Verrückt nach Rammstein Ansturm auf Tickets: Rammstein-Fanclub muss kurzfristig schließen

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Osnabrück. Wenn die Berliner Brachialrocker Rammstein neue Konzerte ankündigen, drehen die Fans durch. Diesen Donnerstag ist es wieder so weit: Der Ticketverkauf für die heiß ersehnte Rammstein-Stadiontour 2019 startet. Angeheizt durch eine perfide Werbestrategie, werden vermutlich einmal mehr Verkaufsportale zusammenbrechen und die Shows binnen Minuten ausverkauft sein. Der Fanclub-Bereich musste bereits schließen. Warum nur ist alle Welt verrückt nach Rammstein? Hier die Gründe:

Unter Musikjournalisten gibt es einen inoffiziellen, nicht ganz ernst gemeinten Titel: „Rammstein Survivor“, übersetzt Rammstein-Überlebender. Um ihn von den Pressekollegen feierlich verliehen zu bekommen, muss man nur eines tun: sich ein Rammstein-Konzert ansehen. Ein Erlebnis, das vor allem beim ersten Mal Spuren hinterlässt, nicht nur bei Journalisten, sondern bei sämtlichen Premierenzuschauern dieser Band. Die Spuren sind nicht etwa Brandspuren wie sie die sechs Musiker der Band zieren, die oft genug etwas abbekommen von den Feuerfontänen, die aus ihren Gitarren, dem Gitter-Fußboden der mächtigen Metall-Bühne oder aus dem Flammenwerfer des Frontmanns Till Lindemann schießen. Nein, die Zuschauer sollten sich eher einstellen auf Spuren in ihrem emotionalen, auch visuellen Gedächtnis. Denn Rammstein-Shows sind vor allem eines: beeindruckend. Da geraten die ebenfalls eindrucksvollen bisher verkauften 20 Millionen Tonträger des deutschen Rock-Kulturexports schnell in den Hintergrund.

Liebe? Nicht notwendig, Hass geht auch

Kein Wunder, denn Rammstein live zu sehen ist weniger ein Konzerterlebnis, dafür sehr viel mehr ein Mega-Event. Um von dem Spektakel beeindruckt zu sein, muss man nicht einmal die Musik der sechs Berliner mögen, die mit strengem Rhythmus zum Marschieren einlädt und mit krachenden Gitarren zum ausgelassenen Tanzen. „Tanzmetall“ nennen die Rammsteiner ihren Stil, der ein ganzes Genre namens NDH – Neue Deutsche Härte – begründet hat. Auch die Texte müssen nicht gefallen, die in der Regel eklig und morbide, mindestens aber abgründig oder anzüglich sind und die das Rammstein-Publikum in aller Welt bei Konzerten lautstark mitgrölt – auch wenn im Ausland der Sinn der deutschen Reime vermutlich oft im Dunkeln bleibt. Mögen muss man auch nicht das martialische Auftreten der sechs Musiker, die seit 1994 ohne Pause und ohne Zickenkrieg miteinander und gleichberechtigt wie in einem Kollektiv ihren Weg gehen. Nein, man darf Rammstein und all das testosterongeschwängerte Gehabe gern und zutiefst hassen. Beeindruckend sind die gewaltigen, perfekt durchsynchronisierten Shows der Brachialrocker dennoch.

Dompteur Lindemann kriegt sie alle

Allein durch die vielen Feuer-Effekte, deren Hitze noch in den hinteren Reihen zu spüren ist. Hinzu kommt die enorme Energie des Vortrags, die zuweilen einer hitzigen Massenhypnose gleicht, etwa dann, wenn das Publikum den Anweisungen des bösen Dompteurs Lindemann blindlings folgt. „Könnt ihr mich hören?“, verlangt Lindemann im Lied „Ich will“ grollend zu wissen. „Wir hören dich!“, brüllt es tausendfach zurück. Würde Lindemann die Konzertbesucher auffordern, auf einem Bein zu hüpfen und „Alle meine Entchen“ zu singen, sie würden es wohl tun. Zum Glück liegen den Rammsteinern derartige Albernheiten fern, zumal sie die direkte Kommunikation mit dem Publikum außerhalb ihrer Lieder grundsätzlich meiden, abgesehen von einem knappen „Danke“ am Ende der Shows.

Zwei Stunden mit ordentlich Wumms

Mehr Interaktionen brauchen diese Auftritte auch nicht. Rammstein liefern auf der Bühne exakt das, was ein gut gemachter Popcorn-Action-Film leistet: gute, teils brutale, vor allem aber kurzweilige Unterhaltung mit ordentlich Wumms. Nach zwei Stunden ist der Spuk vorbei – und die Welt um neue Rammstein-Überlebende reicher.

