Serie "Meine Kulturszene" "Eine große Familie auf Rollen" – ein Porträt der Skaterszene

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Der Skatepark zwischen Liebigstraße und Schlachthofstraße in Osnabrück ist Treffpunkt für eine bunte Szene. Foto: Swaantje HehmannDer Skatepark zwischen Liebigstraße und Schlachthofstraße in Osnabrück ist Treffpunkt für eine bunte Szene. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Herumlungernde Jugendliche ohne Ziele, die nur die städtische Einrichtung beschädigen und Müll auf Spielplätzen hinterlassen. Viele Menschen hegen dieses Vorurteil gegen Skateboarder. Unsere Redaktion hat sich die Szene genauer angeschaut und sich die Frage gestellt: Was sind das für Menschen, diese Skater?

Matthias fokussiert sich, nimmt die Strecke ins Visier. Er hält zwei, drei Atemzüge inne. Klack! Er lässt sein Skateboard sicher in Fahrtrichtung vor sich auf den Boden fallen. Dann wagt er den Versuch. Mit drei kräftigen Stößen nimmt er Schwung und steigt auch mit dem zweiten Bein aufs Board. Wusch... Schon gleitet er die geschwungene Rampe hinab. Der Fahrtwind lässt sein lässiges T-Shirt flattern. (Weiterlesen: Jugendliche lungern auf Spielplätzen in Westerkappeln herum)

Elegant, fast wie auf einem Surfbrett gleitet er über eine zweite Rampe in Form einer flachen Pyramide. Das Board scheint eins mit ihm, fast wie eine Verlängerung seines eigenen Körpers. Er geht leicht in die Hocke, federt die die Erschütterung gekonnt ab. Doch er darf die Konzentration nicht verlieren. Nur drei Meter weiter wartet bereits das nächste Hindernis. Es geht eine geschwungene Rampe hinauf, bevor es oben mit einer flachen Ebene weitergeht. 

Fast ganz oben am Ende der Rampe angekommen geht Matthias abermals in die Hocke – er befindet sich jetzt in der Vertikalen. Sein Körper beschreibt einen 90-Grad-Winkel zum Boden. Er gibt seinem Board mit dem hinteren Fuß den entscheidenden Kick und hebt ab, gleitet über die Kante der Rampe und – landet nicht mit den Rollen auf dem Boden. Das Board segelt falsch herum gen Erde. Matthias kann sich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Es wird Zeit für eine Pause. Matthias setzt sich auf eine Bank neben der Anlage, rollt sich eine Zigarette.

Anfänger werden schnell aufgenommen

Was man auf den ersten Blick nicht sieht: Matthias ist Anfänger. Das erste Mal ist der 24-Jährige heute zu Besuch im Osnabrücker Skatepark zwischen Schlachtofstraße und Liebigstraße, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Angefangen hat er mit dem Skaten im Sommer 2017. Obwohl er noch nicht lange in der Skaterszene aktiv ist, hat Matthias schon die ersten Eindrücke gewonnen – nur positive, wie er sagt. "Jeder hilft hier jedem, egal wer man ist, wo man her kommt oder wie alt man ist", erzählt er, "man bekommt sofort Tipps, wie man einen Trick besser hinbekommt."  Das bestätigt im Gespräch mit unserer Redaktion auch der Sportsoziologe Eckehart Velten Schäfer. Er ist Promovierender an der Universität Oldenburg und hat seine Dissertation zum Thema „Soziologie des Skateboards – Körper, Räume, Zeichen“ geschrieben.  

Bei den Anfängern wird applaudiert, wenn ein Trick klappt"Eckehart Velten Schäfer, Sportsoziologe


Zwar sei das Ansehen in der Szene generell stark mit den technischen Fähigkeiten beim Skaten verbunden aber es herrscht keine Rivalität, sondern eine solidarische Kultur, sagt Schäfer. "Besonders bei Anfängern, wo man sieht, die wagen sich zum ersten mal auf die Anlage, wird applaudiert, wenn ein Trick klappt", betont der 45-Jährige, der selber aktiver Skater ist. 

