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Bauhaus, Documenta, Triennale Angriff von Rechts? Kulturhäuser stehen unter Druck

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Sie sagte das Punkkonzert ab: Bauhaus-Chefin Claudia Perren steht in der Kritik. Foto: Hendrik Schmidt/dpaSie sagte das Punkkonzert ab: Bauhaus-Chefin Claudia Perren steht in der Kritik. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Berlin. Neuer Druck von Rechts? Kulturhäuser wie das Bauhaus werden aggressiv angegangen. Mit Kultur wird Pluralität angegriffen.

Der Streit um die Absage des Konzerts der Punkband Feine Sahne Fischfilet im Dessauer Bauhaus kostet Helga Huskamp den Job. Die Pressesprecherin muss gehen, nachdem die Kontroverse Bauhaus-Direktorin Claudia Perren in Bedrängnis gebracht hatte. Hält nun die Sprecherin als Bauernopfer her? So sieht es aus. Perren selbst wurde vorgehalten, mit ihrer Entscheidung vor jenen Rechten eingeknickt zu sein, die im Internet zu Protesten gegen den Auftritt der linken Punker aufgerufen hatten. Rechte vom Bauhaus fernhalten, ihnen keine Bühne für Hass und Hetze bieten: Auf diesen Plan berief sich Perren. "Diese Strategie ist uns auf die Füße gefallen", musste sie in Berlin bei der Vorstellung des Programms zum Bauhaus-Jubiläum im nächsten Jahr kleinlaut eingestehen. Hier weiterlesen: Absage von Punkkonzert überschattet das Programm des Bauhaus-Jubiläums.

In Bedrängnis

Alles nur eine Frage der Kommunikation? Natürlich nicht. Populisten bringen immer mehr Kulturinstitutionen in Bedrängnis. Das Beispiel des Bauhauses hat gezeigt, dass schon die bloße Ankündigung von Protesten ausreichen kann, um missliebige Programmpunkte zu kippen. Randale gegen Diskurs: In Dessau haben Radikale deshalb gesiegt, weil sie vorgeführt haben, wie leicht sich die Freiheit der Kunst aushebeln lässt. Wer rechten Populisten nachgibt, überlässt ihnen faktisch die Hoheit über Kulturprogramme. Kulturmacher müssten sich dagegen wehren. Aber wie? Das Beispiel Claudia Perren zeigt, wie überfordert Kulturleute wirken, wenn Rechte Druck machen.

"Entstellte" Kunst

Das lässt sich nicht nur am Beispiel des Bauhauses beobachten. In Kassel ließen sich Kommunalpolitiker von der Alternative für Deutschland (AfD) in die Enge treiben, als es darum ging, den Obelisken des afrikanischen Künstlers Olu Oguibe nach Ablauf der Documenta 14 dauerhaft im öffentlichen Raum zu platzieren. Ein AfD-Mann titulierte das Kunstwerk, auf dem mit einem Bibelvers für die bei Rechten verhasste Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen plädiert wird, als "entstellt" und zitierte damit indirekt jenes Wort von der "entarteten Kunst", mit dem die Nationalsozialisten die Kunst der Moderne verfolgt hatten. In Hannover bezeichnete erst vor wenigen Tagen der AfD-Landtagsabgeordnete Harm Rykena vor dem Landtag demonstrierende Theatermacher als "Indoktrinierer", die mit der "Dekonstruktion des Volkes und der traditionellen Familienvorstellungen und der Propagierung von Multkulti" beschäftigt seien. Hier weiterlesen: Afd-Mann nennt Kulturmacher "Indoktrinierer".

Heftige Anwürfe

Die Kulturszene wird auf diese Weise gezielt diffamiert. Bisweilen bringen sich Kulturmacher aber auch selbst in Bedrängnis. In Gelsenkirchen taktierte Stefanie Carp, Intendantin der Ruhrtriennale, mindestens ungeschickt, als sie die Young Fathers einlud. Die Musikgruppe unterstützt die Bewegung Boycott, Divestment and Sanctions, die Israel wegen seines Umgangs mit den Palästinensern zu isolieren trachtet und deshalb als antisemitisch kritisiert wird. Carp lud die Gruppe nach Protesten erst wieder aus, dann wieder ein und musste sich wegen ihres Schlingerkurses heftige Anwürfe gefallen lassen.

Ideelles Rückgrat

Drei Beispiele, eine Richtung: Populisten unterschiedlicher Couleur drängen in die Mitte der Gesellschaft. Sie wollen mit dem Diskurs auch die Regeln des Zusammenlebens verändern. Dafür nehmen sie mit Kulturinstitutionen jene Orte ins Visier, an denen mit Offenheit und Pluralität ein bei Radikalen und Populisten verhasstes gesellschaftliches Modell gelebt wird. Kultur soll nach ihrer Vorstellung kein Rückzugsort mehr sein dürfen. Rechte tragen den Konflikt bewusst in jene Kulturformate, die der Demokratie das ideelle Rückgrat geben. Bauhaus und Documenta werden nicht ohne Grund gezielt angegangen.

Kontakt gegen Grenze

Die Konfliktlinie verläuft nun nicht mehr zwischen Kultur und Kunst und ihren Gegnern, die Konfliktlinie verläuft nun mitten durch die Kultur selbst. Das ist neu. Kultur galt bisher als Inbegriff von Pluralität. Kultur bietet in der offenen Gesellschaft jene Arena, in der vielfältige Lebens- und Sinnentwürfe artikuliert werden sollen. Die neue Rechte macht seit Jahren eine andere Kultur stark, jene eindeutiger Zugehörigkeiten, die gegen alles vermeintlich Fremde aggressiv in Stellung gebracht werden. Kultur als Kontakt, Kultur als Grenze: Auf diese schroffe Alternative läuft es derzeit hinaus.

Areale der Kultur

Stehen wir erst am Beginn eines neuen Kulturkampfes? Rechte und Identitäre wissen jedenfalls, dass der Weg in die Mitte der Gesellschaft nur über jene Areale führt, in der diese Gesellschaft ihre Selbstbilder, kurz ihr kulturelles Profil entwirft. Kritiker von Bauhaus-Chefin Perren fordern, dass Kulturorte politischer werden müssten, um ungewohnt heftiger Feindseligkeit widerstehen zu können. Aber würde das nicht bedeuten, mit dem parteipolitischen Konflikt auch dessen aufgeheiztes Vokabular übernehmen zu müssen?

Die andere Sprache

Wenn Kultur offen bleiben will für den freien Austausch unterschiedlicher Beiträge, dann muss sie auch einen Diskurs führen, der sich von der bereits verrohten Sprache der Politik und des Internets unterscheidet. Kulturmacher dürfen sich die Diktion und Regeln lancierter Konflikte nicht aufzwingen lassen. Sie müssen ihre Häuser und deren Programme offen halten. Das Konzert von Feine Sahne Fischfilet hätte stattfinden müssen. Notfalls unter dem Schutz der Polizei. Noch besser unter dem der in solchen Augenblicken gern zitierten Zivilgesellschaft. 


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