Münster: Bauhaus in den USA Eine neue Kunst als Sinfonie aus Licht und Bewegung

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Blick in die Ausstellung "Bauhaus und Amerika" mit Bildern von Sue Fuller, Xanti Schawinsky und Hannes Beckmann.
Foto: LWL/Christoph SteinwegBlick in die Ausstellung "Bauhaus und Amerika" mit Bildern von Sue Fuller, Xanti Schawinsky und Hannes Beckmann. Foto: LWL/Christoph Steinweg

Münster. Mehr Aufbruch war nie: Das LWL Museum für Kunst und Kultur in Münster zeigt, wie das Bauhaus in den USA neue Formen der Lichtkunst und Performance anschob. Ganz nebenbei wird die Ausstellung zum 100. Geburtstag des Bauhauses zu einem Votum für den kreativen Beitrag von Migranten.

Sie tanzen, schweben, geistern über die glatten Wände, Erscheinungen aus purem Licht, die auftauchen und mit dem nächsten Wimpernschlag schon wieder verschwunden sind. In der Mitte dreht sich langsam das Gerät, das den dunklen Raum mit Lichtreflexen in eine Wunderkammer optischer Sensationen verwandelt – der „Licht-Raum-Modulator“, den der Bauhausmeister László Moholy-Nagy 1930 zum ersten Mal rotieren ließ. Das Konstrukt aus gelochten Metallscheiben und Glasflächen sieht wie ein futuristisches Gebäude aus. Oder wie ein abstrakter Kopf, aus dem in jedem Augenblick tausend neue Ideen hervorblitzen. Alles ist möglich, alles veränderbar, hier und jetzt: Das ist die Botschaft des Modulators.



Kontakt als Energiestoß

In Münster rotiert das Kunstwerk in seiner dunklen Kammer jetzt wieder. Das LWL Museum für Kunst und Kultur beleuchtet die Wirkungen des Bauhauses auf die amerikanische Kunst. 100 Jahre Bauhaus: Dieses Jubiläum wird eigentlich erst im nächsten Jahr gefeiert. Aber die Münsteraner Kuratorinnen Tanja Pirsig-Marshall und Kristin Bartels erzählen die Erfolgsgeschichte der legendären Kunstschule schon jetzt von ihrem triumphalen Ende her. Denn gerade im amerikanischen Exil entfalteten Bauhauslehrer wie Josef Albers oder László Moholy-Nagy durchschlagende Wirkung. Ob Maler oder Tänzer, Fotografen oder Objektkünstler – sie alle erleben den Kontakt mit den Ideen des Bauhauses als Energiestoß. Die wichtigste Lehre: Jeder Künstler ist ein Performer, kein Produzent toter Gegenstände. Diese Einsicht setzt ungeheure Energien frei.

Xanti Schawinsky, Spectodrama, 8: Gebäude (Spannung), 1937, © The Xanti Schawinsky Estate


Kreativer Schub

150 Exponate von rund 50 Künstlerinnen und Künstler bietet das Münsteraner Museum nun auf. „Bauhaus und Amerika“: Der Titel klingt griffig, lockt aber auch ein wenig auf die falsche Fährte. Denn es geht nicht bloß um den Aufbruch von Künstlern in die Neue Welt, sondern vor allem um das kreative Erfolgsgeheimnis des Bauhauses und dessen furiose Wirkung. Das Konzept der Schau begreift die Bühne des Bauhauses als Keimzelle für einen kreativen Schub, der alle Künste belebt hat. Das Bauhaus, das ist jetzt nicht der Freischwinger-Stuhl oder die Wagenfeld-Lampe, das Bauhaus verwirklicht sich als Labor einer Kunst, die über alle Grenzen eingefahrener Gattungen geht. Nicht nur Kunst und Design werden in Weimar und seit dem Umzug des Bauhauses 1925 nach Dessau integriert, vor allem bildende und darstellende Kunst, Ausstellung und Bühne gehen neue Allianzen ein.