Denn das Alter spielt beim Skaten eine untergeordnete Rolle. Das fällt sofort auf, lässt man seinen Blick über die Anlage in Osnabrück-Gartlage schweigen. Die Jüngsten sind noch nicht einmal Teenager, der Älteste ist Mitte 40. Als nach und nach immer mehr Skater eintreffen, fällt zudem auf: Eigentlich kennt hier jeder jeden. Und auch wenn eine gewisse Cliquen-Bildung nach Altersstruktur erkennbar ist, zur Begrüßung geben auch die End-Zwanziger den Teenagern die Faust. 

Unter den Skatern im Skatepark an der Liebigstraße in Osnabrück sind viele Teenager Foto: Swaantje Hehmann


Für Matthias ist jetzt die Pause zu Ende. Er sieht, dass sich ein paar erfahrenere Skater auf einer gegenüberliegenden Bank am Rande der Anlage eingerichtet haben. Er steuert geradewegs auf Sie zu. Nach einer kurzen Begrüßung fragt er nach Tipps. Sofort fangen seine zwei Gegenüber an zu gestikulieren, beschreiben in der Luft mit ihren Händen Kreise und Drehungen, die bei einem Laien nur Unverständnis hervorrufen würden. Nicht aber bei Matthias. Nach dem kurzen Gespräch schnappt er sich wieder sein Board und übt den Trick.  Konzentriert geht er ans Werk und lässt sich auch nach dutzenden fehlgeschlagenen Versuchen nicht von seinem Ziel abbringen. 

Keine erwachsenen Autoritätspersonen

Genau diese Einstellung sei typisch für die Skaterszene, meint Sportsoziologe Schäfer. Das Skaten sei gerade für Jugendliche so attraktiv, weil es ohne erwachsene Autoritätspersonen auskommt – ein Gefühl der Freiheit. "Es ist nicht so wie beim Fußball wo man zwei mal die Woche zum Training geht und die Anweisungen des Trainers ausführt", sagt der 45-Jährige. "Tipps bekommt man, wenn überhaupt, nur von anderen Skatern. Ansonsten muss man sich alles selber beibringen." Das fördere Disziplin und Durchhaltevermögen. Diesen Eindruck verstärkt auch eins der unzähligen Graffitis, die die Rampen des Skateparks zieren. Dort steht in geschwungenen schwarzen Lettern: "Kümmer dich um deine Zukunft" – ein weiteres Indiz dafür, dass es sich bei Skatern nicht nur um herumlungernde Jugendliche handelt. 

"Wir sind eine große Familie auf Rollen"Zeljko Dumonic, Betreiber der Skatehalle Osnabrück


Ein weiteres Graffiti deutet auf eine eher links orientierte Haltung der Szene hin: "Make love not war" steht dort. Diesen Eindruck bestärkt nicht nur Sportsoziologe Schäfer: "Mit meinen 45 Jahren habe ich noch nie Rassismus erlebt", sagt er. Auch Zeljko Dumonic, Betreiber der Skatehalle Osnabrück beschreibt die Skater durchweg als "soziale Menschen". Er ist bereits seit Mitte der 1980er Jahre in der Szene aktiv. "Die Szene ist vor allem gewaltfrei", betont er, "Ich habe noch nie  Streitigkeiten erlebt, die in einer Schlägerei eskaliert sind." Genau dies mache das Skaten aus. "Wir sind eine große Familie auf Rollen", formuliert der eingefleischte Skater im Gespräch mit unserer Redaktion. Auch die Berufe der Skater spiegeln diese Einstellung wider  – zumindest in Osnabrück. "Die meisten haben soziale Berufe", weiß Dumonic. Es seien viele Erzieher oder Studenten mit sozialen Schwerpunkten unter den Skatern. An zweiter Stelle stünden handwerkliche Berufe. 

Hang zur Regelübertretung

Sportsoziologe Schäfer stellt bei Skatern zudem eine gewisse Bereitschaft zur Regelübertretung fest. Diese sei durch das Skaten auf der Straße begründet, wo die Skater jedes Hindernis für ihre Tricks nutzen. Trotz Ermahnungen und Verbote seien manche Hindernisse auf der Straße aber "Angebote, die man nicht ablehnen kann." Aus diesem Grund habe es auch in der Historie immer mehr skatende Männer gegeben als Frauen, meinte Schäfer.