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Werbung à la Rammstein: Wenn Infos „aus Versehen“ durchsickern

Neugierig auf die neuen Shows macht auch die perfide Werbestrategie, mit der die Band direkt ins Lustzentrum ihrer Fans zielt und dort Begehrlichkeiten weckt: Erst sickert „aus Versehen“ die Information durch, dass angeblich eine neue Rammstein-Tour bevorsteht, dann tauchen ebenso „aus Versehen“ unkommentiert einzelne Werbe-Plakate in großen Städten auf, dann folgt die erlösende, offizielle Ankündigung der Termine. Und dann gibt es auch endlich die Informationen, ab wann genau und wo die Tickets zu bekommen sind. Diese Werbestrategie, bei der die Fans häppchenweise angefüttert werden, ist mittlerweile ein Markenzeichen der Band.

Wie immer halten die sechs Berliner bei der Vermarktung ihrer Band alle Fäden selbst in der Hand, wählen beispielsweise ein einziges Verkaufsportal aus, das allein und ausschließlich die begehrten Tickets vertreibt. Diese Nicht-Streuung hat in der Regel zur Folge, dass insbesondere die Konzerte in Deutschland Minuten nach dem offiziellen Verkaufsstart ausverkauft sind. Auch können sich die Fans, die pünktlich an diesem Donnerstag um 10 Uhr ihr Glück beim Online-Ticketverkauf versuchen, auf zusammenbrechende Verkaufsportale und abschmierende Server einrichten. Hoffen können sie dennoch, schließlich ist die kommende Tour die erste Stadiontour in der Bandgeschichte. Das hat Auswirkungen auf das Ticketangebot: Im Vergleich zu einer Hallen-Tour mit deutlich weniger Zuschauern können 2019 viele Tausend Rammstein-Fans mehr in den Genuss kommen, Rammstein live zu erleben. Sofern sie es als Genuss erleben, natürlich. Denn nicht für jeden ist der brachiale Zauber tatsächlich zauberhaft.

Gute Aussichten für Tausende Rammstein-Fans: Die Berliner Rockband ist ab Mai 2019 neunmal in Deutschland live zu erleben. Die Tickets sind begehrt. Foto: Olaf Heine

Spektakel aus Stahl, Rhythmus und Hitze

Vergessen aber wird wohl niemand sein erstes Rammstein-Live-Erlebnis, ein wuchtiges Spektakel aus Stahl, Rhythmus und Hitze, das vielleicht abschreckend sein mag, aber nie langweilig: Jedes Rammstein-Lied ist ein Mini-Theaterstück mit einer ihm eigenen Choreografie, mal lässt Sänger Lindemann Feuer aus stählernen Engelsflügeln schießen wie beim Hit „Engel“, mal heizt er Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz im riesigen Kochtopf mithilfe eines Flammenwerfers ein („Mein Teil“), und zwischendurch rasen Feuerbälle an stramm gespannten Drahtseilen quer übers staunende Publikum. Für ihre Mega-Show hat die Band eigene Diesel-Generatoren dabei, denn allein der Stromverbrauch ist enorm. Sänger Till Lindemann, früher DDR-Leistungsschwimmer, hat Scheine in Pyrotechnik gemacht, sodass er offiziell mit Feuer spielen darf. Dennoch gibt es wohl nur wenige Rock-Konzerte, bei denen die Dichte an Feuerwehrleuten derart hoch ist. Die Feuershow ist weltweit berühmt, die Effekte werden von Tour zu Tour variiert, sodass stets Neues zu entdecken ist. Auch das ist eine Strategie, die den Kartenverkauf immer wieder befeuert. Über allem steht die Frage: Was lässt sich die Band wohl dieses Mal Spektakuläres einfallen?

