„Spieltriebe“: Route 5 Absurdes aus Krieg und Alltag

<em>Was für ein Wahnwitz:</em> „Die Götterdämmerung in Wien“. Foto: LewandowskiWas für ein Wahnwitz: „Die Götterdämmerung in Wien“. Foto: Lewandowski

Osnabrück. Das Osnabrücker Theaterfestival „Spieltriebe“ tourt durch die Innenstadt. Besonders packend: „Die Götterdämmerung in Wien“.

Das Emma-Theater ist liebenswert, ein Bunker ist spektakulär. „Die Phobiker“ heben aber auch die Kammerbühne des Theaters auf „Spieltriebe“-Niveau. Vordergründig bereiten Claire (Andrea Casabianchi) und Clemens (Dennis Pörtner) den Jungesellinnen-Abschied vor, obwohl die Luft raus ist aus der Beziehung. An diesen Plot knüpft Autor David Gieselmann Fragen um Beziehungs- und Psychokisten, Lebenslügen und -katastrophen, Liebe und Suff, kurz: um das, was uns so umtreibt. Bizarre Dialoge und wahnsinnig-virtuose Monologe schaffen Handlungsebenen, die frontal aufeinanderkrachen, und Regisseur Christian Brey hat dafür fulminante Darsteller: Monika Vivell und Thomas Kienast in Doppelrollen als Eltern der Brautleute, Marie Bauer (mit einem großartigen Monolog über ein Raclette als Hochzeitsgeschenk) und Marcus Hering als eine Art Freunde. Ein brillanter Einstieg.

Der Bunker an der Redlingerstraße liefert den Rahmen für Alexander Kluges „Die Götterdämmerung in Wien“ : das wahnsinnige Vorhaben der Nazis, die „Götterdämmerung“ im kriegszerstörten Wien in verschiedenen Bunkern aufzunehmen, als Symbol für unbedingten Durchhaltewillen. Daran knüpft das Stück (Text: Constantin von Castenstein, Musik: Michael Emanuel Bauer) die Frage, wie Musik für Kriegszwecke instrumentalisiert wird. Folgerichtig setzt sich das Ensemble aus Musikern – Anja Hennenberg, Sascha Hermann, Frank Lorenz – Sängern – Almerija Delic und Daniel Wagner – und Schauspielern – Magdalena Helmig und Oliver Meskendahl – zusammen. Treppauf, treppab geht es durch den Bunker, jede der Episoden greift eine Facette von Kriegsmusik auf. In einem Raum vermittelt Theaternebel eine Ahnung von Gaseinsätzen im Krieg, mit Rick Astleys „Never Gonna Give You Up“ als Waffe im Irlandkonflikt driftet Oliver Meskendahl in einer Doppelrolle als Soldat und Horst-Schlemmer-Epigone in die Absurditäten der psychologischen Kriegsführung. Zum Ende greift Lilli-Hannah Hoepners Regie Kluges Stück wieder auf, und da beweist in wirrem Dramaturgen-Geschwätz das Theater seinen Mut zur Selbstironie.


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