Blech und Plexiglas

Damit kommen auch neue Materialien ins Spiel. Die Bauhäusler adeln aber nicht nur Lochblech und Plexiglas zur Kunst, sie bringen vor allem den menschlichen Körper und das Licht nach vorn, wenn es darum geht, die Kunst von allen Bindungen an herkömmliche Bildträger oder klassische Ausstellungsorte zu befreien. Was mit der Bauhausbühne beginnt, mündet Jahrzehnte später in die Farb- und Lichtexperimente von Kunstrichtungen wie Op Art oder Zero. Otto Piene inszeniert Olympische Spiele mit Lichteffekten, James Tyrell baut Berge zu Lichtkunstwerken um: nur zwei Beispiele revolutionärer Nachkriegskunst, die ihren initialen Impuls vom Bauhaus empfängt. Die Bühne der Kunst- und Designhochschule wirkt dabei als Teilchenbeschleuniger der Künste, weil sie ihre Sparten integriert. Der Motor der Kreativität läuft auf Hochtouren. Auch experimenteller Film, eine neue Fotografie und die Lichtkunst werden vom Bauhaus angestoßen.

Barbara Morgan, Merce Cunningham, Totem Ancestor, 1942, Bruce Silverstein Gallery, New York, © Barbara and Willard Morgan photographs and papers, Library Special Collections, Charles E. Young Research Library, UCLA., Courtesy Bruce Silverstein Gallery, New York


Jede Menge Talente

Das Münsteraner LWL Museum macht aus diesen kunsthistorischen Verweislinien einen spannenden Ausstellungsparcours, der keine lineare Geschichte erzählt, sondern ein ganzes Delta sich verzweigender Erzählstränge inszeniert. Die Bauhäusler ziehen im Black Mountain College bei Ashville und dem New Bauhaus in Chicago keine bloßen Jünger ihrer Lehre heran, sie inspirieren junge Talente, ihre eigenen Wege zu gehen. In Münster kann nun nacherlebt werden, dass sich spätere Kunststars wie Robert Rauschenberg, John Cage oder Bruce Nauman gerade am Black Mountain College in Performances, Tänzen und Installationen überhaupt erst selbst entdeckten. Barbara Morgans Foto des Tänzers Merce Cunningham im Sprung lässt den Betrachter noch heute etwas von jener befreienden Lust an Wagnis und Risiko spüren, die die Bauhäusler seinerzeit in den USA zu entfesseln vermochten.

László Moholy-Nagy, Konstruktion AL6, 1933-1934, © IVAM - Institut Valencià d'Art Modern, Generalitat


Leistung der Migranten

Kunst steht nicht still. Sie entwindet sich allen Einhegungen, etwa jenen, die Diktaturen des 20. Jahrhunderts ihr im Zeichen der Kampagne gegen sogenannte „entartete Kunst“ oder des Sozialistischen Realismus aufzuzwingen suchten. Münster erzählt vom Bauhaus als einer Geschichte der Befreiung und macht ganz nebenbei noch einmal deutlich, dass es Migranten waren, die jene Wege bahnen halfen, die zum Inbegriff der Kreativität selbst avancieren sollten. Kunst und mit ihr Kultur lebt vom Kontakt, nicht von Abschottung. Als ein Student Josef Albers seinerzeit fragte, was das Anliegen seiner Lehre sei, antwortete der Bauhaus-Meister vielsagend: To open eyes, um Augen zu öffnen. Das Gleiche widerfährt jetzt all jenen, die sich in Münster von Licht und Bewegung des Bauhauses neu begeistern lassen.

Münster, LWL Museum für Kunst und Kultur: Bauhaus und Amerika. Experimente in Licht und Bewegung. Bis 10. März 2019. Di.-So., 10-18 Uhr. Info: www.lwl.org/LWL/Kultur/museumkunstkultur/ 


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