Künstlerin Brigitte Waldach Faden der Erinnerung im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus

Faden der Erinnerung: Künstlerin Brigitte Waldach, Kuratorin Mechthild Achelwilm und Musuemsdirektor Nils-Arne Kässens (von rechts) präsentieren die Rauminstallation "Existenz". Foto: Jörn MartensFaden der Erinnerung: Künstlerin Brigitte Waldach, Kuratorin Mechthild Achelwilm und Musuemsdirektor Nils-Arne Kässens (von rechts) präsentieren die Rauminstallation "Existenz". Foto: Jörn Martens 

Osnabrück. Ein Kunstwerk aus Fäden? Die Künstlerin Brigitte Waldach verwandelt einen Raum des Osnabrücker Felix-Nussbaum-Hauses mit farbigen Fäden in eine Raumskulptur. Ihr Projekt "Existenz" bringt frisches Leben in ein Museum, das mit Bildern zum Holocaust zum Gedenkort geworden ist.

Sie hat den Ariadnefaden für das Labyrinth der Erinnerung: Brigitte Waldach spannt diesen Faden jetzt im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus aus. Einen ganzen Kilometer lang strebt dieser Faden kreuz und quer durch einen einzigen Saal des Museums. Die Berliner Künstlerin lässt ihn auf mehreren Spuren von einem aufgezeichneten Davidsstern aus seine Reise beginnen. Der Faden spannt sich zwischen Boden und Decke aus, berührt Wände, macht kehrt, eilt wie eine Lichtspur in entfernte Ecken dieses Raums, den Architekt Daniel Libeskind wie einen gezackten Splitter entworfen hat. "Existenz" nennt Brigitte Waldach ihre Installation. "Erinnerung" hätte sie auch heißen können.

Vom roten Davidsstern aus laufen die Fäden der Installation durch den Raum des Felix-Nussbaum-Hauses. Foto: Jörn Martens


Mit Waldachs Werk startet im Felix-Nussbaum-Haus eine neue Reihe, die auf den matten Namen "Gegenwärtig" hört und seit Jahren überfällig ist. Museumschef Nils-Arne Kässens will mit dem neuen Format das Werk des 1944 in Auschwitz ermordeten Malers Felix Nussbaum mit der Kunst der Gegenwart verbinden. Einmal im Jahr soll nun im ersten Raum des Hauses ein zeitgenössischer Künstler zu Nussbaum und seinen Bildern arbeiten und so dieses den Themen Exil und Holocaust verpflichtete Werk neu öffnen. Das ist sinnvoll. Die Symbiose von Nussbaums Werk und Libeskinds Architektur macht aus dem Museum ein Mahnmal. Frische Fragen bringen Leben in diese fest gefügte Konstellation und helfen zudem, die Erinnerung an den Holocaust mit neuen Perspektiven zu beleben.

Der Davidsstern als Zentrum: Brigitte Waldachs Entwurfsskizze für ihre Installation im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus. Copyright: Brigitte Waldach


Dynamische Raumskulptur

Brigitte Waldach verspannt ihre Fäden von drei Punkten aus zur dynamischen Raumskulptur. Auf eine Wand hat sie Lebensstationen des Malers geschrieben. Von Nussbaums Geburtsort Osnabrück aus streben die Fäden in eine düstere Ecke wie einem furchtbaren Schicksal entgegen. Waldach hat zu den beiden Seiten des Punktes, in dem die Fäden zusammenlaufen, die KZ-Nummern von Felix Nussbaum und seiner Frau Felka Platek notiert. An der engsten Stelle des Raumes vernäht die Künstlerin eine schmale Passage, die sie mit Bildzitaten aus Nussbaums Selbstbildnis mit Judenpass und dem Gemälde "Jaqui in der Strasse" versehen hat. Dritte Situation: Aus einem aufgezeichneten Davidsstern scheinen sechs Fäden in den Farben Schwarz, Weiß und Rot wie Lichtstrahlen hervorzuschießen. Die schwarzen Fäden verschwinden in einem weiteren Raumwinkel als Zeichen düsteren Schicksals, die weißen Fäden streben gegen eine Seitenwand, queren den Raum und scheinen durch die nächste Wand nach draußen zu führen - als Zeichen eines Aufbruchs, der den Tod des Künstlers überwindet.

