100 Jahre Weimarer Republik Weimarer Leichtigkeit: Die Leute begannen, brüllend komische Lieder zu trällern

Historisches Abspielgerät: Eine Schallplatte rotiert auf einem Grammophon. Foto: Uwe Anspach/dpaHistorisches Abspielgerät: Eine Schallplatte rotiert auf einem Grammophon. Foto: Uwe Anspach/dpa
Uwe Anspach

Osnabrück. In der Nachlese wird die Weimarer Republik oft als kurzlebiger Krisenstaat zwischen zwei epochalen Katastrophen bewertet. Dabei gab es ein paar Jahre, in denen es ihr eigentlich ganz gut ging. Heute kaum mehr populäre Schlagertexte bezeugen den Feinsinn und die Leichtigkeit, die auch ein Teil von Weimar waren. Manche wirken bis heute brüllend komisch.

Zu Asche, zu Staub - der Titelsong der Erfolgsserie "Babylon Berlin" kommt apokalyptisch daher und wirkt damit der Weimarer Republik wie auf den Leib geschrieben - zumindest in der Rückschau. Schließlich entstand die erste Demokratie auf deutschem Boden in Folge eines Weltkrieges, war labil und wurde so zur Wegbereiterin Hitlers und des nächsten, noch verheerenderen Weltkrieges. 

Der Song, für den die Gruppe Severija verantwortlich zeichnet, spielt mit Motiven von Untergangsstimmung und ekstatischer Lebenslust und bemüht damit ein weiteres Zerrbild über die Weimarer Republik: Im Angesicht der durchlebten und sich abzeichnenden Katastrophen stürzen sich die Menschen der Lost Generation in allerlei Laster, leben schnell und rauschhaft und griffen damit, so die Vorstellung, einem Motto vorweg, dass der Punk Ende der 70er-Jahre populär machen sollte: "Live fast, die young!".

Vorahnung des Apokalyptischen

Tatsächlich gab es in der Weimarer Kultur Verarbeitungen und Vorahnungen des Apokalyptischen - Erich Kästners "Stimmen aus dem Massengrab" ist dafür eines von vielen eindrucksvollen Beispielen.

Text: "Stimmen aus dem Massengrab

Da liegen wir und gingen längst in Stücken.
Ihr kommt vorbei und denkt: sie schlafen fest.
Wir aber liegen schlaflos auf dem Rücken,
weil uns die Angst um Euch nicht schlafen lässt.
Wir haben Dreck im Mund. Wir müssen schweigen.
Und möchten schreien, bis das Grab zerbricht!
Und möchten schreiend aus den Gräbern steigen!
Wir haben Dreck im Mund. Ihr hört uns nicht.
Ihr hört nur auf das Plaudern der Pastoren,
wenn sie mit ihrem Chef vertraulich tun.
Ihr lieber Gott hat einen Krieg verloren
und lässt euch sagen: Laßt die Toten ruhn!
Ihr dürft die Angestellten Gottes loben.
Sie sprachen schön am Massengrab von Pflicht.
Wir lagen unten, und sie standen oben.
„Das Leben ist der Güter höchstes nicht.“
Da liegen wir, den toten Mund voll Dreck.
Und es kam anders, als wir sterbend dachten.
Wir starben. Doch wir starben ohne Zweck.
Ihr lasst Euch morgen, wie wir gestern, schlachten.
Vier Jahre Mord, und dann ein schön Geläute!
Ihr geht vorbei und denkt: sie schlafen fest.
Vier Jahre Mord, und ein paar Kränze heute.
Verlasst Euch nie auf Gott und seine Leute!
Verdammt, wenn ihr das je vergesst!
Text: Erich Kästner / 1928 


Stücke wie dieses sollten allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in Weimar auch Leichtigkeit gab, banale Alltagskultur und feinsinnigen Humor. Um die Republik war es Mitte der 20er gar nicht so schlecht bestellt und aus damaliger Sicht zeichneten sich die neuerlichen Katastrophen nicht unbedingt schon am Horizont ab. Die Menschen richteten sich langsam ein in der Demokratie. Und begannen, brüllend komische Lieder zu singen. 



