Drohungen von Rechtsextremen Erklärung der Vielen: Kulturhäuser im Norden sind dabei

Von Dr. Stefan Lüddemann, Barbara Glosemeyer, Holger Kankel und Martin Schulte

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Mit glänzenden Fahnen und Transparenten. Kulturmacher demonstrieren für eine freie Kultur. Foto: Die VielenMit glänzenden Fahnen und Transparenten. Kulturmacher demonstrieren für eine freie Kultur. Foto: Die Vielen

Osnabrück. Populisten und Rechtsextreme nehmen Kultur unter Beschuss. Die Kultur wehrt sich mit der „Erklärung der Vielen“.

Karin Beier, Deutsches Schauspielhaus Hamburg: „Wer hätte vor wenigen Jahren, vielleicht sogar Monaten damit gerechnet, dass die Freiheit der Kunst derart unverblümt zur Disposition gestellt wird?“ Karin Beier, Intendantin des Deutschen Schauspielhauses, hat sich mit mehr als 115 Kultur- und Kunstschaffenden und deren Institutionen in Hamburg solidarisiert, die von Rechtspopulisten attackiert oder in Frage gestellt werden. Die „Erklärung der Vielen“ sei ein wichtiger Schritt, sich „gegenseitig zu schützen und zu unterstützen“, so Beier. Konkret bedeute das, sich inhaltlich mit den Symptomen rechter Ideologien wie Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Sexismus auseinandersetzen. „Sehr viele Inszenierungen auf unseren Spielplänen tun das bereits“, sagt die Intendantin. Das allein reiche aber nicht aus. Es sei wichtig, der „Deutschtümelei und nationalistischen Machtphantasien“ positive und lebendige Konzepte einer vielfältigen Gesellschaft entgegen zu setzen. Ein Beispiel dafür sei das Projekt der „Solidarischen Stadt“, das im Mittelpunkt des New-Hamburg-Festivals im September stand.  Hier weiterlesen: Angriff von rechts - Kulturhäuser stehen unter Druck.

"In der Überzahl"

Wenngleich die AfD auch in Hamburg zahlreiche Kleine Anfragen an Kultureinrichtungen stelle und so versuche, Einfluss zu nehmen, ist die Situation nach Einschätzung der 52-Jährigen in Hamburg noch vergleichsweise gut: „Die, die sich für eine freie und diverse Gesellschaft einsetzen, sind deutlich in der Überzahl“. In anderen Regionen, auch in unmittelbarer Nähe, sei das nicht der Fall. Das Hamburger Schauspielhaus habe bislang noch keine direkte Bedrohung durch rechte Gruppierungen erfahren.

"Völkischer Unterton"

Janneke de Vries, Bremer Museum Weserburg: „Es ist einfach Zeit, dass Kulturinstitutionen Flagge zeigen“, begründet Janneke de Vries ihr Engagement gegen rechts. Auf Facebook habe sie die Hamburger Erklärung „Wir sind viele“ gefunden und für ihr Haus gleich unterzeichnet. Seit Oktober steht die Kunsthistorikerin dem Bremer Museum Weserburg vor. Janneke de Vries nimmt seit einiger Zeit wahr, dass „braunrechte Politik versucht, in kulturelle Belange hineinzureden“ und dabei ein „völkischer Unterton“ zu hören sei. Vor allem der Umgang mit der Documenta sei „extrem besorgniserregend“. In Kassel hatten AfD-Politiker gegen Documenta-Kunst Front gemacht und sie in Anlehnung an die Kampagne der Nationalsozialisten gegen angeblich „entartete Kunst“ als „entstellt“ bezeichnet. In Bremen hat die Museumsdirektorin nach eigenen Worten keine Erfahrungen mit Attacken von rechts gemacht. Sie beobachte aber, wie Rücksichtslosigkeit im Alltag zunehme. „Moderne Kunst ist immer nah dran an der Gesellschaft“, sagt de Vries weiter und ergänzt: „Gute Kunst bezieht Stellung“. Ein Neutralitätsgebot, das Rechte immer wieder einklagen, sieht die Kunsthistorikerin nicht. „Kunst und Kultur sind niemals neutral“, begründet Janneke de Vries ihren Einspruch. Bei der Unterschrift unter die Erklärung will sie es nicht belassen. Konkrete Aktionen gegen Rechts sollen folgen. Dafür sucht Janneke de Vries nach ihrem Bekunden gerade nach Verbündeten in der Bremer Kulturszene.

