Voll entschleunigt Wie die Elbphilharmonie ihre Gäste vom Alltag befreit

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Beschert ganz besondere Musikerlebnisse: Die Elbphilharmonie. Foto: Thies RaetzkeBeschert ganz besondere Musikerlebnisse: Die Elbphilharmonie. Foto: Thies Raetzke

Hamburg. Die Elbphilharmonie ist nun vom Start weg zum Mekka der klassischen Musik geworden. Aber mal ehrlich – wie ist es wirklich dort drin?

Zwei Minuten und 40 Sekunden: So lang braucht die Rolltreppe, um einen von unten auf die Plaza der Elbphilharmonie zu tragen. Zwei Minuten, 40 Sekunden, um das Getriebe des Alltags und der Großstadt hinter sich zu lassen, zwei Minuten, 40 Sekunden, um herunterzukommen oder, wie man heute sagt, um zu entschleunigen. Um sich einzustimmen auf ein Konzert im Großen Saal.

Im Gehörgang zum Großen Saal

An diesem Montagabend weht ein empfindlich kalter Wind die Rolltreppe hoch. Eisigen Fingern gleich zerrt er am Mantel, als wolle er einen in der profanen Welt der Arbeit und der alltäglichen Sorgen festhalten. Auch auf der Plaza selbst ist es empfindlich kühl, nur wenige Besucher trotzen dem kalten Wind, um das Konzerthaus und den Rundumblick über Hafen und Stadt genießen. Dank der Konzertkarte darf man am Einlasspersonal vorbei die Treppe hoch, die sich wie ein riesiger Gehörgang hochwindet zu den Foyers. Da ist es wenigstens warm. Weiterlesen: Der Start in die Konzertsaison 2018/19

Raumkapsel: Der Große Saal der Elbphilharmonie. Foto: Michael Zapf


Die Programmhefte verteilen die Mitarbeiter der Elbphilharmonie hier gratis. Das in der einen Hand und ein Glas Weißwein in der anderen flaniert es sich schön durch die Foyers. Die dicken Scheiben der Fensterfronten öffnen das Haus hin zur Stadt: Hier St. Michaelis, der „Michel“, der früher mal das optische Wahrzeichen Hamburgs war, bis ihn die Elbphilharmonie abgelöst hat. Gegenüber leuchten die Musicaltheater für „König der Löwen“ und „Mary Poppins“, und dazwischen mischen sich Damen im eleganten Kostüm und Herren in teuerem Tuch mit Menschen in Jeans und Pulli – die Elbphilharmonie kommt ohne Dresscode aus.

Das Großgedruckte im Programmheft

Dabei scheint die Architektur mitunter eine wichtigere Rolle zu spielen als die Musik. Erst neulich machte ein Bericht über einen Jazzabend die Runde, bei dem das Publikum in Scharen aus dem Großen Saal gelaufen sein soll – da hatten wohl einige das Großgedruckte nicht gelesen. Sonst hätten sie gewusst, dass der amerikanische Pianist Vijay Iyer modernen Jazz spielen würde. Profis laufen nicht weg, sondern haben Strategien entwickelt: „Wenn dir langweilig ist, versuch die Waben hinter der Bühne zu zählen“, rät ein Besucher seiner Nachbarin. „Ich habe es noch nicht geschafft.“ Nach wie vor ist es schwierig, an Tickets zu kommen. Trotzdem hat die Elbphilharmonie knapp zwei Jahre nach der Eröffnung ein Stamm- und Abopublikum gefunden.

"Wenn dir langweilig wird, zähl die Waben": Die sogenannte weiße Haut im Großen Saal. Foto: Johannes Arlt


Das wird aber gefordert. Il Giardino Armonico spielt an diesem Abend Kompositionen von Vivaldi auf Originalinstrumenten der Vivaldizeit und im historischen Klanggewand. Dazu kommt die Solistin des Abends, die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja: ein virtuoses Energiebündel, das an die Grenzen des Spielbaren geht – und darüber hinaus.

Berauschende Künstlerin: Patricia Kopatchinskaja. Foto: Daniel Dittus


Die Kombination funktioniert hervorragend; die Handvoll Musikerinnen und Musiker spielen Vivaldi, als wäre die Tinte auf dem Notenpapier noch nass. Der Clou aber ist: Dieses Konzert ist kein klingendes Museum mit Musik von anno dunnemals. Zeitgenössische Musik schlägt die Brücke vom Barock zu uns, und dabei spielt Patricia Kopatchinskaja eine zentrale Rolle. Sie schält sich am Ende des ersten Stücks aus dem Ensemble, steht dann vorne auf der Bühne. Der wallende Rock in leuchtendem Rot und Gelb hebt sie optisch heraus aus dem Einheitsschwarz des italienischen Ensembles – und ihre Bühnenpräsenz. 

Die Geigerin fegt wie ein Irrwisch über die Bühne, sie singt und quietscht bei den zeitgenössischen Kompositionen zur Geige, sie stampft und tanzt – immer barfuß. Am Ende applaudieren 2000 Gäste begeistert, und niemand ist früher gegangen. Dann tritt Kopatchinskaja ein letztes Mal, auf die Bühne; jetzt trägt sie rotglitzernde Pantöffelchen. Aus denen steigt sie noch einmal, spielt, singt, quietscht eine abgedrehte Miniatur des Komponisten Jorge Sánchez-Chiong aus Caracas als letzte Zugabe. Waben hat da sicher niemand gezählt, denn an solchen Abenden gleicht der Große Saal der Elbphilharmonie einer Raumkapsel, die losgelöst von Raum und Zeit im Orbit schwebt – oder in der Tiefsee? Egal, der Michel, der König der Löwen, der Alltag: all das ist weit weg; was allein existiert, ist – Musik.


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