Text: "Tante Paula liegt im Bett und isst Tomaten"

Was macht die Tante bloß? Was ist denn mit ihr los?
"Man sieht sie gar nicht mehr!“ So tönt es rings umher.
Man fragt den Neffen Frank: "Ist Tante Paula krank?“
Doch dieser grinst gemein: "Nein!"
Tante Paula liegt im Bett und isst Tomaten!
Eine Freundin hat ihr dringend zu geraten.
Jede Viertelstunde nimmt sie ab ein Pfund,
und dabei fühlt sich die Tante ganz gesund!
Tante Paula liegt im Bett und isst Tomaten!
Keine Suppe, kein Gemüse, keinen Braten.
Vor ’ner Woche war die Tante kugelrund,
übermorgen wiegt sie höchstens noch ein Pfund!
Die Frau Kommerzienrat, die fast zwei Zentner hat,
die reitet früh und spät, damit das Fett vergeht.
Ihr Pferd, das arme Vieh, wird dünn, doch sie wird’s nie.
Es macht nur eine Frau schlau:
Tante Paula liegt im Bett und isst Tomaten....
Der Bierverleger Schlauch hat einen Riesenbauch
trotz Fasten und trotz Sport. Der Bauch, der will nicht fort.
Er stöhnt: "Wie wird man schlank?“ Da ruft der Neffe Frank:
"Hier hilft doch Tantens Kur nur!

Text: Hermann Frey / 1928


Denn tatsächlich bildete sich in der Weimarer Republik erstmals eine Art Popkultur heraus, die die Massen erreichte. Verantwortlich dafür waren technische Voraussetzungen - das Aufkommen des Radios und die Verbreitung von Grammophonen - aber auch gesellschaftliche Entwicklungen: Die Zensurpolitik des Kaiserreiches war passé und die Deutschen dürsteten ganz offenbar nach heiter-absurden Texten und frivolen Andeutungen, von denen "Veronika, der Lenz ist da. [...] Der Spargel wächst", von den Comedian Harmonists noch vergleichsweise harmlos die Auswüchse von Frühlingsgefühlen beschreibt. 



Text "Heinrich, wo greifst du denn hin?"

Heinrich wo greifst du denn hin?
Was sind das für Harmonien?
Heinrich ich bin sehr gespannt
Wo gehst du hin mit der Hand?
Das ist doch kein Lohengrin
Wo sind die Noten
Und wo deine Pfoten
Ja sag mir, was hat das für Sinn?
Heinrich, wo greifst du denn hin?

Text: Richard Fell / 1929


"Diese versteckten Anzüglichkeiten sind eigentlich noch eine Folge der Kaiserzeit", erläutert der Musikwissenschaftler Nils Grosch von der Uni Salzburg, der zur Entwicklung der Schlagerkultur geforscht hat. "Damals mussten sich die Künstler in Mehrdeutigkeiten flüchten, um einem Verbot zuvorzukommen." Nach dem Ende der Monarchie war Zensur kein Thema mehr, indes die Lust am Doppeldeutigen ungebrochen. 

