Bauboom in Prag bedroht den Status des Weltkulturerbes / Unesco mahnt mit Brandbrief Ergraut die Goldene Stadt?

Von epd

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Altes im modernen Kessel: Wegen vieler neuer Hochhäuser bangt Prag um seinen Weltkulturerbe-Status. Foto: imago/Westend61Altes im modernen Kessel: Wegen vieler neuer Hochhäuser bangt Prag um seinen Weltkulturerbe-Status. Foto: imago/Westend61

Prag. Moldau, Karlsbrücke, Burg – die Altstadt von Prag ist Touristenmagnet und Weltkulturerbe. Doch im Rathaus stapeln sich Bauanträge für moderne Hochhäuser rings ums Zentrum. Sie bringen den Welterbe-Status in Gefahr.

Der Blick muss faszinierend sein: Ganz oben auf dem 110 Meter hohen Appartement-Block ist die Prager Burg scheinbar zum Greifen nah. Wie ein „V“ ragt das gewaltige Hochhaus mit Swimmingpool auf dem Dach in den Prager Himmel. Doch Josef Stulc seufzt nur schwer, wenn er daran denkt: „Das macht die einmalige Silhouette unserer Stadt unwiederbringlich kaputt“, sagt Stulc, der einer der hochrangigsten tschechischen Denkmalschützer ist.

Dass die Stadt Prag so großzügig mit den Genehmigungen für die Hochhäuser umgeht, könnte empfindliche Konsequenzen haben: Die Unesco hat bereits einen Brandbrief geschrieben, in dem sie damit droht, die Stadt von der Liste ihrer Weltkulturerbestätten zu streichen. Das Welterbe-Komitee, hieß es bei der Unesco nach dem diesjährigen Gipfel im Juli in Bahrain, „drückt seine tiefe Besorgnis über die Vielzahl von groß angelegten Immobilienprojekten innerhalb der Schutzzone aus, ebenso wie den Mangel an Regulationen“.

Das Schreiben ist als Mahnung gedacht, denn im Prager Rathaus stapeln sich gerade die Bauanträge für weitere Hochhäuser. Dazu gehört die Planung für fünf Betonklötze, die den Blick auf den berühmten Vysehrad-Felsen verstellen würden, eines der Prager Wahrzeichen.

Unbeeindruckte Oberbürgermeisterin

Vom Aufschrei der Unesco-Experten gibt sich die scheidende Oberbürgermeisterin Adriana Krnacova demonstrativ unbeeindruckt: „Ich halte das für nichts Dramatisches“, erklärte sie unlängst, „Prag ist kein Freilichtmuseum.“

Die Denkmalschützer kennen diese Argumente zur Genüge. „Natürlich entwickelt sich die Stadt weiter, und natürlich ist moderne Architektur notwendig“, sagt Josef Stulc, „aber es ist eben wichtig, dass sie sich einfügt in die architektonischen Werte, die wir hier seit Jahrhunderten pflegen und die wir auch den weiteren Generationen übergeben sollten.“

Die Debatte über die Modernisierung findet er „ermüdend“: „Seit der politischen Wende üben die Investoren Druck auf die Stadt aus. Der erste spektakuläre Fall war der Abriss eines historischen Hauses in der Altstadt, an dessen Stelle ein gesichtsloser Neubau errichtet wurde.“ Seitdem wiederholen sich die Debatten in stets ähnlicher Weise: Mal geht es um Tiefgaragenzufahrten im historischen Zentrum, dann wieder um den Abriss eines denkmalgeschützten Hauses am berühmten Wenzelsplatz vor wenigen Monaten.

„In jüngster Zeit häufen sich die Fälle, die Stadt übergeht immer öfter die Einwände von Fachleuten“, sagen Denkmalschützer im Hintergrundgespräch. Neben der Denkmalschutz-Behörde und dem nationalen ICOMOS-Komitee („Internationaler Rat für Kulturdenkmäler“), dessen Vorsitzender Stulc ist, sind auch private Initiativen wie der „Club für das alte Prag“ mit dem Kampf um das kulturelle Erbe befasst.

Die Debatte um den Weltkulturerbe-Status ist kein Einzelfall: Dresden etwa ist nach dem Bau der Waldschlösschen-Brücke von der Liste gestrichen worden, auch in Wien eskaliert ein Streit um den Umgang mit dem Denkmalschutz, seit die Planung für ein 66-Meter-Hochhaus am Heumarkt bekannt geworden ist. Die Besonderheit im Prager Fall ist nach Auffassung von Kritikern, wie rücksichtslos die Stadtverwaltung mit dem Problem umgeht. „Da wird ein unaufrichtiges Spiel gespielt: Man verspricht den Unesco-Gremien und uns Denkmalschützern eine Verbesserung – und hält sich dann nicht daran“, sagt Stulc.

>Beobachter der Unesco

Inzwischen hat sich auch das tschechische Kulturministerium eingeschaltet. Formell ist es nicht zuständig: Baugenehmigungen und Denkmalschutzprojekte obliegen der Stadtverwaltung in Prag. „Eigentlich müssen wir den weniger entwickelten Ländern ein Beispiel dafür geben, wie man sich um seine Denkmäler kümmern und dem Druck von Immobilienentwicklern widerstreben kann“, sagt Dita Limova, die beim Ministerium für die Kontakte mit der Unesco verantwortlich ist. In den nächsten Monaten wird in Prag eine Beobachter-Delegation der Unesco erwartet, die sich mit den weiteren Planungen auseinandersetzt- und die bewertet, wie sich beispielsweise die Hochhaus-Projekte auf das historische Zentrum auswirken. Das Kulturministerium will Denkmalschützer und Vertreter der Baubehörden an einen Tisch bringen, um zu vermitteln. „Es sind mehr als 1000 Städte auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes“, sagt Dita Limova. „Dass ausgerechnet wir jetzt ins Visier geraten, ist nicht gerade angenehm.“

Josef Stulc, der sich schon seit rund 40 Jahren für den Denkmalschutz engagiert, zieht eine Parallele, die bis in die Zeit des Kommunismus reicht. „Damals war die Bedrohung für die Altstadt auch real, aber sie kam von anderer Seite“, erinnert er sich. Die Machthaber wollten damals moderne Plattenbauten errichten - und konzentrierten sich dann vor allem auf das Umland, wo Satellitenstädte entstanden. Aber es gab auch Pläne, ganze historische Viertel imZentrum abzureißen, weil die jahrhundertealten Häuser damals vernachlässigt und baufällig waren. Stattdessen sollten auch im Zentrum Plattenbauten entstehen. „Das war ein Alptraum“, sagt Josef Stulc. Zum Glück sei diese Debatte längst vom Tisch - aber die Hochhäuser von heute sind für ihn so etwas wie eine Fortsetzung dieser düsteren Visionen für die Stadt.


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