„Spieltriebe“-Route 3: Atelier Insassen im selbst gewählten Gefängnis

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<em>Isolation:</em> „Sam“. Foto: Uwe LewandowskiIsolation: „Sam“. Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Das Osnabrücker Theaterfestival „Spieltriebe“ tourte auf Route drei zu einem Atelier und zur Melanchthonkirche. Faszinierend: „Du bist ausgewählt!“

was ist die Substanz des Menschen? Die Stücke der Route Sutthausen versuchen sich an einer Antwort – mit ernüchterndem Ergebnis. Für das Stück „Sam“ von Katharina Schmitt geleiten die Schauspieler Jakob Plutte und Thomas Schneider ihr Publikum in den Skulpturengarten von Volker Johannes Trieb. Sind die Türen erst einmal zugefallen, erweisen sich die freundlichen Zeremonienmeister in Sommeranzügen als echte Quälgeister. Im düsteren Atelier traktieren sie nicht nur das Publikum mit einem Stakkato aus Textbausteinen, die Wirklichkeit evozieren sollen. Im Takt der Deklamation ruckt und zuckt auch eine weiße Figur auf strengem Sockel. Tänzerin Cheri Isen verkörpert die isolierte Gestalt als lebende Skulptur. Das ist visuell eindrucksvoll. In der Inszenierung von Malte C. Lachmann entpuppt sich „Sam“ allerdings als künstlerischer Widergänger von absurdem Theater und Kunstperformance. „Es lässt sich nichts sagen über die Isolation des Menschen ohne andere Menschen“: Dieser Schlüsselsatz des Stücks wiederholt obendrein nur, was die Systemtheorie seit Jahren weiß: Beobachter beobachten Beobachter. Mehr Spannung entfaltet Paul Bullingers „Du wurdest ausgewählt!“ in der Melanchthonkirche. Eine junge Frau ist ausgewählt. Aber warum und von wem? Ein weiß gekleideter Herr – Seelsorger Therapeut oder Sektenguru? – verwickelt die Frau, deren Videobild riesengroß auf die Wand geworfen wird, in ein penetrantes Verhör. Laura Jakschas inszeniert das Stück als packende Expedition in verdrängte Tiefen einer Biografie voller Brüche. Marie Bauer, Rosemarie Fischer, Marcus Hering und Thomas Kienast erzeugen eine dichte Atmosphäre der Angst – vor einem Leben ohne Sinn.


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