Premiere in Köln Blutige Rache der Salome: Geschichte des Mädchens radikal umgedeutet

Von Pedro Obiera

Kein Opfer des Herodes: Salome (Ingela Brimberg, Mitte) und die Frauen nehmen Rache an den Männern. Foto: Paul LeclaireKein Opfer des Herodes: Salome (Ingela Brimberg, Mitte) und die Frauen nehmen Rache an den Männern. Foto: Paul Leclaire

Köln Richard Strauss’ „Salome“ wird in der Kölner Oper zur schießwütigen Männerkillerin. Diese Deutung und die Musik driften auseinander, eine Interpretation, die nicht jedem gefällt.

Dass François-Xavier Roth dem Gürzenich-Orchester und der Kölner Oper bis 2022 als Musikchef erhalten bleibt, gehört zu den wenigen wirklich guten musikalischen Nachrichten aus der Domstadt. Ihm ist es zu verdanken, dass das Spielniveau des Orchesters seinem überregionalen Ruf bis heute gerecht werden und dass sich ein Besuch der Kölner Oper trotz ihres tristen Exildaseins im nüchternen Deutzer Staatenhaus nach wie vor lohnen kann. Ganz besonders, wenn sich Roth, erstaunlicherweise zum ersten Mal, einer Oper von Richard Strauss widmet und mit der „Salome“ gleich einer seiner besten. An Erfahrung mit Strauss fehlt es dabei weder dem Orchester noch dem Dirigenten, auch wenn der sich bisher nur um Strauss’ Orchesterwerke gekümmert hat.

Für die Kölner Neuinszenierung suchte Roth für das Orchester eine „Bayreuth-Lösung“, also eine maßgeschneiderte Disposition für ein möglichst gutes klangliches Ergebnis. Dafür wurde die sehr tief reichende Bühne diagonal zerteilt. Die linke Hälfte dient als Spielstätte, auf der rechten Seite postiert sich, halb im Hintergrund, das stets sichtbare Orchester. Das erleichtert zwar den Sängern, sich gegen die orchestralen Fluten durchsetzen zu können, doch der schillernde Orchesterklang wirkt recht distanziert und verliert an Farbigkeit. Was nicht heißen soll, dass die heftig schwankenden Fieberkurven des emotional aufgeheizten Stücks wirkungslos bleiben. Dafür arbeitet Roth zu genau mit dem Orchester und entfacht einen irisierenden, stets kontrollierten und transparenten, wenn auch leicht gedämpften Klangzauber.

Eine verlässliche Grundlage für die Sänger, die sie auch erfolgreich nutzen. Dass jedoch gerade diese Oper, die in jedem Takt unter die Haut gehen müsste, in Köln trotzdem erstaunlich kühl wirkt, ist der Inszenierung des amerikanischen Regisseurs Ted Huffman zu verdanken, der nach einer Händel-Oper in Frankfurt erst zum zweiten Mal in Deutschland in Erscheinung tritt. Aber auch dem Bühnenbildner Ben Baur, der die riesige Spielfläche weitgehend frei lässt und die Ränder mit betongrauen Wänden, einem Säulengang und einer Freitreppe flankiert. Nüchterner geht es nicht, zumal auch die Kostümbildnerin Annemarie Woods die Figuren in austauschbare und wenig reizvolle Kleider der 20er- und 70er-Jahre steckt.

Bedenklicher noch wirkt sich Ted Huffmans Umdeutung der Handlung aus. Huffman sieht Salome nicht als das pubertierende Mädchen, das sich von seinen ersten Liebesgefühlen, die angesichts des Propheten Jochanaan erwachen, überfordert fühlt und auf die brüske Abweisung des Angebeteten so reagiert, wie sie es von den brutalen Gepflogenheiten am Hof des Herodes gewohnt ist: mit besitzergreifender Gewalt. Ihre Schlussszene mit dem abgeschlagenen Haupt des Propheten, bei der Uraufführung 1905 ein Skandalon, bereitet auch heutigen Regisseuren Probleme. Huffman verzichtet auf dieses Ende und lässt Jochanaan von Salome erstechen, womit die äußerst effektvolle Wirkung des Originals neutralisiert wird. Eine Lösung, die banal wirkt wie auch das völlig auf den Kopf gestellte Ende der Titelfigur. Huffman sieht in der Salome nämlich eine reifere Frau, die, wie eine Schwester Elektras, an nichts anderes denkt, als an den Männern Rache zu nehmen für jahrzehntelange Unterdrückung. Am Ende fällt nicht Salome dem Zorn des Herodes zum Opfer, sondern sie und die unterdrückten Frauen am Hof schießen die gesamte Männerbande zusammen. Das klingt spektakulärer, als es wirkt. Und vor allem passt die Deutung Salomes als feministischer Racheengel nicht zur Musik, die äußerst facettenreich die inneren Spannungen eines emotional aus der Spur geratenen Teeangers zum Ausdruck bringt. Zu hören sind Klänge von Schmerz und Sehnsucht nach Liebe, die keinen Zweifel lassen.

Angesichts der problematischen Umdeutung kommt es zu Widersprüchen und Rätseln, wozu auch der mysteriös verschlüsselte „Tanz der sieben Schleier“ gehört. Dass Salome kokett mit der Geilheit des Königs spielt, ist als Einstieg sinnvoll, für den gesamten Tanz aber zu wenig.

Ingela Brimberg bringt für die Riesenpartie der Salome stimmlich die besten Voraussetzungen mit. John Heuzenroeder charakterisiert den Herodes messerscharf, Kostas Smoriginas bringt für den ebenfalls frauenfeindlichen Jochanaan eine robuste Stimme mit, und die Herodias gehört ohnehin zu den Paraderollen der erfahrenen Dalia Schaechter. Ein Sonderlob verdient Dino Lüthy als Narraboth mit strahlenden Spitzentönen.

Viel Beifall des Premieren-Publikums für die musikalischen Akteure, in den sich einige Buh-Rufe für das szenische Team mischten.


Nächste Aufführungen im Deutzer Staatenhaus: am 18., 20., 24., 26. und 28. Oktober sowie am 4., 7., 10., 16. und 18. November (Infos und Karten: 0221/22128400 und www.oper.koeln.de

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