Ausstellungsprojekt in Düsseldorf "museum global": Blick auf die Moderne der anderen

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Das andere Gesicht der Moderne: Das Bild "Krise" (1967) des Nigerianers Demas Nwoko ist in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zu sehen. Die Ausstellung "museum global Mikrogeschichten einer 
ex-zentrischen Moderne" läuft von 10.11.2018 bis 10.03.2019. Foto: Roland Weihrauch/dpaDas andere Gesicht der Moderne: Das Bild "Krise" (1967) des Nigerianers Demas Nwoko ist in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zu sehen. Die Ausstellung "museum global Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne" läuft von 10.11.2018 bis 10.03.2019. Foto: Roland Weihrauch/dpa

Düsseldorf. "museum global": Die Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen kehrt den westlichen Blick auf die Moderne um.

Mit Kunst soll alles besser werden. Uche Okeke ist voller Optimismus. Eine neue Kunst für eine neue Gesellschaft - mit diesem Slogan treten Okeke und weitere Künstler an, als ihr Heimatland Nigeria 1960 unabhängig wird. 1967 schon versinkt das Land im sogenannten Biafra-Krieg, sind Okekes Hoffnungen zerstört. Sein Gemälde "Fantasie und Masken" von 1960 zeigt farbenfrohe Masken, aber auch einen bleichen Totenschädel. Jetzt ist es eines jener Kunstwerke, mit denen in Düsseldorf eine andere Geschichte der modernen Kunst erzählt werden soll. Hier weiterlesen: Performance als Link der Künste - Maria Hassibi in Düsseldorf.

Geschichten der Moderne

"museum global": Unter diesem Titel entfalten die Kuratorinnen sieben Geschichten der Moderne, wie sie sich jenseits europäischer Wahrnehmung auch entwickelt hat. Gerade in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen sorgt dieser Ansatz sofort für einen Konflikt. Denn das gern als "geheime Nationalgalerie" titulierte Haus beherbergt mit Meisterwerken von Pablo Picasso, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Jackson Pollock oder Otto Dix genau jenen Kanon der westlich geprägten Moderne, der kritisch befragt werden soll. Die Heroen einer westlich geprägten Moderne machen nun Platz für Werke der weniger stark wahrgenommenen Künstlerinnen und Künstler aus Japan, Mexiko, Brasilien, Nigeria, Indien, dem Libanon oder Moskau.

Die schicke Exotik

Picasso und Kirchner, überhaupt die Expressionisten und Avantgardisten machten zu Beginn des 20. Jahrhunderts Anleihen bei sogenannten primitiven Kulturen. Ob afrikanische Kultmaske oder japanischer Fächer, die Objekte aus der Ferne signalisierten genau jene Exotik, die der eigenen Kreativität neuen Schub geben sollte. Heute wird kritisch nachgefragt. Steckt in solchen Übernahmen nicht der Blick europäischer Kolonialherren auf andere Kulturen? Mit "museum global" wird die Blickrichtung umgedreht. Jetzt kommen jene Avantgardisten in den Blick, die abseits europäischer oder amerikanischer Metropolen ihr Projekt einer Befreiung durch die Kunst starteten und dafür westliche Kunst und eigene Bildtraditionen zusammenbrachten. Hier weiterlesen: Von Volksbühne bis Documenta - neue Allianzen der Künste.

Eiffelturm im Karneval

In Düsseldorf sehen wir nun in dieses Gesicht einer anderen Moderne. Der Japaner Yorozu Tetsugoro studierte ab 1907 westliche Malerei. Seine "Nackte Schönheit" schockierte mit blankem Busen und sichtbaren Achselhaaren den klassisches Schönheitsempfinden. Jetzt hängt das Bild neben Ernst Ludwig Kirchners „Mädchen unter Japan-Schirm" von 1909. Ein ungewohnter Dialog zwischen Ost und West. Die brasilianische Malerin Tarsila do Amaral platzierte den Pariser Eiffelturm auf einem ihrer Bilder mitten in den Karneval eines Armenviertels ihrer Heimat. Der Maler Lasar Segall zog von Litauen nach Südamerika. Sein in düsteren Brauntönen gehaltenes Riesenbild "Emigrantenschiff" von 1939/1941 wirkt jetzt wie ein Kommentar auf die gewagten Überfahrten und strapaziösen Märsche, mit denen sich Menschen heute auf den Weg nach Europa machen.

Trockene Thesenschau

Die Düsseldorfer Kuratorinnen haben für ihre Präsentation die Sammlungsräume auf links gedreht, manchen Klassiker abgehängt, um Platz zu schaffen. Die sieben Pfade in zu selten erzählten Geschichten der Moderne überraschen, verzaubern, machen nachdenklich. Zuweilen hat das Projekt aber auch den trockenen Charme einer Thesenschau. Denn das von der Bundeskulturstiftung nicht nur finanzierte, sondern auch initiierte Projekt folgt jener Diskussion um Kolonialismus und Pluralität der Kulturen, die in der Kulturszene längst zu einem neuen Mainstream geronnen ist und das Programm vieler Häuser dominiert. Ob die nach Athen verlagerte Documenta 2017, der Streit um das Berliner Humboldt Forum und seine Version von Weltkultur oder die Forderungen nach Rückgabe vieler Museumsexponate an afrikanische Länder - lange praktizierte westliche Dominanz wird gerade revidiert, auch in Kunst und Kultur. Hier weiterlesen: Susanne Gaensheimer: Museen für ein neues Publikum öffnen.

Mit im Trend

Die Kunstsammlung NRW vollzieht diesen Trend nun mit. Vorreiterin ist sie nicht, zumal viele der jetzt präsentierten Bilder nicht aus der Verborgenheit geholt werden mussten. Sie sind längst in den Museumssammlungen angekommen. Viele der Avantgardebewegungen in anderen Ländern sind ohnehin bekannt. Verwunderlich wirkt, dass das Ausstellungsteam seiner Entdeckungsreise durch alle Weltgegenden mit Bildern Paul Klees einen umständlichen "Prolog" vorschaltet, anstatt den Gästen aus der Ferne die beste Bühne zu geben. Wenig konsequent auch, dass Besucher des Open Space genannten Debattenforums das Museum verschämt durch eine Seitentür betreten sollen, und sich durch die hochgestochene Sprache mancher Veranstaltungstexte quälen müssen. Was eine Öffnung des Kunsttempels bewirken soll, könnte für manche Besucher nach unfreiwilliger Herabsetzung schmecken.


Düsseldorf, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen: museum global. Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne. 10. November 2018 bis 10. März 2019.  Di., Do., Fr., 10-18 Uhr, Mi., 10-21 Uhr, Sa., So., 11-18 Uhr. Info: www.kunstsammlung.de




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