Serie „Meine Kulturszene“ Schläfst du eigentlich im Sarg? Vom aufregenden Leben als Grufti

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Osnabrück. Als mein Kollege mich fragte, ob ich einen Text zur Reihe „Meine Kulturszene“ schreiben möchte, habe ich sehr gerne Ja gesagt. Höchste Zeit, ein paar Fragen zu klären, die ich als Mitglied der Schwarzen Szene seit dreißig Jahren gestellt bekomme. Aber ob die Antworten allen gefallen?

Wenn es nach der Stasi geht, bin ich ein ganz schlechter Grufti. Die fleißigen Späher der DDR-Staatssicherheit protokollierten in den Achtzigerjahren penibel ihre Beobachtungen über die „Erscheinungsformen negativ-dekadenter Jugendlicher“. Darunter diese: Gruftis besitzen zwei Särge. Einen, in dem sie schlafen, einen weiteren, in dem sie ihre Habseligkeiten aufbewahren. In ihrer Freizeit widmen sie sich der „Verherrlichung von Gruseleffekten“ sowie dem „Satans- und Todeskult“. Und sie zeichnen sich durch ein „totales politisches und gesellschaftliches Desinteresse“ aus, notierte ein Spitzel. Oje. Und jetzt das Geständnis: Ich bin Grufti. Aber ich besitze keinen Sarg. Schon gar nicht zwei. Als Katholikin aus dem beschaulichen Münster kann auch nicht mit Kontakten zu Satans- oder Todeskulten dienen. Ich war Messdiener. Und politisch interessiert. Nur mit einem zielten die Aufschreiber vom Dienst ins Schwarze: Gruftis sind Fans „der Gruppe ,The Cure‘“, notierten sie am 7. Oktober 1987. Das stimmt. Da war ich 14.

Die berühmten „falschen Freunde“

Meine schwarze Karriere begann sehr typisch als Teenager, in meinem Fall in den trübsinnigen End-Achtzigern voller Angst vor dem Atomkrieg und saurem Regen. Angestiftet hatten mich mein musikverrückter großer Bruder und die berühmten „falschen Freunde“, die viele Jugendliche haben. Ich war verliebt. In die Musik von The Cure. Und in den Chef und Sänger der britischen Band, Robert Smith, der seine Haare im Stil eines geplatzten Sofakissens trug, seine Augen tiefschwarz umrandete und seinen blutroten Lippenstift dramatisch verschmierte. Wie herrlich, wie aufregend, wie unangepasst fand ich das. Meine Freunde versuchten, es ihm gleichzutun, und auch ich trug fortan schwarze Kleidung, dazu buntes Wuschelhaar und die Standardwaffe aller Gruftis: schwarzen Kajal. Nach außen hin wirkte ich tieftraurig. Innerlich aber war ich froh: Ich war anders als die Masse. Ich hörte coole Musik, hatte coole Freunde und zusammen lebten wir in unserer eigenen kleinen, schwarzen, nachdenklichen Welt. Der perfekte Gegenentwurf zum bunten, oberflächlichen Spießertum.

Wenn man ein Jahr lang auf Schuhe wartet

Doch die Welt schwarzzumalen war schwierig. Das Taschengeld war knapp, es fanden sich kaum schwarze Klamotten, das Internet gab es nicht. Also fingen wir an, Kleidung einzufärben und umzunähen. Meine ersten Szene-Schuhe waren von der Firma Dr. Martens, deren Stiefel heute in jedem Schuhgeschäft stehen. Damals musste ich sie in England bestellen und ein Jahr lang darauf warten. Ich liebte sie. Das war die Zeit, als die Fragen anfingen.