Einzigartiger Gesangsstil 

Im Schatten der Weimarer Hochkultur, die in Musik, Literatur, Film und bildender Kunst zahlreiche Klassiker von Weltrang hervorbrachte, blühte der zunächst in Operetten und Bühnenstücke eingebettete Schlager als eigenständiges Genre auf - und stach die große Kunst in Sachen Popularität schnell aus. "Es gibt zu dieser Zeit einen kommerziellen Aushandlungsprozess, in dem letztlich die Nachfrage des Publikums maßgebend für den kulturellen Betrieb wurde", erklärt Grosch. (Weiterlesen: Jubiläum eines Design-Klassikers: 100 Jahre Bauhaus)

Text "Pump mir dein Gesicht, ich will die Großmama erschrecken"

Pump mir dein Gesicht, ich will die Großmama erschrecken
Pump mir dein Gesicht, ich will die Affen damit necken
Pump mir dein Gesicht für einen kleinen Augenblick
Eh' du's noch bedenkst, hast du's schon zurück
Pump mir dein Gesicht, ich will die Großmama erschrecken
Pump mir dein Gesicht, ich will die Tante damit wecken
Pump es mir doch ausnahmsweise
Mensch, ich zahl' die höchsten Preise -
Bist du's einmal los, sei froh!
Pump mir dein Gesicht, ich will die Großmama erschrecken
Pump mir dein Gesicht, ich will die Affen damit necken
Pump mir dein Gesicht für einen kleinen Augenblick
Eh' du's noch bedenkst, hast du's schon zurück
Drum, pump mir dein Gesicht, ich will die Großmama erschrecken
Pump mir dein Gesicht, ich will die Tante damit wecken
Pump es mir doch ausnahmsweise
Mensch, ich zahl' die höchsten Preise -
Bist du's einmal los, sei froh!
Text: Fritz Rotter / 1929


Dieser Vorgang sei im Kern "zutiefst demokratisch" gewesen und führte zu einer regelrechten Flut einschlägiger Kompositionen und Veröffentlichungen, die sich allerdings handwerklich deutlich vom Schlager heutiger Couleur unterscheiden - was nicht zuletzt an den Sängern und Sängerinnen jener Zeit liege. "Die waren in aller Regel nicht nur Sänger, sondern kamen vom Kabarett und vom Schauspiel", sagt Grosch. "Sie performen eigentlich mehr, als das sie singen. Sie spielen mit Tanz und Körpersprache und das schlägt sich dann auch auf die Gesangsleistung nieder."

Dreiecksbeziehungen und Homosexualität

Tatsächlich sind die Vorträge von Robert Koppel ,Trude Lieske oder Irene Ambrus spöttisch, ironisierend oder albern in einer Art, die bis heute unerreicht ist. "Man hat damals den Sängern die Texte praktisch auf den Leib geschrieben und dieses spezifische Zusammenspiel lässt sich heute ohne Substanzverlust nicht mehr ohne Weiteres reproduzieren", erklärt Grosch.

Text "Wer hat den Käse zum Bahnhof gerollt"

     Wer hat bloß den Käse zum Bahnhof gerollt ?
    Das ist 'ne Frechheit, wie kann man so was tun,
    Denn er war noch nicht verzollt !
    Die Polizei hat sich hineingelegt,
    jetzt ist sie böse sehr und grollt,
    Ja wer hat bloß den Käse zum Bahnhof gerollt?
Text: Franz Strassmann / 1926 


Sprachlich sind viele der Texte fraglos von hoher Qualität, thematisch dabei oft trivial, ohne freilich auf politische und soziale Spitzen zu verzichten. Neben der Verballhornung von Alltagsphänomenen kokettieren die Texte mit Homosexualität, mit Dreiecksbeziehungen und generell mit einem Verständnis von Liebe und Sexualität, dass klar im Kontrast steht zum biederen Gesellschaftsentwurf der Kaiserjahre. Auch die Emanzipation von Frauen ist ein gängiges Thema. 

