Im Gewimmel der Frankfurter Buchmesse Das große Drehkreuz der Stimmen und Geschichten

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Frankfurt am Main. „Meine Kulturszene“: In unserer neuen Serie porträtieren wir Schauplätze und Formate der Kultur. Unsere Erkundungsgänge durch die Szenen der Kultur beginnen wir mit einem Besuch auf der Frankfurter Buchmesse.

Sie ist ein Gezeitenstrom der Gespräche und Geschichten, laut, unübersichtlich, turbulent. Für mich aber beginnt die Frankfurter Buchmesse mit fünf leisen Stimmen. Sie heißen Yasser, Mahdi oder Samiullah, sie treten einzeln vor das Mikrofon, lesen beinahe schüchtern ihre Gedichte vor. Die fünf Jungen und Mädchen kommen aus Afghanistan, aus Syrien oder dem Irak. Sie lesen in einem Hotel im Frankfurter Bahnhofsviertel. „The Trip. An einem Tag um die Welt“: Mit diesem fröhlichen Slogan wirbt das Hotel. Yasser, Mahdi und die anderen haben andere Reisen hinter sich, sie erzählen in ihren Gedichten von Flucht, Vertreibung, verlorenen Heimen, sie erzählen in den Sprachen ihrer Heimat. Yasser, Mahdi und die anderen starten „Bookfest“, das Eventformat, mit dem die Buchmesse beim Publikum punkten will. Ein leiser Start für ein lautes Ereignis. Hier weiterlesen: Thema Menschenrechte - Frankfurter Buchmesse startet.

Hunziker geht es wieder gut

Ich habe die Stimmen von Yasser, Mahdi und den anderen noch im Ohr. Aber plötzlich brandet von Ferne Applaus auf, der alles übertönt. Ich gehe durch die Halle 3.1 des Messegeländes, folge zwischen Verlagsständen dem immer wieder aufrauschenden Applaus, dränge mich von hinten in eine Menschentraube, schaue über Köpfe hinweg. Auf dem Blauen Sofa sitzt, nein räkelt sich Michelle Hunziker. „Ein scheinbar perfektes Leben“: Hunziker berichtet von Gurus, in deren Fänge sie geriet, von Lebensberatern, die ihr mit esoterischen Sprüchen das Geld abschwatzten, aber sie strahlt und schäkert so aufgeregt, dass jeder Zuschauer weiß: Der Hunziker geht es wieder gut, Gott und einem Bestseller sei Dank. Die Moderatorin und Ex-Gattin von Eros Ramazzotti hat es auf der Buchmesse geschafft. Wer auf dem Blauen Sofa Platz nimmt, sitzt im ganz grellen Scheinwerferlicht.

Die Selbstbeleuchtung war die eigene Idee des Designers George Bokhua, künstlerischer Leiter des Gast-Pavillons Georgiens, beleuchtet sich mit einem Blitz in der Installation „Hub of Emotions“. Foto: Andreas Arnold/dpa

Lauter Kontaktbörsen

Gleich nebenan werden die Geschäfte abgeschlossen, die unter anderem Promis wie Michelle Hunziker auf dem Buchmarkt platzieren. Während die Hunziker noch aufgeregt ihre Lebensweisheiten unter das Volk bringt, gehe ich weiter. Aus den Messeständen der Verlage trifft mich mancher Seitenblick, mit dem ich schnell abtaxiert werde. Auf splendiden Messeständen und in kleinen Bücherkojen sitzen Lektoren und Verlagsvertreter mit Literaturagenten und Buchhändlern zusammen. Hier werden Geschäfte abgeschlossen. Große Häuser wie Hanser, Suhrkamp oder Rowohlt haben die wichtigen Deals, wie es bei den Profis heißt, ohnehin schon klar, bevor die Messe ihre Tore öffnet. Verlagsstände sind Ausstellungshäuser im Kleinen, Kontaktbörsen, Treffpunkte, Kommunikationszonen - ein Knotenpunkt der Wege und Gespräche auf wenigen Quadratmetern. Hier weiterlesen: Frankfurter Buchmesse diskutiert über Freiheit.