Musik spielt große Rolle

Auch Musik spielte über die Jahre hinweg immer eine große Rolle in der Skaterszene erklärt Schäfer. In den 70ern, als das Skateboarden boomte, hörten Skater es überwiegend Schlager. In den 80ern Punk und Punk-Rock. In den 90ern, war es dann vermehrt HipHop. Hängen geblieben sind laut Schäfer vor allem HipHop und (Punk-) Rock. "Gerade erlebt das Skaten bei vielen der alten Generation wieder ein Revival", erzählt Schäfer. "In Berlin, wo ich lebe, treffen sich die Ü30- bis Ü-40-Jährigen und skaten zusammen. 

Wo es in Zukunft mit der Skateboard-Szene hingeht, weiß der Sportsoziologe nicht so recht zu beantworten. Angesichts der Olympia-Premiere  in Tokio 2020 aktuell in einer Pendelbewegung zwischen einer Straßen-Subkultur und der Entwicklung zu einem wettbewerbsorientierten Sport. „Es ist offen, wo die Bewegung hingeht.“ (Weiterlesen: 13-jähriger Osnabrücker Skater will nach Olympia 2020 in Tokio)

 

Eine Zeitreise zu den Ursprüngen des Skateboardings

Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt der Sportsoziologe Eckehart Velten Schäfer von der Entwicklung des Skatboardings in den 60er Jahren bis zur Gegenwart. 
Die Anfänge des Skateboardings liegen in den 1960er Jahren in den USA. Nach Europa schwappte die Welle in den 70er Jahren. Damals war das Skaten eine herkömmliche Freizeitbeschäftigung und wurde ähnlich ausgeführt wie Ski- oder Schlittschuhlaufen. Es wurden (Slalom-) Abfahrten gefahren. Auch Wettkämpfe gab es.
Vert Skateboarding
"Ende der 70er Jahre gab es dann einen Bruch", beschreibt Schäfer. Zu der Zeit habe es in den USA in den großen städten viele leerstehende Swimming-Pools gegeben. "Daraus wurden die ersten Halfpipes gebaut. Das sogenannte Vert Sakteboading, also wenn der Skater auf einer Rampe von der horizontalen in die vertikale Ebene übergeht, entwickelte sich.
Während dies in den USA zu einer Entwicklung weg von Sportvereinen führte, weil die Pools reichlich zur Verfügung standen, mussten diese in Deutschland nachgebaut werden. Daher waren es die Sportvereine oder Vereine zur Förderung der Jugendkultur, welche die ersten Halfpipes aufstellten, berichtet Schäfer.
Tricktechnische Revolution
In den 90er Jahren folgte der nächste Bruch "durch die Tricktechnische Revolution", erklärt der Sportsoziologe. Erstmals gelang es, einen Sprung auch ohne Hilfe einer Rampe auszuführen. Der sogenannte (Pop) Ollie, die Basis für das moderne Streetskating, war geboren. Dies ist der Basistrick für alle weiteren. So entwickelte sich das Skaten unabhängig von Vereinen auf Spielplätzen oder Straßen. 
Zurück zu den Vereinen
Seit den 2000er Jahren befindet sich die Szene laut Schäfer wiederum in einem schleichendem Übergang hin zu eher vereinstypisch organisiertem Skaten. Mehr und mehr werden Hallen errichtet, in denen das Straßenmobiliar nachgebaut wird. 
Nach Einschätzung von Eckehart Velten Schäfer wird jedoch zum Großteil immer noch Street Skating betrieben. Wettbewerbe gibt es eher auf kleineren Festivals. Die Gemeinschaft und das Treffen steht im Vordergrund. Zunehmend findet dies aber in Skatehallen oder fürs Skaten hergerichteten Skateparks statt. Viele Städte bauen solche Anlagen weil, sie die Skater von der Straße fernhalten wollen, wo sie mit ihren Tricks Schäden an Stadteigentum hervorrufen könnten.



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