Text: "Emil seine unanständ`ge Lust"

Wegen Emil seine unanständ'ge Lust
Mein Emil, der meckert mir so breejenklütrich an,
mein Emil, der hat keene Scham.
Mein Emil, der sacht mir, du, ick bin doch nu dein Mann
Und ick möchte von die Ehe ooch wat ham.
Ick möchte dir hübscher und niedlicher
Mit eenem Wort – appetitlicher,
Dann würde ick mir viel mehr amüsier’n.
Jeh zum Doktor, sagt er, laß dir operier’n.
Ick laß mir nich die Neese verpatzen
Wegen Emil seine unanständ’ge Lust.
Ick laß mir nich das Fett aus de Oberschenkel kratzen
Wegen Emil seine unanständ’ge Lust.
Wie ick bin, hat ja der Emil schon immer jewußt,
Da hätt er mir eben nich nehmen jemußt.
Ick lasse keen‘n Doktor ran an meine Brust
Wegen Emil seine unanständ’ge Lust.
Die Emma von Meyers jing bei Dr. Veilchenfels
Und ließ sich auf hübsch operier’n.
Die dußlige Emma jab den Veilchenfels ihr Geld
Und nu glaubt se, kann se jeden Mann verführ’n.
Man hat ihr vermanscht in de Charité
Sie war schon mies – aber nu erst, nö!
Nu hat se ‘nen Bauch wie‘n Kerl
Und ‘nen Podex wie‘n sechzehnjährjet Jörl.
Ick laß mir nicht die Neese verpatzen [...]
Ick wer doch mein Leben nich bei so ‘nen Doktor jehn,
Ick hab für so’n Blödsinn keen Jeld.
Ick denk nur immer nach, und ick kann et nich versteh’n
Det die Männer so’n vermanschtet Ding jefällt.
Aus Liebe ans Messer, da lach ick nur,
Een richtiger Mann sacht: Ick will Natur!
Und macht er nich von selber Tam-tam,
hilft ihm ooch die neue Brust nich uff’n Damm.
Ick laß mir nich die Neese verpatzen [...]
Text: Julian Arendt / 1929


Jazz, Foxtrott und Theatermusik

Musikalisch sind die Schlager jener Jahre noch kaum an bestimmte Vorstellungen gebunden, kommen mal jazzig daher und mal als Foxtrott oder als Theatermusik. "Eine Unterscheidung zwischen den Genres gab es im damaligen Kulturbetrieb eigentlich gar nicht. Die Bezeichnung 'Schlager' zum Beispiel ist erst nachträglich zu einer eigenen Kategorie erhoben worden", sagt Grosch.

 Wirkungskreis der großen Tanzkapellen und der populären Sänger jener Zeit sind vor allem die städtischen Räume. Ihre Auftritte glichen durchaus Massenveranstaltungen, die freilich wenig mit einem modernen Popkonzert gemein hatten. Aber ihre Protagonisten doch in mancher Hinsicht zu populären Stars. 

Nach 1933 verflacht der Schlager

So populär, dass nach 1933 auch die Nationalsozialisten das Genre in gewissen Grenzen gewähren ließen - die stilprägenden Ironien und Anzüglichkeiten der 20er-Jahre freilich waren dem Parteiverständnis von Kultur nicht mehr ohne Weiteres vereinbar und die kompositorische wie textliche Qualität verflacht.

 Viele wichtige Musiker, Sänger und Texter der 20er-Jahre sind den Nazis aus politischen Gründen nicht genehm, eine ganze Reihe von ihnen hat zudem jüdische Wurzeln - wie etwa der berühmte Orchesterleiter Marek Weber, der Anfang der 1930er in die USA emigriert. Die Sängerin Trude Lieske verlässt Deutschland 1938, der Kapellenleiter Efim Schachmeister stirbt 1944 im Exil in Buenos Aires. Andere Protagonisten sterben in Konzentrationslagern. 

Erst in den 1950er-Jahren gibt es wieder Versuche, an die Schlagertradition von Weimar anzuknüpfen - etwa in Person von Peter Alexander. "Allerdings prägen die Vertreter dieser Generation dann doch einen eigenen, modernen Stil", analysiert Grosch. "Man kann durchaus sagen: In ihrer Vielfalt, ihrer Qualität und Authentizität bleiben die Schlager der Weimarer Republik bis heute unerreicht." 


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