Serie "Meine Kulturszene" Ob die Madonna Kölsch spricht? Besuch bei alten Meistern

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Die kölsche Mona Lisa: Stefan Lochners "Madonna im Rosenhag" ist der Star in der Sammlung des Kölner Wallraf-Richartz-Museums. Foto: Stefan Swertz/Wallraf-Richartz-MuseumDie kölsche Mona Lisa: Stefan Lochners "Madonna im Rosenhag" ist der Star in der Sammlung des Kölner Wallraf-Richartz-Museums. Foto: Stefan Swertz/Wallraf-Richartz-Museum

Köln.. Alte Meister verzaubern. Ein Besuch im Kölner Wallraf-Richartz-Museum im Rahmen unserer Serie "Meine Kulturszene".

Ob sie Kölsch sprechen würde? Wir wissen es nicht. Die Madonna schweigt, seit 568 Jahren. Sie würdigt uns nicht einmal eines Blicks. Scheu senkt sie die Augenlider, thront in der Rosenlaube, hält ihr nacktes Kind. Um sie ist Stille. Stefan Lochners "Madonna im Rosenhag" leuchtet als Sinfonie in Gold und Blau. Öl auf Eichenholz, 50,5 mal 40 Zentimeter: Das klingt nicht spektakulär. Aber wer das Bild einmal gesehen hat, vergisst es nicht mehr. Lochners Madonna ist so geheimnisvoll wie Leonardos Mona Lisa. Dieses Gemälde lässt einen nicht los. Hier weiterlesen: Alter Meister - Köln zeigt Tintoretto als Shootingstar.


Im Kölner Wallraf-Richartz-Museum dominiert die "Madonna im Rosenhag" von Stefan Lochner einen ganzen Raum. Foto: Wallraf-Richartz-Museum


Zauberwürfel der Kunst

In Köln mache ich auf den Weg zu dieser Mona Lisa des Mittelalters. Ich lasse den Dom in meinem Rücken, eile an Gürzenich und historischem Rathaus vorbei. Vor mir ragt das Wallraf-Richartz-Museum auf, halb Zauberwürfel, halb Trutzburg. Eingravierte Künstlernamen laufen wie ein doppelt geschlungenes Geschenkband um das Gebäude. Trotz des hellen Steins strahlt das Haus die Würde einer Schatzkammer aus. Ich trete durch hohe Glastüren in ein lang gestrecktes Foyer. Straßenlärm, Hektik, die Eile der Passanten, hier drinnen ist das alles vergessen. Ruhe umfängt mich wie ein Mantel.

112 Millionen Besuche

Das Kölner Wallraf-Richartz ist ein Klassiker unter den Museen. Seine Sammlung mit Spitzenwerken alter Meister wie Rembrandt, Rubens, van Dijk oder eben dem Kölner Maler Stefan Lochner macht dieses Haus zu einer ersten Adresse. Aber gelten Museumsbesuche nicht als langweilig? Millionen Menschen sind anderer Meinung, in jedem Jahr. Fast 112 Millionen Museumsbesuche weist die Statistik des Deutschen Museumsbundes für 2016 aus. Große Häuser punkten auch mit alten Meistern. Über 150000 Besucher wollten 2016 in der Berliner Gemäldegalerie spanische Maler wie Velázquez und El Greco sehen, über 100000 die Könner des italienischen Manierismus wie Pontormo oder Bronzino, die das Frankfurter Städel präsentierte. Hier weiterlesen: Mona Lisa - Was steckt hinter Leonardos Meisterbild?

Welt der Stille

In den ständigen Sammlungen hingegen gibt es kaum Gedränge. Wer im Wallraf-Richartz-Museum zur Kunst gelangen möchte, absolviert einen Parcours, der Schritt für Schritt in eine Welt der Stille führt. Ich zeige meine Eintrittskarte, steige im Treppenhaus empor. An seinen Wänden verteilen sich die Namen von Mäzenen und Stiftern zu einer weit verzweigten Chronologie, die durch Jahrhunderte führt. Die Uhren ticken hier langsamer. Und ich bewege mich sachter. Nur mein Herz schlägt unmerklich schneller, als ich die Tür zur Abteilung des Mittelalters öffne, der Aufsicht kurz zunicke und mich nach links wende. Denn dort geht es zu ihr, zur Madonna aller Madonnen.

