Album der Beatles 50 Jahre alt Kult radikaler Leere: Weißes Album auch ein Kunstobjekt

In diesem Jahr schrieben sie endgültig Popgeschichte: Die Beatles, George Harrison (l-r), Paul McCartney, John Lennon und Ringo Starr sitzen 1968 neben einem Verbotsschild mit der Aufschrift "Please Keep of The Grass“ auf einer Wieder nahe der St. Pancras Old Church. Foto: Apple Corp Limited/dpaIn diesem Jahr schrieben sie endgültig Popgeschichte: Die Beatles, George Harrison (l-r), Paul McCartney, John Lennon und Ringo Starr sitzen 1968 neben einem Verbotsschild mit der Aufschrift "Please Keep of The Grass“ auf einer Wieder nahe der St. Pancras Old Church. Foto: Apple Corp Limited/dpa

Osnabrück.. Vor 50 Jahren erschien das Weiße Album der Beatles. Pop Art-Künstler Richard Hamilton gestaltete das Cover als Kunstwerk.

Für 13 235 Euro wechselte es 2005 im noblen Londoner Auktionshaus Christie’s den Besitzer, das weiße Album mit der Auflagennummer acht – wohlgemerkt als leere Hülle ohne Schallplatte. Ein Auktionshype für ein paar verrückte Musikfans? Nein, eher schon Ausdruck jener doppelten Bedeutung, die das weiße Album der Beatles von Anfang an geprägt hat. Denn das Album ist Meilenstein der Rockgeschichte und geniales Kunstobjekt zugleich.  Hier weiterlesen: Cover als Pantheon des Pop - Beatles Album Stg. Pepper´s Lonely Heart Club Band wird 50 Jahre alt.

Könner der Pop Art: Künstler Richard Hamilton schuf das Cover des Weißen Albums der Beatles. Hier ist er mit documenta-Leiterin Catherine David zu sehen. Foto: Uwe_Zucchi/dpa


Wie schon bei dem Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band übernahm auch beim weißen Album ein Star der britischen Pop-Art die Covergestaltung. Peter Blake versah 1967 das Cover von Stg. Pepper mit jenem legendären Gruppenbild, das die Beatles in Fantasieuniformen zeigt und sie in einen Olymp der Popkultur integriert, den sie gemeinsam mit Berühmtheiten von Karl Marx bis Marylin Monroe bewohnen. Richard Hamilton vollzog 1968 den rabiaten Schwenk. Das weiße Album bietet radikale visuelle Leere.

Puristische Ästhetik

Das blanke Weiß des Covers schien die entleerte Ästhetik der No-Name-Produkte der Achtzigerjahre vorwegzunehmen. In Wirklichkeit hat der 2011 in London verstorbene Hamilton das Album mit seiner rigorosen Entscheidung zum Kunstwerk geadelt und es so auratisch aufgeladen. Die weiße Fläche, dazu der Schriftzug „The Beatles“ in Blindprägung: Dieses reduzierte Design lässt das Album vor allem mit seiner Auflagenzählung für die ersten 1000 Exemplare wie eine Künstlergrafik zum Sammlerstück avancieren. Das weiße Album strahlt am Firmament der Popgeschichte. Hamilton speiste es mit seinem Design zugleich in den Kreislauf der Kunstwelt ein. Hier weiterlesen: Die Kunst zum Pop - das lange Leben der Superhelden.

Mythen der Kunst

Denn der raffinierte Hamilton zitiert mit diesem Cover gleich mehrere Mythen der Kunstgeschichte – vom Weißen Quadrat, das der russische Avantgardestar Kasimir Malewitsch 1919 malte, bis zur puristischen Minimal Art, die parallel zu den Albumdesigns von Peter Blake und Richard Hamilton für Furore sorgte. Weiße Bilder treiben den Selbstbezug der modernen Kunst auf die Spitze. So unterschiedliche Maler wie Robert Rauschenberg, Robert Ryman, Agnes Martin und Ulrich Erben schufen weiße Bilder als Grenzgänge einer Kunst der Hyperperfektion. Yasmina Reza spießte diesen Kunstkult um das von jedem Motiv entleerte Bild in ihrem Theatererfolg „Kunst“ auf. In dem 1994 uraufgeführten Stück streiten sich die drei Freunde Serge, Marc und Yvan um ein weißes Bild mit weißen Streifen.

Symbol der Leere

Als Symbol der Leere provoziert die Nichtfarbe Weiß unzählige Deutungen. Hamilton kreierte damit den Beatles mit dem weißen Album ein Image der Allgegenwart und Grenzenlosigkeit, das die Fab Four dadurch einlösten, das sie aus ihrem Doppelalbum einen Kosmos fast so gut wie aller Stilarten der Popmusik machten. Das weiße Album ging auch als perfekte Symbiose aus Popmusik und Kunst in die Geschichte ein.


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