Serie "Meine Kulturszene" Mit "Medea" allein in der dunklen Raumhöhle

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Jason wird von den Kolchern bekämpft:  Katja Gaudard, Carolin Haupt, Philippe Goos (Jason), Rainer Frank und Mathias Max Herrmann. Foto: Katrin RibbeJason wird von den Kolchern bekämpft: Katja Gaudard, Carolin Haupt, Philippe Goos (Jason), Rainer Frank und Mathias Max Herrmann. Foto: Katrin Ribbe

Hannover. Hannover. "Medea" trifft die Zuschauer mit voller Wucht beim Besuch im Schauspiel Hannover für unsere Serie "Meine Kulturszene".

"Medea" – ein Theaterstück eher für das weibliche Geschlecht, weil die von ihrem Mann verratene Ehefrau im Zentrum steht? Sicher, hauptsächlich Frauen wollen sich Tom Kühnels Inszenierung nach Franz Grillparzer und anderen im Staatsschauspiel Hannover anschauen. Wollen verstehen, warum die einst stolze Königstochter aus dem fernen Kolchis sich vom Griechen Jason und seiner fremdenfeindlichen Heimat Korinth so gedemütigt fühlt, dass sie ihre gemeinsamen Kinder grausam ermordet. Doch auch ein paar Männer sind unter den rund rund 100 Besuchern an diesem Abend. "Fußball" vermutet ein Herr als Grund für die Zuschauerebbe. Dabei war das spektakuläre Bühnenbild von "Medea" zum diesjährigen Theaterpreis "Der Faust" nominiert worden.

In legerer Garderobe

Sei's drum, Bühnenalltag und keine Premiere, die Inszenierung läuft halt schon seit über einem Jahr. Die Zuschauer verteilen sich an die Bartische im großen Foyer, nippen an ihren Gläsern und haben sich meist  mit einer Kombination aus halb feiner, halb alltäglich legerer Garderobe auf den Schauspielabend eingestimmt. Hier erinnert sich Jemand an eine frühere "Medea"-Inszenierung mit einer sehr starken Hauptfigur, ich denke zurück an den jungen, damals noch gefürchtet wilden Tom Kühnel der 80-er Jahre in Freiburg, damals noch untrennbar im Regie-Doppelpack mit Robert Schuster. 

Maria Callas und Pocahontas

Die hoch informative und charmante Einführung der Produktionsdramaturgin Judith Gerstenberg treppauf über dem Foyer macht neugierig und lässt gleichzeitig bangen: Wie viel bleibt von der antiken Tragödie übrig, wenn Franz Grillparzers Trilogie mit den angeblich ähnlichen Schicksalen der berühmten Sängerin Maria Callas (als Opfer von Ehemann Aristoteles Onassis) und der Indianerhäuptlingstochter Pocahontas (als Opfer des englischen Abenteurers John Smith) aus Disneys Trickfilm kombiniert wird?

Eine Menge. Das zeigt sich, nachdem sich das Publikum mit der Erlaubnis der Einlasserin auf die besten der 650 Sitze verkrümeln durfte. So wirkt es tatsächlich angesichts der vielen freien, blausamtenen Sitzreihen im Großen Haus. Konzentrierte Stille, mal keine nervösen Hustensalven trotz der kühlen Jahreszeit. Was nun auf der halbrunden Bühne folgt, nimmt sich alle Zeit zum Erzählen, die unser Alltagsleben kaum mehr kennt. 

Im Rhythmus der Verse

In ganz sanftem, feierlichem Schreitschritt, begleitet von halben Rumpfdrehungen, betreten die Kolcher das Bühnenrund mit durchbrochener Spiegelwand dahinter. Fremd mutet hier jede Bewegung an, Männer wie Frauen tragen schmucke Trachten mit hohen Hüten, die von Ferne an die der Sorben erinnern. Jeder der wohlgesetzten, tänzerischen Schritte wird von perkussiver Musik  und vom Rhythmus der Grillparzer-Verse gelenkt. Alles geschieht ausnahmslos im Kollektiv, auch das Ermorden des ersten griechischen Möchtegern-Diebes des Goldenen Vlieses, Phryxus. Das Kollektiv schützt die Einzelperson. 

Medeas Tragödie beginnt mit dem Ausbruch aus diesem sakralen Verbund, indem sie sich dem Profanen in Gestalt von Jason an den Hals wirft. Die Argonauten Jason und sein Freund Milo schlendern in Jeans und T-Shirt herbei, bellen schnoddrig und mit kolonialer Überheblichkeit ihre Forderung auf den "Barbaren" König Aietes ein. Wenn Jason Medeas rituelle Gestik und Starre zu durchbrechen versucht mit seinem hemdsärmeligen Liebeswerben, dann schmerzt das fast beim Zuschauen: Hier wird eine Frau ihrer kulturellen Identität beraubt und arrogant in eine andere gezwungen. Ein starkes Bild für das, was jahrhundertelang beileibe nicht nur Frauen geschehen ist  - und noch heute geschieht. 

Wuchtiges Bühnengeschehen

Tom Kühnels Inszenierung gibt einem Leben in Haltung, Würde und kultischem Zusammenhalt so viel Raum, dass ich als Zuschauerin gar nicht anders kann, als das kulturell Verlorene tief zu bedauern. Mit Erfolg wird so die Fallhöhe markiert, damit die Kindsmordtragödie nicht mit niederen Motiven verwechselt werden kann. 

Dass dieses Bühnengeschehen so viel überwältigende Wucht und Vitalität entfaltet, liegt auch daran, dass dieses Mal  in keine geschlossene Zuschauerfront hineinspielt wird, sondern in eine fast leere, dunkle Raumhöhle, der ich mich meiner reichen Seherfahrung zum Trotz geradezu ausgeliefert fühle. Ein magisches Theatererlebnis.


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