Brigitte Waldach platziert ihr Zitat aus Nussbaums "Selbstbildnis mit Judenpass" an der schmalsten Passage des Museumsraumes. Foto: Jörn Martens


Fäden sind ihr Material

Brigitte Waldach musste ihr Konzept für das Felix-Nussbaum-Haus nicht erst neu erfinden. Fäden sind ihr Material, Rauminstallationen ihr Medium, Geschichte und Erinnerung ihr Thema. Die 1966 in Berlin geborene und an der Hochschule für Künste als Meisterschülerin von Georg Baselitz ausgebildete Künstlerin hat die gezeichnete Linie mit Textilfäden in den dreidimensionalen Raum übersetzt. Auf diese Weise lässt sie nicht nur Zeichnung und Skulptur miteinander verschmelzen. Waldach kombiniert auch Zeichnung und Text, bringt Zitat und präsente Bildwirkung zusammen. Fäden spannt sie nicht nur durch Ausstellungsräume, sondern auch zwischen künstlerischen Gattungen und Arealen persönlicher und kollektiver Erinnerung. Hitler und Parsifal, Krieg und RAF-Terror - Brigitte Waldach ist kein Thema zu groß und zu gewichtig, um es nicht in ihre Fadennetze einspinnen zu können.



Neue Lesarten

Das Verfahren bewährt sich nun im Felix-Nussbaum-Haus. Waldachs Fäden reisen wie Lichtbündel durch den kantigen Raum und verklammern ihn regelrecht. Kuratoren halten den Saal für kaum bespielbar. Die Künstlerin Waldach verwandelt ihn kurzerhand in eine turbulent bewegte Skulptur. Dabei halten die kunstvoll verspannten Fäden nicht nur einen Raum, sondern auch das große Thema der Erinnerung zusammen. Waldach macht aus ihren drei Raumsituationen eine Trias der Lesarten für Nussbaums Schicksal. Sie verweist auf den furchtbaren Tod des Malers, lässt aber auch den Davidsstern als Zeichen der Hoffnung triumphal leuchten und über den Tod hinaus in die Zukunft weisen. Dabei geht sie auch der ganz großen, die plakative Wirkung streifenden Geste nicht aus dem Weg. Wo schwarze und weiße Fäden sich zu zwei Dreiecken teilen, werden auch Untergang und neues Leben hart kontrastiert. Waldach setzt Libeskinds strenger Architektur das pathetische Glanzlicht auf. Auch das muss man können.


Einen Kilometer lang sind die Fäden, die Brigitte Waldach im Felix-Nussbaum-Haus verspannt hat. Foto: Jörn Martens


Berühmtes Selbstbildnis

Die Künstlerin war klug genug, dieser ausgreifenden Bildkonstellation eine intime Situation kontrastierend entgegenzusetzen. Um Felix Nussbaums berühmtes "Selbstbildnis mit Judenpass" ist auch Brigitte Waldach nicht herumgekommen. Sie platziert dieses berühmte, zum Signet Nussbaums und seiner Existenz avancierte Motiv allerdings an einer stillen Seitenwand. Die schmale Passage hat sie mit ihren Fäden regelrecht vernäht. Wer hier anlangt, muss innehalten und mit Nussbaum, seinem Bild und der Erinnerung an das Schicksal der Holocaustopfer in einen stummen Dialog treten. Gerade hier funktioniert die Installation. Waldach greift sicher auf den schwierigen Raum und das sensible Thema zu. Ihr Raumwerk aus farbigen Fäden bringt das Museum und die Werke Nussbaums auf neue Weise zum Sprechen. Die Ausstellungsmacher dürfen einen eindrucksvollen Start der neuen Ausstellungsreihe feiern. Brigitte Waldach hält bei diesem Projekt buchstäblich alle Fäden sicher in der Hand. 

Die Künstlerin Brigitte Waldach erläutert ihre Installation im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus. Foto: Jörn Martens


Osnabrück, Felix-Nussbaum-Haus: Brigitte Waldach: Existenz. Eröffnung: Donnerstag, 13. Dezember 2018, 19 Uhr. Bis 10. November 2019. Di. - Fr., 11-18 Uhr, Sa., So., 10-18 Uhr . Erster Donnerstag im Monat 11 bis 20 Uhr. Zur Info geht es hier.


"Existenz": Das Begleitprogramm zur Ausstellung

Kuratorenführung zu „Brigitte Waldach. EXISTENZ” 

7. Februar 2019 | 18 – 19 Uhr

Künstleringespräch mit Brigitte Waldach und Dr. Mechthild Achelwilm

 24.März 2019 | 15:30 – 16:30 Uhr

Werkgespräch zu „Brigtte Waldach. EXISTENZ”

24. April 2019 | 16:30 Uhr

Brigitte Waldach: Vortrag zum Entstehen der Raumzeichnungen

2. Mai 2019 | 18 – 19 Uhr

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