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Rio Reiser käme heute auf den Index Frei.Wild und Feine Sahne Fischfilet – Herrscht im Rock der Hass?

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Garantiert gewaltfrei: Jan "Monchi" Grokow, Sänger von Feine Sahne Fischfilet im Osnabrücker Hyde Park. Foto: André HavergoGarantiert gewaltfrei: Jan "Monchi" Grokow, Sänger von Feine Sahne Fischfilet im Osnabrücker Hyde Park. Foto: André Havergo

Osnabrück. Die einen hetzen gegen die Polizei, die anderen sind rechtsradikal: Was ist nur mit der Rockmusik los? Vor allem eines: Es werden Feindbilder gesucht, gefunden, bestätigt, wo es keine Feindbilder gibt.

Die einen singen, „Zuhause heißt – wenn dein Herz nicht mehr so schreit“. Die anderen: „Da, wo wir leben, da wo wir stehen, liegt unser Segen.“ Das eine Bekenntnis zur Heimat kommt vom linken Rand des politischen Spektrums, das andere vom rechten, von Feine Sahne Fischfilet und von Frei.Wild. Zwei Bands, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und doch Parallelen haben: Beide singen von Heimat, beide haben Songs geschrieben, die indiziert wurden, das heißt, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat sich mit den Texten beschäftigt. Gefahr für die Jugend bestand keine. Indizierung abgelehnt.

Staatsfeind Kollegah?

Geschadet hat das Verfahren keiner der beiden Bands. Im Gegenteil dürfte die Formel eher lauten: Je verbotener, desto krasser, desto spannender, desto verkaufsfördernder. Das jüngste Beispiel haben die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang geliefert – da stand der Vorwurf des Antisemitismus im Raum. Indiziert wurde das Album „Jung, brutal, gutaussehend 3“ aber wegen der „verrohenden sowie einer Frauen diskriminierenden Wirkung“. Die Auschwitzvergleiche mögen geschmacklos sein, aber Kunstfreiheit steht über dem Geschmack. Und was Holocaustvergleiche angeht, geben sich die beiden Rapper ja geläutert. Fürs neue Album kündigt Kollegah – es erscheint am 7. Dezember – eine andere Seite an: „Ich fühlte mich wie der Staatsfeind Nummer eins“, heißt es in dem neuen Song „Dear Lord“ – und: „Fick den Staat, ich bin hier die leitende Figur.“

Kollegah ein Fall für den Verfassungsschutz? Kaum. Die großmäulige Provokation gehört zum Rap wie die dicken Goldketten zu ihren Protagonisten, ist Attitüde, nicht Haltung. „Rollenspiele“ nennt das der Berliner Autor Klaus Farin. Sein Fachgebiet: Rock, Pop, Punk.

Feine Sahne Fischfilet provoziert

Punk ist nun nicht Attitüde, Punk provoziert. Bestes Beispiel: Feine Sahne Fischfilet, die Band um den Sänger Jan „Monchi“ Gorkow. Die haben vor vielen, vielen Jahren im Song „Staatsgewalt“ von fliegenden Bullenhelmen und Knüppeln gesungen. Schon 2012 hat Monchi dem „Spiegel“ gesagt, dass sie das Lied vor Jahren aus dem Programm genommen haben, „weil es uns schlichtweg zu platt rüberkommt.“ Das fand offenbar auch die Bundesprüfstelle. Tatsächlich bekommt die Textzeile im Gesamtkontext einen anderen Zungenschlag. Außerdem, sagt Farin, dürfe man einen Autor nicht „eins zu eins mit dem Ich-Erzähler gleichsetzen“. Weiß man aus dem Deutschunterricht. Aber Feine Sahne Fischfilet eignet sich so schön, den „Bedeutungsverlust der Mitte“ (Farin) zu kaschieren. „Wir wärmen das Links-Rechts-Bild wieder auf.“

Da ist was los: Fanclubkonzert von Frei.Wild im Osnabrücker Hyde Park. Foto: André Havergo


Als dieses Bild heiß war, betraten dezidiert politische Bands die Szene: Rio Reiser und Ton Steine Scherben, zum Beispiel. „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, rief Reiser ab Ende der 60-er Jahre und „Keine Macht für Niemand“: Kampflieder für die Anarchisten- und Hausbesetzer-Szene der 70-er Jahre. „Damals war die Freizügigkeit größer“, sagt Farin. „Heute würden Ton Steine Scherben indiziert werden“.

Im Garten der Scherben ging die Saat des Punk auf. Ganz rechtsaußen wucherten aber Blüten, die Hass verbreiteten: auf Schwarze, auf Juden, auf Homosexuelle. Oder auf Türken: Damit erarbeiteten sich die Böhsen Onkelz ihren schlechten Ruf. Anfangs sangen sie „Türken raus“ und „Deutschland den Deutschen“, Alben kamen wegen nationalsozialistischer Tendenzen auf den Index. Keine Frage: Die Onkelz jener Tage bedienten sich des Gedankenguts rechtsradikaler Skinheads und befeuerten es gleichzeitig. Allerdings distanzierten sich die Onkels schon Mitte der 80-er von der rechten Szene, engagierten sich für SOS-Kinderdörfer und hätten durchaus auch auf Rock-gegen-Rechts-Festivals gespielt – hätte man sie denn gelassen. Das Stigma des Rechtsradikalismus haftet bis heute. Womit wir bei Frei.Wild wären.

Südtirol first?

Der Sänger Philipp Burger spielte mal in der Rechtsrock-Band „Kaiserjäger“, die heute kein Mensch mehr kennen würde, hätte Burger nicht da mitgespielt. Denn Frei.Wild füllt die Konzerthallen, und die Alben verkaufen sich prächtig – in der Regel rangieren sie in den oberen Rängen der Charts, wenn nicht gleich auf Platz 1. Musikalisch zählen die Südtiroler, wie etwa Rammstein, zur „Neuen Deutschen Härte“, kurz „NDH“. Politisch aber stehen sie im Verdacht des Nationalismus, und ein Indizierungsverfahren wegen des Lieds „Rache muss sein“ gab es auch.

Indiziert wurde gar nichts, Frei.Wild distanzierte sich vom Song und, wie auch die Onkelz, von Neonazis. Stattdessen lassen beide Bands ihre Gäste bei den Einlasskontrollen zu ihren Konzerten akribisch auf Nazisymbole untersuchen, und für einen Hitlergruß gibt es Hallenverbot. Aber Frei.Wild bekennt sich zur Südtiroler Heimat und zu einer betont konservativen politischen Haltung. „Südtirol first“? Nein. In zwei Videos, eines gedreht in Berlin, eines in Israel, wirbt Frei.Wild fürs neue Album, das am 7. Dezember erscheint. Zur Ballade „Verbotene Liebe, verbotener Kuss“ zeigen die Filme allerhand Küsse: Zwischen einem Rabbi und einer Frau mit Burka, lesbische und schwule Küsse, palästinensisch-israelische Küsse. Ausgrenzung und Hass auf Minderheiten sehen anders aus.


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