"Fräulein Nettes kurzer Sommer" Karen Duve gesteht: Ich bin in die Droste verliebt

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Las aus ihrem Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer": Karen Duve im Osnabrücker Blue Note. Foto: André HavergoLas aus ihrem Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer": Karen Duve im Osnabrücker Blue Note. Foto: André Havergo

Osnabrück.. "Fräulein Nettes kurzer Sommer": Karen Duve las in Osnabrück aus ihrem Roman. Und erzählte von ihrer Arbeit am Buch.

"Ich bin völlig verliebt in Annette", gesteht Karen Duve. Vielen Leserinnen und Lesern ihres Romans "Fräulein Nettes letzter Sommer" geht es gerade ebenso. Die Dichterin der "Judenbuche" und vieler schöner Gedichte steht mit Duves Buch neu im Licht des Interesses. Bei ihrer Lesung in der Reihe Littera der Buchhandlung Zur Heide im Blue Note berichtet die Autorin am Montag, 29. Oktober 2018, von ihrer Beschäftigung mit der westfälischen Dichterin. "Ich stellte mir zuerst ein blutarmes Burgfräulein vor, das auf der Wasserburg saß und stickte", berichtet Duve. Doch die Lektüre von Werken und Briefen lässt sie eine ambitionierte Autorin entdecken, die in einer faszinierenden Epoche gelebt hat. Hier weiterlesen: "Fräulein Nettes kurzer Sommer" - ein Roman - eine Frau kämpft um Freiheit und Glück.

Zeit der Umbrüche

Der Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer" entführt jedenfalls in eine Zeit der Umbrüche und Neuerungen. Während der Adel an Einfluss verliert, steigt mit dem Bürgertum eine neue Leistungselite auf. Junge Dichter und späte Romantiker träumen von einem neuen Deutschland und verlieren sich dabei in nationalistischem Größenwahn und aufflackerndem Judenhass. Mitten in diese Zeit stellt Duve die Figur der Annette von Droste-Hülshoff, die mit ungewöhnlicher Sprachbegabung auffällt. Ihr Weg zur selbstbewussten Autorin wird nicht nur mit Sympathie gesehen. Die Intrige um eine Liebesgeschichte im Sommer 1820 stürzt die Droste in jahrelange Apathie.

Mit warmer Stimme

Karen Duve hat für ihre Lesung markante Kapitel des über 500 Seiten starken Buches ausgesucht. Sie trägt mit warmer Stimme vor und entführt ihre Zuhörer so ganz unmerklich in den Tonfall einer anderen Zeit. In Nostalgie schwelgt sie dabei aber nicht. Karen Duve liest Abschnitte, in denen es um die grundstürzenden Veränderungen geht, die die Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts durchschütteln. Mit viel leisem Humor schildert sie die unbeholfenen Annäherungsversuche, mit denen der junge Dichter Heinrich Straube versucht, Annette einen Kuss aufzudrängen. "So viel zur #MeToo-Debatte", kommentiert Karen Duve trocken ihre Beschreibung einer missglückten Liebesgeschichte. Trocken, lakonisch, bissig klingt ihre Stimme, als sie vom Mordanschlag des Studenten Karl Sand gegen den Lustspieldichter August von Kotzebue erzählt. Die Epoche der Droste schillert in den grellen Farben gefährlicher Doppeldeutigkeit. Hier weiterlesen: Die Droste kommt nach Hause - Dichternachlass geht an Westfalen.

"Wie ein Profiler"

Bei den Vorarbeiten zu ihrem Buch sei sie "umgekehrt wie ein Profiler" vorgegangen, berichtet die Schriftstellerin. Sie habe sich tief in die Zeit der Droste eingelesen, mehr und mehr Material gesammelt. "Eigentlich sollte es ein schnelles, kleines Bändchen werden. Ein dicker Ziegel ist es geworden", sagt Karen Duve und lächelt hintersinnig. Die Menschen der Droste-Ära seien jedenfalls "anders drauf gewesen", hätten ein Leben voller Religiosität und Schuldgefühle geführt. Und dann erst die Lebensbedingungen. Schlechte Straßen, beschwerliche Reisen in rumpelnden Kutschen: "Westfalen war echt das Letzte", sagt Karen Duve mit einem Lachen. Egal. Seit ihrem Roman ist klar: In Annette sind wir alle verliebt.


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