Gefährliche Angriffe

Robert Höller, Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin: Die Hamburger „Erklärung der Vielen“ ist inzwischen, wenn auch etwas später als in den Metropolen, in Schwerin, der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern angekommen. „Einige Kollegen haben bereits als Privatpersonen unterzeichnet“, so der Schauspieler Robert Höller vom Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. „Im Moment berät die Schauspielleitung über diese Initiative, aber wir sind alle sehr interessiert daran, uns zu solidarisieren. Die Angriffe von AfD und anderen Rechtspopulisten auf Kultureinrichtungen sind so drastisch und gefährlich, wie seit der NS-Zeit nicht mehr. Wir werden uns nicht gefallen lassen, dass in Texten herumgestrichen werden soll oder gar versucht wird, in Spielpläne einzugreifen. Und leider sieht es nicht so aus, dass diese Attacken auf die Kulturfreiheit in Zukunft aufhören.“

Gegen die Theater

Höller verweist auf eine Rede des AfD-Abgeordneten Hans-Thomas Tillschneider, der im Landtag von Sachsen-Anhalt angekündigt habe, seine Partei werde in Zukunft „genau auf die Programmatik der Bühnen schauen“. „Intendanten, die ein zu buntes Agitprop-Repertoire mit Regenbogen-Willkommens-Trallala auf die Bühne bringen, denen muss man die öffentlichen Subventionen komplett streichen“, zitiert der Schauspieler Tillschneider. Angriffe von Rechts auf das Mecklenburgische Staatstheater habe es zwar noch nicht gegeben, „aber nebenan im Landtag sitzen 13 AfD-Abgeordnete, da müssen wir gewappnet sein“, so Höller. Viele Schauspieler gingen in den vergangenen Monaten in Schwerin an Montagen auf die Straße, um gegen AfD-Demonstrationen zu protestieren – mit einem eigenen Plakat: „Wir müssen lernen, als Brüder miteinander zu leben oder wir werden als Narren untergehen.“ Das Theater stehe ganz besonders in der Pflicht, alle Versuche von Rechts abzuwehren. „Wenn wir in unseren Spielplänen verschlafen werden, haben wir etwas falsch gemacht.“ Darum zeigt das Mecklenburgische Staatstheater zum Beispiel eine erfolgreiche Inszenierung des Stücks „Sein oder Nichtsein“ nach dem Filmklassiker von Ernst Lubitsch, in dem eine Warschauer Schauspieltruppe in verschiedenen Verkleidungen die deutschen NS-Besatzer überlistet. Im März hat Arthur Millers berühmtes Drama „Hexenjagd“ Premiere, in dem von einer amerikanischen Kleinstadt erzählt wird, die durch eine fatale Mischung aus Aberglaube, Hysterie, Habgier und Fanatismus in eine Spirale von Schuld und Gewalt gerät. 

Gelebte Demokratie

Boris Pawlowski, Christian-Albrechts-Universität und Anette Hüsch Kunsthalle Kiel: Die Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU) hat vor wenigen Wochen im Bereich der Exzellenzförderung durch den Bund ein Thema durchbekommen, das eigentlich perfekt zur „Erklärung der Vielen“ passt: „Roots“ ist der Titel dieses Forschungsprojektes, das den Wandel des Zusammenspiels von Gesellschaft, Umwelt und Kultur interdisziplinär erforschen will. Ein Projekt, das wie eine universitäre Reaktion auf die Erklärung der Vielen klingt, wenn es nicht nicht schon vorher da gewesen wäre. „Durch die Erklärung wird die Relevanz dieser Forschung aber noch einmal unterstrichen“, sagte gestern der Pressesprecher der Uni Kiel, Boris Pawlowski. Eine weitere Besonderheit der CAU ist, dass ihr mit der Kunsthalle Kiel das größte Museum der Landeshauptstadt angeschlossen ist. Dort wird das Thema gerade diskutiert, man prüft gemeinsam mit der CAU, ob man sich der Erklärung anschließt. Kunsthallen-Direktorin Anette Hüsch unterstrich gestern noch einmal den Wert der „Erklärung der Vielen“: „In der neu aufkeimenden Diskussion über „gute“ oder „schlechte“ Kunst setzen die Kulturschaffenden damit ein Zeichen für gelebte Demokratie.“ Bislang gab es noch keine Einflussversuche auf Darstellungsformen, Inhalte oder Finanzierung der Kunst, dennoch wollen Universität und Kunsthalle dieser aufkommenden Tendenz entgegentreten: „Die Kunst muss wie die Wissenschaft frei von politischer und religiöser Einflussnahme bleiben“, sagte CAU-Sprecher Pawlowski gestern. 


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