Fest aus Blau und Gold

Von fern schon leuchtet es mich an, dieses schimmernde Fest aus Blau und Gold. Stefan Lochners "Madonna im Rosenhag" hängt nicht einfach an der Wand. Die Kuratoren haben sie auf ein doppeltes Podest gehoben, eine Haube aus Sicherheitsglas darüber gesenkt und die bemalte Holztafel so mitten in den Raum und in die Flucht einer Sichtachse gestellt. Die Wände des kleinen, quadratischen Raumes leuchten in warmem Rot. Die Madonna ist nicht allein. An den Wänden hängen weitere Darstellungen der Mutter Gottes. Aber nur für sie habe ich Augen. Lochner hat das Bild dort gemalt, wo heute das Museum steht. Der Meister verwendete nicht nur kostbarste Farben, er gruppierte auch Madonna und Kind, Gottvater und Engel in perfekter Komposition. Ausgeklügelter Bildaufbau, Symbole voller Gelehrsamkeit: Lochners Bild begeistert mit der Perfektion seiner Harmonie. Aber erst die unnachahmliche Anmut der Frauengestalt macht aus dem Meisterbild einen Mythos, eine zweite Mona Lisa. Hier weiterlesen: Kreuzpunkt der Geschichten - ein Gang über die Frankfurter Buchmesse.

Magie des Museums

Es sind einzigartige Bilder wie diese Madonna, die die Magie eines Museums ausmachen. Die Mona Lisa im Pariser Louvre, Raffaels "Sixtinische Madonna" in der Dresdner Galerie Alter Meister oder Dürers Selbstbildnis in der Alten Pinakothek in München - sie alle tragen den Mythos des ikonischen Spitzenbildes, Supernova unter lauter Stars. Im Wallraf-Richartz bilden Meisterwerke ein Ensemble, das für die Ewigkeit bestimmt zu sein scheint. Dabei verdankt sich die Sammlung in Wirklichkeit turbulenter Umbrüche. Als kurz nach 1800 geistliche Besitztümer aufgehoben werden, sammelt Museumsgründer Ferdinand Franz Wallraf Altarbilder profanierter Kirchen, Klöster und Stifte. Ein Kaufmann schenkt Stefan Lochners Madonna wenig später. So formt sich der Kern einer heute berühmten Kollektion. Prestige, Aura, Konstanz: Gerade Altmeistermuseen wirken wie Ruhepunkte mitten in einer Welt der Veränderungen. Ihre Bilder scheinen der Zeit zu trotzen. Sie setzen Beständigkeit gegen Veränderung. Darin finden viele Menschen Halt.

Im digitalen Kreislauf

Natürlich weiß ich, dass Gemälde, die wir heute als Museumsstücke bestaunen, früher eine andere Funktion hatten. Sie sind nicht nur endlos oft reproduziert, sondern auch in die Datenkreisläufe der digitalen Welt eingespeist worden. Ihre Geschichte geht weiter, auch die von Lochners Madonna. Dennoch haben Meisterwerke sind präsent, auch als Zeitreisende, die uns mit fernen Epochen verbinden. Ich bin der Anziehungskraft von Lochners Madonna wie einem Lichtstrahl gefolgt. Und ich kann dieses Gemälde bewundern, auch wenn ich vom Motiv der Muttergottes als Vorbild für heutige Frauenbilder nichts halte. 

Goldene Lichtspur

Ich gehe weiter durch die Säle, lasse mich von barocken Großformaten von Rubens und Jordaens mit ihren mythologischen Szenen beeindrucken, vertiefe mich in Canalettos Ansicht von Venedig, lasse meine Blicke über niederländische Stillleben streifen. Viele dieser Bilder sind mir fast zu laut, so sehr habe ich die Ruhe der Madonna noch in mir. Erst bei dem Selbstbildnis Rembrandts halte ich länger an. Der alte Maler schaut mit weisem Blick über die Schulter auf uns. Sein Mantelkragen schimmert wie eine goldene Spur durch den dunklen Bildgrund. Diese Spur führt mich noch einmal zurück zur Madonna. Ich gehe um das Bild herum, spüre die Kraft, die von ihm ausgeht.

Die Madonna schweigt

Kölsche Mona Lisa. So nennen die Museumsleute ihr schönstes Bild. Seltsamer Name. Ich lächle in mich hinein, als sich die Türen des Museums wieder hinter mir geschlossen haben. Auf der Straße geht mir für einen Moment lang noch alles zu schnell. Ich bleibe stehen, schaue auf die Silhouette des Domes im Abendlicht, spüre der Madonna nach. Ob sie Kölsch sprechen würde? Vielleicht. Womöglich würde sie auch leise eine Melodie trällern, natürlich die von Madonnas "Like a virgin". Aber sie schweigt, seit Jahrhunderten. Und spricht doch zu uns.  

Köln, Wallraf-Richartz-Museum. Di.-So., 10-18 Uhr. Info: www.wallraf.museum

 


 



Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN