Osnabrücker Sammlung Rotert Filzanzug und Capri-Batterie: Münster zeigt Joseph Beuys

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Großer Auftritt für Osnabrücker Beuys-Sammlung: LWL Museum in Münster zeigt die Sammlung Rotert im alten Lichthof des LWL Museums für Kunst und Kultur. Foto: Gert WestdörpGroßer Auftritt für Osnabrücker Beuys-Sammlung: LWL Museum in Münster zeigt die Sammlung Rotert im alten Lichthof des LWL Museums für Kunst und Kultur. Foto: Gert Westdörp

Münster. Mit Objekten brachte Joseph Beuys seine Kunst unters Volk. Jetzt zeigt das LWL Museum in Münster seine Multiples.

Ein simpler Holzkasten. Kostete seinerzeit sieben D-Mark. Na und? So könnte man fragen, wenn da nicht die hauchzarte Spur von einem Bleistift wäre. "Intuition" steht da, fein hingekritzelt auf dem Boden des Kastens. Joseph Beuys gab das Objekt "Intuition" 1968 heraus. Tausende Exemplare kamen damals in Umlauf. Jetzt sind diese "Intuitionskisten" gesuchte Sammlerstücke. Eine steht nun am Eingang einer Ausstellung mit 130 Kunstwerken von Joseph Beuys. Das Münsteraner LWL-Museum für Kunst und Kultur zeigt die Sammlung der Osnabrücker Eheleute Ingrid und Manfred Rotert. Sie hatten seinerzeit den richtigen Riecher, als sie für wenig Geld Objekte von Beuys kauften, die heute teuer gehandelt werden. Hier weiterlesen: Osnabrücker Beuys-Sammlung geht nach Münster

Die grüne Geige verwendete Joseph Beuys in Performances. Jetzt liegt ein Exemplar in der Münsteraner Ausstellung. Foto: Gert Westdörp


Kunst in Auflagen

Fachleute sprechen von Multiples, wenn es um die Objekte geht, die Joseph Beuys in Auflagen herstellte, die von wenigen Exemplaren bis zu tausenden Ausfertigungen gehen konnten. Der berühmte, 1970 in 100 Exemplaren hergestellte "Filzanzug" gehört ebenso zu diesen Werken wie die 1985 produzierte "Capri-Batterie" oder "Das Schweigen" von 1973, ein Objekt aus mehreren miteinander verlöteten Filmspulen. Postkarten, Soundspuren, übermalte Zeitungen, Objekte im Koffer - die Multiples von Joseph Beuys überraschen immer wieder. Rund 130 Werke haben die Roterts zusammengetragen und 2017 dem Münsteraner Museum geschenkt. Das Haus zeigt sie nun fast ein Jahr lang im Lichthof seines Altbaus.

Sie präsentieren Joseph Beuys in Münster: Hermann Arnhold, Direktor des LWL Museums für Kunst und Kultur, Kuratorin Marianne Wagner und Barbara Rüschhoff-Parzinger, Kulturdezernentin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. (von links). Foto: Gert Westdörp


Kunst aus Fett

Joseph Beuys stellte am gleichen Ort 1977 ein Skulptur aus riesigen Fettkeilen unter dem Titel "Unschlitt/Tallow" aus. Das Werk war sein Beitrag zur ersten Ausgabe der inzwischen weltberühmten Münsteraner Skulptur Projekte. Beuys´ Idee von einer Kunst im Fluss ständiger Bewegung spiegelt sich nun in der Präsentation seiner Multiples. Kuratorin Marianne Wagner hat die Objekte thematisch in fünf Kapitel gegliedert und sie vor allem auf Podesten platziert, deren fließende Konturen an Wasserlachen erinnern. Der Besucher geht keine Hängeflächen ab, er umkurvt Ausstellungspodeste und wird schon allein dadurch in jene Bewegung versetzt, die Beuys mit seiner Kunst bewirken wollte. Hier weiterlesen: Chance verpasst? Streit um Osnabrücker Beuys-Sammlung.

