Filmstart am Donnerstag Tanz-Horror „Suspiria“ – was taugt das Remake des Kultfilms?

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Das Remake von „Suspiria“: In der Farbauswahl hält der neue Film Dario Argento die Treue. Foto: Alessio Bolzoni/Amazon StudiosDas Remake von „Suspiria“: In der Farbauswahl hält der neue Film Dario Argento die Treue. Foto: Alessio Bolzoni/Amazon Studios

Berlin. Kann das Remake eines Kultfilms glücken? Luca Guadagninos Neuverfilmung von Dario Argentos „Suspiria“ wagt den Versuch.

Dario Argentos „Suspiria“ ist ein Klassiker. Luca Guadagino hat sich an ein Remake gewagt, dass mehr Analyse als Nachahmung ist. Am Donnerstag, 15. November, kommt der Film ins Kino.


Was macht „Suspiria“ zum Kult?

Listen der besten Horrorfilme aller Zeiten verzeichnen regelmäßig Dario Argentos „Suspiria“ (1977). Der Kultklassiker erzählt von an einem Hexenzirkel, der die Elevinnen einer deutschen Ballettschule bestialisch ermordet – bis Suzy, eine Tänzerin aus den USA, sich dem Bösen stellt. Die Geschichte ist ein bloßer Vorwand für die Entfesselung eines reinen Kinos, in dem es nur noch um Bilder, Töne und um aufgepeitschte Emotionen geht: Die ebenso drastischen wie stilisierten Morde taucht Argento in monochromes Licht, er dekoriert das Set mit labyrinthischen Ornamenten und setzt das Gefühl einer permanenten Bedrohung bis in den Soundtrack fort, den die der Progressive-Rock-Band Goblin beisteuert.

Es braucht Mut, um diesen ewigen Lieblingsfilm neu zu verfilmen. Und dass gerade Luca Guadagnino es sich zutraut, macht hellhörig: Der Italiener, dessen sommerlich-sehnsüchtige Romanze „Call Me by Your Name“ bei den letzten Oscars reüssierte, ist ein Experte für die Neuerfindung berühmter Stoffe. Schon sein Erotik-Thriller „A Bigger Splash“ (2015) war mehr Autorenkino als ein Remake des Romy-Schneider-Films „Der Swimmingpool“ (1969). Und auch „Suspiria“ entfaltet, bei spürbarem Respekt vor dem Original, eine ganz und gar eigenständige Wucht.

„Suspiria“: Dakota Johnson tanzt im Remake des Argento-Klassikers. Foto: Alessio Bolzoni/Amazon Studios

Tanz- und Horrorkino: die grauenvollste Szene

Auch Guadagnino legt seinen Film als ästhetischen Rausch an, lässt die Kamera durch Spiegelsäle fahren, spielt mit extremen Auf- und Untersichten, macht die Muster von Bodenfliesen zur konkreten Kunst, fetischisiert Waffen und lädt Blicke mit unheilvoller Bedeutung auf. Seine Entsprechung zu Argentos Musik ist ein sphärischer Soundtrack des Radiohead-Frontmanns Thom Yorke. Was „Suspiria“ aber vor allem auszeichnet, ist die atemberaubende Verbindung von Tanz- und Horrorkino. Die dämonische Vernetzung der Tanzschule führt schon früh eine doppelte Choreografie vor: Während Susie, die amerikanische Studentin, im Probenraum ihre Kunst demonstriert, übertragen sich all ihre Bewegungen magisch auf eine eingekerkerte Kommilitonin – deren Körper dabei in erzwungenen Drehungen sprichwörtlich zerrissen wird. Eine unglaubliche und auch unglaublich grausame Sequenz.

Während Argento kommerzielles Kino zur Kunst machte, kommt Guardagnino aus dem Arthouse. Daran lässt schon die Besetzung keinen Zweifel: Zu den Hauptdarstellerinnen gehören seine Stammschauspielerinnen Tilda Swinton (als Chef-Choreografin) und Dakota Johnson (Susie), seit ihren „Shades of Grey“-Filmen eine Fachkraft für die Faszination des Grauens. Mit Angela Winkler und Ingrid Caven sind auch Größen des deutschen Films beteiligt. Jessica Harper, Hauptdarstellerin des Originals, autorisiert das Remake mit einem Gastauftritt.

Dakota Johnson im Remake von Dario Argentos „Suspiria“. Foto: Alessio Bolzoni/Amazon Studios

Remake als Analyse

Was die Werke am stärksten unterscheidet, ist ihr Umgang mit der außerfilmischen Realität: Argento entwirft eine in sich geschlossene Welt, in der das Grauen sich selbst begründet. (Der Filmpublizist Marcus Stiglegger wählt den Vergleich mit M. C. Eschers Kunst und weist darauf hin, dass Argento die Tanzschule sogar an der „Escherstraße“ ansiedelt.) Guadagnino, der die Geschichte wie sein Vorgänger in Deutschland spielen lässt, sucht reale Kontexte und verknüpft den Hexentanz mit Nazi-Terror und Deutschem Herbst: Auf der Gegenwartsebene informieren die Nachrichten über die Selbstmorde in Stammheim, der Vergangenheitsstrang umkreist ein KZ-Schicksal, und die finale Choreografie, die an der Tanzschule geprobt wird, trägt den Titel „Volk“. Guardagino deutet Argentos magische Bannsprüche als faustisches Spiel mit dem Bösen und assoziiert sie mit der deutschen Selbstverführung zur Gewalt: ein Remake als Analyse.

„Suspiria“. USA 2018. R: Luca Guadagnino. D: Tilda Swinton, Dakota Johnson, Mia Goth, Angela Winkler, Ingrid Caven, Jessica Harper, Sylvie Testud. 152 Minuten, FSK: ab 16 Jahren.

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