Zu großer Andrang: Fanclub schließt kurzfristig

Aktuell arbeiten die Berliner an ihrem siebten Studio-Album. Die Neugier darauf, wie die neuen Stücke wohl live umgesetzt werden, ist ebenfalls ein guter Grund für die Fans, eines der zwischen 55 und 105 Euro teuren, personalisierten Tickets (plus Vorverkaufsgebühren) ergattern zu wollen. Wer es schafft, ist aus dem Häuschen: „Ich bin so glücklich“, jubelte ein Fanclub-Mitglied, das bereits am Montagmorgen Tickets für 2019 kaufen konnte, wenig später in einer der vielen Rammstein-Facebook-Guppen. Kurz darauf musste der Fanclub-Bereich vorerst geschlossen werden. Zu viele wollten kurzfristig in den Club namens „LIFAD“ (Abkürzung für „Liebe Ist Für Alle Da“, ebenfalls ein Rammstein-Song) eintreten, um als Fanclub-Mitglied ein paar Tage früher an die begehrten, aber auch limitierten Fan-Tickets zu kommen. Rammstein zog die Reißleine: „Aufgrund der sehr großen Nachfrage für den Abschluss von LIFAD Mitgliedschaften, des limitierten LIFAD-Kartenkontingents und um sicherzustellen, dass alle bis jetzt angemeldeten LIFAD Mitglieder Tickets für die Rammstein Stadion Tour 2019 erwerben können, müssen wir leider den Verkauf der LIFAD Mitgliedschaften bis auf Weiteres stoppen“, war am Montagnachmittag auf der Homepage der Rockband zu lesen.

Wird es die letzte Rammstein-Tour?

Diesen Donnerstag nun startet der offizielle Vorverkauf für die 2019er-Stadiontour. Los geht sie am 27. Mai 2019 in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen, die bei maximaler Auslastung fast 80.000 Konzertbesucher fasst. Doch das sind offenbar nicht genug: Rammstein hat die Arena gleich an zwei Abenden in Folge gebucht. Es folgen weitere 25 weitere Konzerte in Stadien überall in Europa, insgesamt neun der Rammstein-Shows finden in Deutschland statt. Dieses Mal scheint der Druck, den die Band im Vorfeld der Shows aufgebaut hat, sogar noch größer als sonst: Fans und Feuilletonisten munkeln, dass diese ausgedehnte Konzertreise möglicherweise Rammsteins letzte sein könnte. Wer die Formation also 2019 nicht sieht, der bekommt demnach also vielleicht auch später keine Gelegenheit mehr dazu, was vor allem diejenigen lockt, die Rammstein noch nie live gesehen haben und die diese Lücke schließen möchten.

Ob die 2019er-Tour wirklich die letzte wird, ist allerdings nicht gesagt: Schon viele große Rockbands haben sich letzthin als unverwüstliche Live-Wiedergänger erwiesen, etwa „The Rolling Stones“, die immer noch und immer wieder auftreten. Ob und wie die sechs Rammsteiner ihre Live-Zukunft handhaben werden, ist unklar. Wie bei vielen Themen macht die Band auch daraus ein Geheimnis.

Rammstein-Konzerte als Familien-Event

Natürlich treibt auch die Macht der Gewohnheit die Menschen in die Arenen. Viele Rammstein-Fans sind schon seit Jahrzehnten dabei, haben bereits so einige Konzerte ihrer Helden mitgemacht und ihre Leidenschaft für die harten Beats und ebensolche Texte längst an Kinder und Enkel weitergegeben. Vor allem in Deutschland muten Rammstein-Konzerte deshalb zuweilen an wie Familienfeiern, da nicht selten mehrere Generationen gemeinsam zu den Auftritten kommen.

Fan-Shirts auch in Kindergrößen

Wer sich und seine Lieben vor dem Konzertbesuch dann noch mit passenden Rammstein-Shirts (die gibt es auch in Kinder-Größen) oder anderen Devotionalien mit dem Rammstein-Logo ausstatten will, kauft online – natürlich ausschließlich über den Band-eigenen Online-Shop, ebenfalls ein starkes Instrument, um Fans zu binden. Nicht wenige Rammstein-Freunde aber planen derzeit vermutlich auch einen Besuch in Rammsteins Heimatstadt Berlin. Dort hat vor wenigen Wochen der bislang einzige nicht-virtuelle Rammstein-Shop eröffnet. Der gleicht eher einem Museum der Band als einem Geschäft, denn hier sind viele der berühmten Bühnen-Requisiten ausgestellt, darunter die schon erwähnten stählernen Engelsflügel des Sängers. Doch wie üblich bei Rammstein, ist auch beim neuen Shop ein Hineinkommen nicht leicht: Bis Ende des Jahres öffnet der Laden, der in einem roten Backsteingebäude auf einem weitläufigen alten Industriegelände beheimatet ist, wo auch die Bühnenausstattung der Band lagert, nur an einzelnen Tagen und dann auch nur für wenige Stunden. Wer rein möchte, muss Geduld mitbringen, Schlange stehen ist angesagt – auch das ist: typisch Rammstein.

Weiterlesen: Wie es ist, mit Rammstein auf Tour zu sein, verrät Rammstein-Keyboarder Flake im Interview mit unserer Redaktion.


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