Buchmesse diskutiert über Freiheit Asli Erdogan warnt vor neuem Faschismus

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Frankfurt. Die Pressefreiheit in Gefahr, Schriftsteller bedroht: Das Thema Freiheit beschäftigt die Frankfurter Buchmesse. Längst geht es dabei auch um den Erhalt der Freiheitsrechte im eigenen Land. Ein Streifzug durch Talks und Diskussionen.

Asli Erdogan neigt den Kopf zur Seite, schaut traurig ins Nirgendwo. Wie sie die Zukunft der Freiheit sehe, will Moderator Martin Klingst wissen. „Ich mache mir Sorgen um die Freiheit“, sagt Erdogan nach einer Pause und konstatiert dann traurig, dass sie einen neuen Faschismus auf dem Vormarsch sehe und die Pressefreiheit in ihrem Heimatland Türkei praktisch am Ende sei. Erdogan hatte 2016 wegen ihrer Arbeit für die türkisch-kurdische Zeitung „Özgür Gündem“ in der Türkei für mehrere Monate im Gefängnis gesessen. Inzwischen lebt die 2017 mit dem Osnabrücker Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis ausgezeichnete Autorin in Frankfurt. Auf dem Forum „Weltempfang“ spricht sie leise in das Mikrofon – und setzt doch das Thema der 70. Frankfurter Buchmesse in aller Deutlichkeit. Hier weiterlesen: Buchmesse setzt ein Zeichen - Bücher gegen Diskriminierung.

Faszination des Autoritären?

Wie umgehen mit rechten Verlagen? Diese Frage beschäftigte die Macher der Buchmesse im Vorfeld. Die Tumulte an Ständen rechter Buchverlage im letzten Jahr hatten die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Rechte Verlage sind nun in Randlagen der Messehallen verbannt. Dafür steht das Thema der Freiheit jetzt umso nachdrücklicher im Mittelpunkt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach in Frankfurt von einer „neuen Faszination des Autoritären“, die in vielen Ländern Europas spürbar sei. Zugleich kritisierte er die Medien. Sie erweckten in ihrer Berichterstattung oft den Eindruck, dass die Feinde der Freiheit bereits die Öffentlichkeit beherrschen würden. Hier weiterlesen: Literatur-Ufo gelandet - der Frankfurt Pavilion auf der Buchmesse.

Sarrazin im Lesezelt

Thilo Sarrazin sieht genau das als gegeben an. Der wegen seiner Thesen zu Islam und Zuwanderung umstrittene Autor stellte im Lesezelt sein neues Buch „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ vor und bot sich dabei seiner Partei, der SPD, als Ratgeber an. „Hätte die SPD damals auf mich gehört, gäbe es heute keine AfD“, sagte Sarrazin in Anspielung auf sein Buch „Deutschland schafft sich ab“, das 2010 erregte Debatten auslöste. Umgeben von Security-Leuten, machte Sarrazin in Frankfurt den Islam als Fremdkörper aus und kritisierte den Koran. Der Islam sei „mit unserem Verständnis von Meinungsfreiheit nicht vereinbar“, sagte Sarrazin und fügte an: „Die Einwanderung von Muslimen ist eine Gefahr für unser Lebensgefühl.“ Hier weiterlesen: Gegen den Abwärtstrend - 70. Frankfurter Buchmesse.

Autoren bedroht

Ob Muslime im Hinblick auf die Freiheit das Problem sind, erscheint indes fraglich. Eine Untersuchung, die der Pen Deutschland und die Universität Rostock auf der Buchmesse vorlegten, spricht eine andere Sprache. Danach fühlen sich Autoren vor allem durch Attacken im Internet bedroht. Drei Viertel der befragten 526 Autoren beklagen demnach die allgemeine Zunahme von Bedrohungen, Einschüchterungsversuchen und hasserfüllten Reaktionen. Gut jeder Zweite hat danach auch Angriffe auf seine eigene Person erlebt – vor allem im Internet. Das Drohpotenzial zeigt Wirkung. Schriftsteller werden offenbar vorsichtiger bei der Behandlung brisanter politischer Themen.

Gewalt gegen Journalisten

In der Diskussion mit Asli Erdogan verweist Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, darauf, dass vor allem seit dem Aufkommen der Pegida-Bewegung und der AfD eine wachsende Gewalt gegen Journalisten zu beobachten sei. Viel schlimmer steht es in der Türkei. Nur wenige Journalisten verteidigten noch ihre Grundsätze, sagt Asli Erdogan. Aber das sei unter dieser Pression auch nicht von jedem zu leisten. (Mit dpa)


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