Der berühmte Filzanzug von Joseph Beuys hängt im Entree der Münsteraner Ausstellung. Foto: Gert Westdörp


"Soziale Plastik"

Der Künstler, der mit Hut und Anglerweste selbst zum Markenzeichen avancierte, produzierte seine Kunst nicht für den Markt. Beuys wollte seine Kunst in die Gesellschaft tragen, betrachtete am Ende den Einsatz für eine Verbesserung der Gesellschaft, die "soziale Plastik", als den eigentlichen Inhalt seines Schaffens. Die Multiples folgen dieser Philosophie. Sie wollen nicht als Kunstfetische bestaunt, sondern als Anstösse für das eigene Denken und Machen verstanden werden. Das Wort "Intuition" auf dem Kistenboden appelliert ebenso an den Betrachter wie jenes Bekenntnis, das Beuys 1978 auf einer schlichten Wurstpappe hinschrieb: "Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung".

Großzügig dimensionierte Podeste dominieren den Rhythmus der gelungenen Beuys-Ausstellung im Lichthof des LWL Museums. Foto: Gert Westdörp


Frisch inszeniert

Den Münsteraner Ausstellungsmachern gelingt das Kunststück, die Objekte von Beuys vor den Arkadenbögen des Lichthofes mit neuer Frische zu inszenieren. Das ist nicht selbstverständlich. Manche dieser Objekte geben heute Rätsel auf, weil ihre zeitgeschichtlichen und politischen Bezüge nicht mehr im allgemeinen Bewusstsein sind. Eine Reihe der Objekte, wie etwa der Filzanzug und die grüne Geige verweisen zudem auf Performances, die lange Jahre zurückliegen. Die Ausstellungsmacher setzen weniger auf weitschweifige Fachkommentare als auf eine thematisch gegliederte Inszenierung, die die Multiples mit ihrem ganzen Anspielungsreichtum und oft entwaffnendem Witz erlebbar macht. Hier wird Joseph Beuys ganz neu entdeckt. Hier weiterlesen: Münsteraner Kunstformat: Was sind eigentlich die Skulptur Projekte?


Die Multiples von Joseph Beuys sind oft in Kartons oder anderen Behältern verpackt. Jetzt sind die ausgebreitet zu sehen. Foto: Gert Westdörp


Beuys wieder gefragt

Beuys hat eine Kunst gemacht, die sich einmischt, eine Kunst, die ganz bewusst wirken will. Diese Haltung ist heute wieder gefragt. Auch andere Museen wenden sich gerade der Kunst von Beuys wieder neu zu. Die Bremer Kunsthalle präsentiert gerade die Sammlung der Literaturwissenschaftler Peter und Christa Bürger, zu der auch Werke von Beuys gehören. Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst feiert gerade den Erwerb der Aktionsplastik "Boxkampf für die direkte Demokratie". Und die Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen erinnert mit einer Ausstellung an den 100. Geburtstag des Galeristen Alfred Schmela, der Beuys inszenierte, unter anderem 1965 mit seiner bahnbrechenden Performance "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt".

Um die berühmte Capri-Batterie versammelt: Kuratorin Marianne Wagner, LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschhoff-Parzinger und Museumsdirektor Hermann Arnhold. Foto: Gert Westdörp


Signale voll Energie

Joseph Beuys sorgt weiter für Bewegung. Als Kunst für den einst kleinen Geldbeutel provozieren seine Multiples heute erneut, gerade in einer Zeit, in der Kunst zum Spielzeug für Superreiche geworden zu sein scheint. Wenn es um Auktionsrekorde geht, taucht der Name von Joseph Beuys nicht auf. Das macht ihn gerade wieder interessant. Seine Kunst sendet Signale voller Energie. Das gilt für die "Capri-Batterie", ein Objekt, das Beuys als Zeichen eines freien Energieflusses 1985 aus einer Glühbirne und einer Zitrone montierte, oder das aus zwei Blechdosen und einen Faden gefügte "Telephon". Kunst ist, was jeder aus ihr macht. Oder wie Beuys auf einer gelben Karteikarte lakonisch notierte: "Wer nicht denken will, fliegt raus".

Kunst im Paket: Beuys hat viele seiner Multiples in solchen Boxen versandt. Foto: Gert Westdörp



Münster, LWL Museum für Kunst und Kultur: Hülle und Kern. Multiples von Joseph Beuys. 29. November 2018 bis 20. September 2019. Di.-So., 10-18 Uhr. Info: www.lwl-museum-kunst-kultur.de


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