Fragen über Fragen

Morgens die Mama: Wer ist denn heute gestorben? In der Schule die Lehrer: Wie willst du in dem Aufzug einen Job bekommen? Und die Mitschüler, die wir verächtlich Popper nannten: Gräbst du Friedhöfe um? Bist du Satanist? Warum trägst du kaputte Strumpfhosen? Hast du auch normale Klamotten? Opfert ihr Katzen auf dem Friedhof? Esst ihr Babys? Und der Klassiker: Schläfst du eigentlich im Sarg? Ach ja, die Fragen. Sie hören nie auf und führen doch zuverlässig in die Irre.

Madonna war die Größte

Gruftis sind anders, aber nicht weniger Teil der Gesellschaft. Ich etwa war Sportlerin, in der Gemeinde aktiv, las die „Bravo“. Tief verehrt habe ich die US-Sängerin Madonna, die wie keine andere stilprägend war mit ihren Spitzenhandschuhen und Korsagen, Leggings und Tüllröckchen, Kreuzketten und Netzstrumpfhosen und ihrer frechen, mutigen Art. War ich mit meinen Grufti-Freunden zusammen, überlegten wir, wie wir an schwarze Klamotten oder Konzertkarten kommen könnten. Dazu hörten wir Joy Division, The Smiths, Die Ärzte, The Clash, Deine Lakaien, Tears For Fears, The Sisters of Mercy, Pink Turns Blue und immer wieder The Cure, alles auf Schallplatte. Zuallererst ist meine Kulturszene eine Musikszene, die im Punk der Siebzigerjahre wurzelt und sich seither auffächert, sodass neben Gothic-Rock, Post-Punk, EBM, Elektronik, Wave und Synth-Pop heute auch Symphonic Metal, Mittelalterrock, Neue Deutsche Härte oder Klassik dazuzählen.

Dämonenaugen, schwarze Schminke, Lack und Leder: Chris Harms, Sänger der Hamburger Dark-Rock-Band Lord Of The Lost, spielt gekonnt mit Grufti-Klischees, hier beim M’era Luna 2018 in Hildesheim. Foto: Annika Nina Schmidt

In der Parallelwelt

Einige meiner alten Bands gibt es noch, sie absolvieren gefeierte Auftritte bei internationalen Szene-Festivals wie dem Wave Gotik Treffen (WGT) in Leipzig, dem Amphi in Köln oder dem M‘era Luna in Hildesheim. Dort treffen sich die Gruftis aus aller Welt und bilden zusammen das, was uns damals in Münster schon im Kleinen so wohlgetan hat: eine heimelige Gemeinschaft, einen Mikrokosmos, der unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der normalen Welt existiert.

Wo einst David Bowie tanzte

Zum Glück gibt es heute das Internet, es verbindet Gothics über Kontinente hinweg. Sie leben überall: Im Geburtsland der Szene, Großbritannien, wo mein Schwarm Robert Smith einst im legendären Londoner Club Batcave – übersetzt: Fledermaushöhle – tanzte, zusammen mit David Bowie, Boy George und Nick Cave. In Deutschland, mittlerweile das Zentrum der Szene. Und aus Skandinavien, Südeuropa, Japan, USA oder Russland. Eine der derzeit erfolgreichsten neuen Bands, She Past Away, ist ein Duo aus der Türkei.

Gibt‘s das auch in Schwarz?

Zu Partys, Konzerten und Festivals werfen sich viele Gruftis damals wie heute in aufwendige Outfits, mit Hingabe von Hand gefertigt. Auch ich gestalte meine Ausgeh-Klamotten, mixe Altes und Neues, Designerstücke und Second-hand-Schnäppchen. Und weil die Welt in meinen Augen nicht genug schwarze Spitzenkanten hat, nähe ich überall welche dran. Die häufigste Frage, die ich beim Einkaufen stelle, lautet: Gibt‘s das auch in Schwarz? Viele Szene-Mitglieder können da nur den Kopf schütteln, sie bleiben bei schlichtem Schwarz. Wieder andere statten sich über spezialisierte Online-Verkaufsportale aus. Gruftis von der Stange, lästern dann wieder andere. Auch das gehört dazu.

