. Foto: Hendrik Schmidt/dpaSie fanden sich mitten im Tumult politischer Konflikte wieder: die Musiker von Feine Sahne Fischfilet bei ihrem Auftritt in Dessau. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Osnabrück. Ist die Freiheit der Kunst in Gefahr? 2018 sehen sich viele Kulturmacher jedenfalls ungewohntem Druck ausgesetzt. Bei den Skandalen um Feine Sahne Fischfilet, die Rapper Kollegah und Farid Bang sowie den Literaturnobelpreis geht es um Freiheit, Anstand und eigene Maßstäbe.

2018 ist das Jahr der Absagen und Schlussstriche. Die Schwedische Akademie sagt die Vergabe des Literaturnobelpreises ab. Jean-Claude Arnault, dem Mann des Akademie-Mitglieds Katarina Frostenson, werden sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch vorgeworfen. Der Bundesverband Musikindustrie zieht einen Schlussstrich unter die Geschichte des Echo-Musikpreises. Nach der Auszeichnung der Rapper Kollegah und Farid Bang mit dem Preis kommt es wegen antisemitischer Textzeilen in Songs der beiden Musiker zum Eklat. Und schließlich löst das Bauhaus in Dessau mit der Absage eines Konzerts der linken Punkband Feine Sahne Fischfilet eine Debatte um die Freiheit der Kunst aus. Drei Absagen, drei Kontroversen, die zeigen, wie sehr die Kultur selbst zum Feld gesellschaftlicher Konflikte geworden ist.  Hier weiterlesen: Angriff von Rechts - Kulturhäuser stehen unter Druck. Eine Analyse.

Die Rapper Kollegah (l) und Farid Bang feiern auf der Party nach der 27. Verleihung des Deutschen Musikpreises Echo. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Volksverhetzung gegen die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang. Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa


Das Wahre und Gute?

An diese Änderung des Rollenfachs müssen sich viele Kulturmacher erst noch gewöhnen. Sicher, Kultur soll gesellschaftliche Konflikte und Debatten spiegeln. So betonen es Deutscher Kulturrat, der Bühnenverein, viele Intendanten, Autoren oder Direktoren immer wieder gern. Kultur und Kunst sehen sie dabei stillschweigend als jene Tribüne, von deren höherer Warte aus gesellschaftliche Konfliktlagen betrachtet und kommentiert werden können. Die Streitereien und Interessenkonflikte des Alltags haben draußen zu bleiben. Diese sehr deutsche Vorstellung einer vom sonstigen Leben abgetrennten Sphäre des Schönen, Wahren, Guten steuert immer noch den Blick vieler Kulturleute.  

Hier weiterlesen: Das Drehkreuz der Geschichten: Im Gewimmel der Frankfurter Buchmesse.

Direktorin wirkt hilflos

Bauhausdirektorin Claudia Perren wirkte entsprechend hilflos, als sie das Konzert von Feine Sahne Fischfilet auf Druck rechter Störer unter Hinweis auf den Schutz des Weltkulturerbes Bauhaus absagte. Perren stellte damit nicht nur das konservatorische Interesse über die Kunstfreiheit, sie diskreditierte gleichzeitig auch das Bauhaus selbst, das in seiner Geschichte immer auch ein politischer Ort gewesen war. Die pure Ästhetik der Designklassiker überdeckt heute, wie sehr das Bauhaus weltanschaulich umkämpft war und auf Druck der extremen Rechten erst von Weimar nach Dessau umziehen und 1933 ganz aufgeben musste.

Drohung mit Gewalt

Heute machen Rechtspopulisten oder auch Rechtsextreme wieder Druck gegen Kultureinrichtungen. Populisten stellen vor allem die öffentliche Förderung von Kulturprogrammen infrage, diffamieren ihre Produzenten als angeblich abgehobene Elite. Und sie drohen inzwischen auch ganz konkret mit Gewalt. Das zeigte sich in Dessau vor dem Auftritt von Feine Sahne Fischfilet und auch in Bad Schwartau, wo die Aufführung des Dokumentarfilms „Wildes Herz“ über die Punkband im Rahmen der Schulkinowoche nach einer Bombendrohung abgesagt wurde.

Bündnis der Kultur

Aber was ist die Freiheit der Kunst noch wert, wenn es Rechten gelingt, aus ihrer Sicht missliebige Kulturprogramme mit der bloßen Androhung von Störungen oder Gewalt zu kippen? Hunderte Kulturinstitutionen haben reagiert und sich mit der „Erklärung der Vielen“ in einem Bündnis zusammengeschlossen. Neue Solidarität soll eine Szene prägen, die sich eigentlich aus lauter Individualisten zusammensetzt.



Querelen um Personen

Zugleich produziert die Kultur 2018 Personalquerelen in Serie. Der geschmähte Chris Dercon gibt an der Berliner Volksbühne auf, Okwui Enwezor verlässt das Münchener Haus der Kunst, weil er sich „nicht mehr erwünscht“ fühlt. Und in Wuppertal tobt ein verbissen geführter Kleinkrieg um das Tanztheater Pina Bausch, dessen Leiterin Adolphe Binder fristlos gekündigt wird. Kultur spiegelt nicht nur gesellschaftliche Konflikte, sie ist selbst Schauplatz der Fehlentwicklungen. Das zeigt sich an dem Entsetzen über die Rapper Kollegah und Farid Bang und ihre hässlichen Liedzeilen, aber auch daran, dass die Enthüllungen im Zeichen von #MeToo weitergehen. Dirigent James Levine und Regisseur Dieter Wedel verlieren ihre Posten nach Vorwürfen sexueller Belästigung von Mitarbeitern.

Keine neue Lage

2018 hat gezeigt, dass Kulturmacher umdenken müssen. Sie müssen eigenes Verhalten überprüfen und die Freiheit der Kunst bewahren. Eine neue Lage? Eigentlich nicht. Genau besehen, war diese Freiheit immer zu verteidigen, ihre Tolerierung eine historische Ausnahme.


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