"Fräulein Nettes kurzer Sommer" Droste-Roman: Eine Frau kämpft um Freiheit und Glück

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Eine Gestalt von Gestern? Karen Duve entdeckt Annette von Droste-Hülshoff neu. Im Bild: Ein Portrait der Dichterin, das Johann Joseph Sprick 1838 malte. Foto: dpaEine Gestalt von Gestern? Karen Duve entdeckt Annette von Droste-Hülshoff neu. Im Bild: Ein Portrait der Dichterin, das Johann Joseph Sprick 1838 malte. Foto: dpa

Osnabrück. . "Fräulein Nettes kurzer Sommer": Karen Duve porträtiert die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff - als moderne Frau.

Können  wir uns Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) als umschwärmte junge Frau denken, die zwischen zwei Männern hin- und hergerissen durch den Frühling ihres Lebens stürmt?  Eigentlich nicht. Die Droste ist als ältliches Fräulein in Erinnerung geblieben, das bei Kerzenschein über den Gedichten ihres "Geistlichen Jahres" brütet oder mit dem Federkiel in der Hand ihre tragische Novelle "Die Judenbuche" schreibt. Wer Karen Duves  Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer" liest, bekommt nun aber die junge, ungestüme Droste, das Porträt einer Frau, die von heute sein könnte. Denn sie will alles: den Erfolg und die Liebe. Hier weiterlesen: Warum Autorin Karen Duve multiple Katastrophen befürchtet.

Im Glücksrausch

Im Sommer 1820 scheint das für die 23 Jahre alte Droste alles zum Greifen nah. Sie kommt auf dem Bökerhof bei Höxter in einen Kreis von Literaten und findet in dem Schriftsteller Heinrich Straube die große Liebe. Gleichzeitig macht ihr auch der Autor August von Arnswaldt Avancen. Als die Droste darauf eingeht, stellt er sie bloß. Aus dem Glücksrausch stürzt die junge Frau in die Depression. Karen Duve ("Regenroman") erzählt die verunglückte Dreiecksgeschichte psychologisch geschickt, entlarvt sie als Intrige gegen die ambitionierte Frau. Gleichzeitig macht sie aus der biografischen Episode viel mehr, nämlich die Vermessung einer ganzen Epoche in schmerzhaftem Übergang.

Verarmter Adel

"Kann denn nicht einmal alles so bleiben, wie es ist?": Der Stoßseufzer des alten Adligen hilft nichts. Die Welt, zu der die Droste gehört, zerfällt. Karen Duve nutzt die Reisen der Droste zu ihren adligen Verwandten, um den Niedergang des Adels mit bissiger Ironie zu schildern. Während verarmte Edelleute in zugigen Schlössern sitzen und mit jeder Neuerung hadern, ziehen junge Schriftsteller den deutschen Rock über. Sie suchen als verspätete Romantiker nach einer verqueren deutschen Identität. Und nach Opfern für ihren Hass auf Andersdenkende. Bevor Karl Sand den Bühnendichter August von Kotzebue ersticht, stößt er immer wieder das Wort "Volksverräter" hervor. Dieses Wort hören wir heute wieder. Hier weiterlesen: Drehkreuz der Geschichten - eine Reportage von der Frankfurter Buchmesse.

Neuer Hass

Hatte schon das 19. Jahrhundert seine Rechtspopulisten? Karen Duve verwebt das Historienbild der Droste-Zeit jedenfalls gekonnt mit einem Porträt unserer Zeit, in der Rechtspopulisten und Nationalisten die Menschen zu neuem Hass anzustacheln versuchen. "Es sind einfach zu viele Juden da. Vor jedem einzelnen Bild stehen die immer ewig lange rum": Was Annettes Verwandte Caroline in der Gemäldegalerie achtlos dahinsagt, zieht sich als bedrohliche Gewitterstimmung durch den ganzen Roman wie durch unsere Gegenwart. Karen Duve gelingt nach Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt" wieder ein Roman, der Geschichte als Vorgeschichte unserer Zeit neu entdeckt.

Kampf um den Status

Wo Menschen gegen unerwartete Konkurrenz um ihren Status kämpfen, verrohen die Umgangsformen. Das bekommt auch die junge Droste zu spüren. Das Talent der angehenden Dichterin fällt auf. Und macht Angst - nicht nur Müttern und Tanten, die der jungen Frau jene Freiheiten nicht gönnen, die ihnen verschlossen blieben. Irritiert reagieren vor allem die Männer. Der Liebesunfall vom Bökerhoff entpuppt sich als Intrige, mit der August von Arnswaldt die talentierte Frau gezielt diskreditiert. Sex als Druckmittel und Waffe? Der vermeintliche Historienroman spielt mitten in unserer #MeToo-Debatte. Hier weiterlesen: Bücher machen fit für Veränderungen - Hanser-Chef Jo Lendle im Interview.

Droste neu entdeckt

Karen Duve hat für ihr Buch enorme Mengen an historischem Material verarbeitet. Dennoch lesen sich die über 500 Seiten kurzweilig. Duve seziert gnadenlos genau, wie Abhängigkeiten ausgenutzt werden, warum Veränderungen Angst machen und dass um die Freiheit immer wieder neu gekämpft werden muss. Vor allem holt sie die vermeintlich ältliche Dichterin als unangepasste Frau in unsere Gegenwart. Annette von Droste-Hülshoff ist wieder da, mitten unter uns. Was für eine vitale Wiederentdeckung!


Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Roman. Galiani. 592 Seiten. 25 Seiten.



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