Geborgen im Pavilion

Auf dem Gelände unter Messeturm und Marriott-Hotel suche ich mir meine Knotenpunkte, von denen aus ich aufbreche, zu denen ich wieder zurückkehre. Auf der Agora, dem großen Freigelände zwischen den Messehallen schimmert weiß und schön der neue Frankfurt Pavilion, mein Favorit. Ich höre Diogenes-Verleger Philipp Keel zu und fühle mich inmitten all der Zuhörer wie in einer Büchermuschel geborgen. Für ein Moment erlebe ich die größte Buchmesse der Welt mit einem unvermutet heimeligen Lagerfeuergefühl. Alle sind im gleichen Interesse vereint. Eine Illusion? Ich verlasse den Pavilion wieder und steuere die nächste Messehalle an. Ich brauche einen kurzen Moment, um mich wieder in den Bewegungsfluss einzufinden. Rolltreppen, Laufbänder, Gänge, Korridore: Die Buchmesse funktioniert wie eine gigantische Passagenwelt, in der unaufhörlich Bewegung flutet. Verlagsstände, Diskussionsforen, Cafés, Restaurants, Info Points: Sie bilden die Knotenpunkte und Ruhezonen, die es erlauben, für einen Moment aus dem großen Gedränge auszuscheren.

Die Melodie Georgiens

Aber wo höre ich die Stimmen der Literatur? Sicher, mitten in der Messehalle kann ich für einen Moment die Augen schließen und nehme es dann erst recht wahr, das Grundgeräusch der vielen Stimmen, das unablässig durch die Hallen summt und brummt. Die Stimmen, die Sprache erlebbar machen, tönen aber durch einen Pavillon des Gastlandes Georgien. Soundgestalter haben aus den gesprochenen Buchstaben des georgischen Alphabets einen Klangteppich komponiert. Auf den Wänden des Pavillons leuchten Porträts prominenter georgischer Autoren auf, die mit uns lachen oder zürnen, dazu hallt die Sprache ihrer Bücher wie eine einzige Verheißung lockender Fremdheit. Für lange Augenblicke schließe ich die Augen, lausche und stelle mir Schicksale vor, von denen in dieser Sprache erzählt wird, Schicksale und Leben, von denen ich nichts weiß. Hier weiterlesen: Afrikas Literatur mit einem neuen Aufbruch.

Zu den großen Verlagen

Die Neugier auf anderes Leben hat einen leidenschaftlichen Leser aus mir gemacht. Die besten Bücher finde ich bei den Verlagen, um die für mich kein Weg herumführt, bei Suhrkamp und Hanser, bei Rowohlt, bei Wagenbach, Kiepenheuer & Witsch zum Beispiel. Sie alle haben ihre großen Auftritte. Suhrkamp eröffnet die Halle 4.1 mit einem imposanten Stand auf beiden Seiten der zentralen Wegeachse. Ein Schrein einer eigenen Textkultur, der berühmten Suhrkamp-Kultur. Hanser findet sich in Halle 3.0, eher freundlich als imposant, mit einem Stand, der wie ein Café wirkt, in dem man sich gern mit Freunden zum Gespräch trifft. Rowohlt hat seinen Stand in Halle 3.1 mit einem eigenen Bodenbelag hervorgehoben. Zwischen den Kojen lädt edler Holzlook mit Rowohlt-Schriftzug zum literarischen Flanieren ein. Ich gehe weiter, streife den C.H. Beck-Verlag, der die Bücher von Jan und Aleida Assmann, den diesjährigen Trägern des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels herausgibt, lasse Blicke über Bildbände und pompöse Faksimiles alter Codices und Handschriften schweifen.

Verlust der Freiheit?

Aber wo wird die Literatur wieder zur lebendigen Stimme? Bei Asli Erdogan zum Beispiel, die im Forum Weltempfang in Halle 4.1 vom Verlust der Freiheit in ihrem Heimatland Türkei erzählt. Mit traurigem Blick berichtet sie von Pression und Gefängnis, von Journalisten, die dem Druck nachgeben und sich anpassen. Ein trauriger Moment. Mitten in der Frankfurter Buchmesse, dieser Herzkammer einer weltweit arbeitenden Textmaschine, klagt eine erschöpft klingende Stimme über den Verlust der Freiheit, sich äußern zu dürfen. Ich höre in diesem Moment wieder die leisen Stimmen aus dem Hotel im Bahnhofsviertel, die Stimmen von Yasser, Mahdi und den anderen. Sicher, die Buchmesse erwartet den Weltrekord des größten Treffens der Harry-Potter-Fans. Und Otto schaut auch noch vorbei, im Congress Center. Sehr laut, das alles. Ich horche lieber den Gedichten der geflüchteten Jugendlichen nach und frage mich, ob wir ihre Stimmen nicht irgendwann viel lauter hören werden, in gefeierten Romanen, verehrten Gedichtbänden. In der Literatur zählt die einzelne Stimme, die unser Ohr, die Verstand und Herz mit einer Geschichte erreicht, die sie erzählt, als wäre es die wichtigste Geschichte der Welt. Auch in Frankfurt, wo die größte aller Buchmesse sehr laut ist. Hier weiterlesen: Büchermuschel oder Literatur-Ufo? Buchmesse präsentiert den Frankfurt Pavilion.


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