Die unbequeme Wahrheit

Benannt wurde die Szene nach alten englischen Schauerromanen, den Gothic Novels. Das passt gut, interessieren sich doch viele Mitglieder neben der Musik auch für Literatur, Film und Kunst. Vieles darin dreht sich um Tabu-Themen wie Vergänglichkeit, Tod und Trauer, auch Horror, Magie, Historisches und allerlei Fantastik finden Platz. Besuche auf Friedhöfen stehen hoch im Kurs. Und ohne Musik geht nichts. Der wild-düstere Mix beschwört bange Fragen geradezu herauf. Schläfst du im Sarg? Ach ja... Und: Nein, ich schlafe nicht im Sarg. Aber ich habe probegelegen. Särge sind unbequem.

Totenköpfe im Einkaufszentrum

Prominente Vorzeige-Gruftis wie der Kölner Kriminalbiologe Mark Benecke nehmen der Szene ihren Schrecken, Verpöntes wird salonfähig. Seit den „Herr der Ringe“-Filmen hat die fantastische Literatur ihr Nischendasein verloren, mit den „Piraten der Karibik“ zogen Totenköpfe in die Mainstream-Mode ein. Was nicht alle Gruftis gut finden, entwertet es doch die mühevolle, kunstvoll-düstere Inszenierung. Wo bleibt das Geheimnis, wenn es schwarzen Nagellack in jeder Drogerie gibt?

Sie leben mitten unter uns

Wie viele Mitglieder die Szene hat, ist unklar, es kursiert die Zahl 100.000. Doch es gibt auch die vielen ungezählten „Wochenend-Gothen“, die im Alltag unauffällig-angepasst auftreten, um am Freitagabend in schwarzer Voll-Grufti-Montur zum Konzert oder in den Club zu düsen. Gruftis arbeiten in der Bank, im Altersheim, im Kindergarten, in der Anwaltskanzlei, im Krankenhaus, in der Schule, im Supermarkt, im Handwerk. Nicht immer werden sie erkannt, nicht immer geben sie sich zu erkennen. Sich fremde Gruftis indes erkennen und grüßen sich, wenn sie sich begegnen. Je bunter, je normaler die Umgebung, desto stärker wirkt das schwarze Wir-Gefühl.

Subkultur in Gefahr

Allerdings ist die Subkultur in Gefahr. Sie wird unterwandert, fasert aus. Immer mehr Nicht-Szene-Leute entdecken die schwarzen Festivals für sich, wo es viel zu erleben und noch mehr zu gucken gibt. Die Schau-Werte auf den Szene-Treffs sind enorm, was Medien und Hobbyfotografen anzieht wie Motten das Licht. Hier tummeln sich auch Mode-Gruftis, die mit Musik nichts mehr am Hut haben, sowie Gothic-Blogger, die auf YouTube teils Hundertausende Abonnenten zählen und sich dort als Über-Gruftis inszenieren. Doch es gibt eine Gegenbewegung: Solche, die sich auflehnen, die kleinere Festivals, Konzerte, Partys oder Lesungen organisieren und so dem Gothic-Mainstream ein schwarzes Schnippchen schlagen. Es ist unklar, wohin diese Entwicklung führt.

Doch kein schlechter Grufti?

Und The Cure? Auch sie sind längst Mainstream. Robert Smiths Lippenstift avancierte zum Markenzeichen, der Brite selbst zu einem etablierten, auch einem der reichsten Musiker der Welt. In diesem Sommer hat die Band ihren 40. Bandgeburtstag gefeiert, im Londoner Hyde Park vor 80.000 Zuhörern. Viele davon waren bunt gekleidet. Das finde ich schade. Aber Gruftis sind treue Seelen, und sie lieben The Cure, das wusste schon die Stasi, und das gilt natürlich auch für mich. Im kommenden Jahr wird Robert Smith 60, das wird gefeiert. Vielleicht bin ich doch kein so schlechter Grufti?


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