Den Großen ganz nah Fotograf Schoeller will Promis ohne Maske

Von dpa

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Wien. Er war pleite, total pleite in New York. Er ist aus Kostengründen mit Rollschuhen durch die Stadt gefahren, statt die U-Bahn zu benutzen. Heute ist der Münchner Starfotograf Martin Schoeller Millionär.

Der Augenblick der ungeschminkten Wahrheit schlägt oft in den Sekunden nach dem Lachen. „Dann hat das Gesicht noch keine geübte Pose eingenommen“, meint Star-Fotograf Martin Schoeller. Der seit 25 Jahren in New York lebende Münchner muss es wissen.

Mehr als 1000 mehr oder weniger Prominente hat er in seiner Laufbahn in oft äußerst markanter Weise porträtiert. Ganz nah, im Neonlicht statt mit Blitz, mit dem immer selben direkten Blick von vorne. „Nichts bleibt im Verborgenen: Jede Falte, jedes Muttermal steht frei zur Betrachtung“, meinen die Organisatoren der jüngsten Schau seiner Serie „Close ups“ in der Wiener Galerie Ostlicht (31.10.-22.12.2018). Unter den 52 Porträts auch das der Noch-Kanzlerin Angela Merkel.

„Sie war überraschend sympathisch“, erinnert sich Schoeller an den Fototermin im Kanzleramt 2010. „Ich sagte, schön, dass sie mir 15 Minuten eingeräumt haben. Sie meinte nur trocken: Es waren fünf Minuten ausgemacht.“ Schoeller bekam tatsächlich keine Sekunde mehr im Terminplan der deutschen Regierungschefin. „In dieser Zeit hat sie aber durchaus gemacht, was ich ihr gesagt habe“, meint der 50-Jährige. Ganz anders Donald Trump. Im Auftrag verschiedener Magazine hat er den heutigen US-Präsidenten noch vor dessen Wahl fotografiert. Aber alle Kunst, alle Tricks nützten nichts. „Trump hat mir nur eine einzige, immer gleiche Mimik geschenkt - des entschlossenen, strengen Geschäftsmanns.“

Zu den von Schoeller Porträtierten gehören Cate Blanchett, Rihanna, Prince, George Clooney, Barack Obama, Woody Allen, William Dafoe, Meryl Streep, Clint Eastwood, Russell Crowe und Roger Federer. „Lionel Messi war sehr stumm“, sagt Schoeller über das Treffen mit dem argentinischen Fußball-Gott 2014. US-Schauspieler Michael Douglas habe ihn dagegen überrascht. Er habe nichts dagegen gehabt, sich fast wie eine Frau schminken zu lassen.

Die Aufgeschlossenheit der Stars hat ihren guten Grund. Meist müssen sie sich wegen eines neuen Films oder eines neuen Albums schon rein vertraglich auf das Abenteuer eines Foto-Shootings einlassen. Magazine wie „Esquire“, „Glamour“, „Vanity Fair“ oder „Stern“ beauftragten ihn mit den Porträts, sagt Schoeller.

Der Mann mit den Dreadlocks, ausgebildet im Berliner Lette-Verein, gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Porträtfotografen, dessen Werke schon museumsreif sind. Dass der Selfmade-Millionär - so seine eigene Darstellung - ohne alle Allüren auskommt, hat auch mit seinem Lebensweg zu tun. Über Praktika, Brot-Jobs, mit Hartnäckigkeit und dank eines Auslandsstipendiums der Carl-Duisberg-Gesellschaft war es ihm Mitte der 1990er Jahre gelungen, in New York Fuß zu fassen. Er bewarb sich immer wieder bei der Star-Fotografin Annie Leibovitz - bis sie ihn endlich als 3. Assistenten einstellte. „Es gab Zeiten, da bin ich mit den Rollerblades durch New York gefahren, um das Geld für die U-Bahn zu sparen. Pro Tag waren höchstens fünf Dollar an Ausgaben drin.“

Mit Freunden habe er seinen Stil der entlarvenden Nahaufnahmen ausprobiert, doch zunächst habe sich kein Mensch dafür interessiert. „Es war die Zeit der Bilder mit super Klamotten an super Locations.“ Schließlich flatterte doch ein Auftrag herein. Er sollte 1998 die damals 60-jährige britische Schauspielerin Vanessa Redgrave porträtieren. Die für ihn schon typische Nahaufnahme bedeutete den Durchbruch. „1998 hatte ich fünf Aufträge, drei davon waren Hochzeiten. 1999 hatte ich 127 Aufträge.“

Seitdem hat er aber nicht nur Stars, sondern auch viele Obdachlose, Body-Builderinnen, Milliardäre oder den Stamm der Kayapós im brasilianischen Urwald fotografiert. Die Reichsten und die Ärmsten hätten eine große Gemeinsamkeit. „Sie fühlen sich verwundbar und unsicher vor der Kamera.“

Nicht wenige Stars seien beim Blick auf das Ergebnis zunächst gar nicht amüsiert gewesen. „Die finden die Bilder meist erst zehn Jahre später sehr schön“, räumt Schoeller ein. Dabei wolle er die VIPs gar nicht schlecht aussehen lassen. „Ich suche einfach den aus meiner Sicht besonders authentischen Moment.“

Sein Ruf eilt ihm mit zwiespältigen Folgen voraus. Bei Terminen werde ihm von PR-Managern schon mal eine Nahaufnahme verboten und er beschränke sich auf die anderen ebenfalls geplanten Motive. „Zuletzt war das bei Modeschöpfer Ralph Lauren so.“ Auf einen erhellenden Moment würde er auch bei einem ganz besonderen Motiv setzen. „Ich würde sehr gern den Papst ablichten. Der fehlt mir noch.“


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