33. Unabhängiges Filmfest Gucken Sie alles bis zum Abspann? Festival-Chefin Scheck packt aus

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Aus dem Sichtungsraum ins Kino: Julia Scheck leitet das 33. Unabhängige Filmfest Osnabrück. Foto: Swaantje HehmannAus dem Sichtungsraum ins Kino: Julia Scheck leitet das 33. Unabhängige Filmfest Osnabrück. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Wie viel Minuten kriegt ein Werk, um sie zu überzeugen? Was verrät der Eröffnungsfilm über Osnabrück? Filmfest-Chefin Scheck im Interview.

Am 17. Oktober geht das Osnabrücker Filmfest in die 33. Runde. Vor dem Start gibt Festival-Chefin Julia Scheck Auskunft: Wie schnell schaltet sie ab, wenn ein Film nichts taugt? Wie viel Stunden hat sie gesichtet? Und was verrät der schwedische Eröffnungsfilm über Osnabrück?  (Einen ersten Überblick über die kommenden Festival-Filme finden Sie hier.) 



Frau Scheck, das Festival startet mit „Amateurs“, einem Film über eine kleine Stadt, die Zwänge der Kommunalpolitik, mächtige Kaufhaus-Betreiber, hochtrabende Imagekampagnen und die subversive Kraft des Kinos. Geht’s in Wahrheit um Osnabrück?

Julia Scheck: Ich glaube, damit kann sich jeder identifizieren, ob man nun in einer kleinen Stadt wohnt oder nicht. Ich wusste sofort, dass es ein guter Eröffnungsfilm ist. Es geht um einen Bürgermeister, der mit einem Imagefilm einen Supermarkt bei sich ansiedeln will – und um die Kinder des Orts, die ihren eigenen Film dagegen setzen. Wir wussten diesmal lange nicht, womit wir ins Festival starten sollten. „Amateurs“ passt ideal – als Independent-Film, der mit geringen Mitteln produziert wurde. Vor allem aber, weil er ernste Themen in mitreißenden Humor verpackt.




Gab es Filme, um die das Festival mit anderen konkurriert hat?

Einen Film haben wir wirklich an ein größeres Festival verloren. Das passiert immer wieder, verschlechtert aber nicht unser Verhältnis zu den Kollegen. Die Hofer Filmtage zum Beispiel, denen wir im letzten Jahr einen Kurzfilm überlassen mussten, liegen nah uns dran – und dürfen nur Premieren zeigen. Wir haben diese Verpflichtung nicht.

Wie groß war in diesem Jahr denn die Auswahl des Filmfests? Speist das Programm sich vor allem aus Einreichungen oder aus Entdeckungen von anderen Festivals?

In diesem Jahr hatten wir 900 Einreichungen, das Meiste im Kurzfilm-Bereich; aber in Langfilm-Sektionen wie dem Friedenspreis oder „Fokus on Europe“ waren es auch um die 100. Es wird immer mehr. Vor zwei Jahren haben wir die Musik-Sektion „Laut“ gegründet und noch komplett aus eigenen Entdeckungen bestückt. Inzwischen nehmen die Filmemacher das wahr und schicken ihre Arbeiten selbst.

Von der Berlinale-Mitarbeiterin Jenni Zylka, die als Jury-Mitglied anreist, verrät das Festival: Sie sichtet bis zu 1000 Filme im Jahr. Auf wie viele kommen Sie?

Ich habe nie gezählt, glaube aber nicht, dass ich 1000 schaffe. Einer pro Tag ist es aber bestimmt.

Bei so einem Pensum ist es erlaubt, vor dem Abspann abzuschalten. Wie viele Minuten geben Sie einem Film, um Sie zu überzeugen?

Man kriegt ziemlich schnell mit, ob Filme fürs Festival taugen. Am Anfang der Sichtungsphase gebe ich ihnen wahrscheinlich mehr Zeit als kurz vor dem Festival; 20 Minuten sind es aber immer. Eigentlich breche ich auch gar nicht gern ab. Es passiert mir häufig, dass ich einen Film nach zehn Minuten für unser Programm ausschließe – und ihn ab dann privat zu Ende gucke.

Mit der Sklaverei-Doku „Eine gefangene Frau“ zeigt das Festival einen aktuellen Film quasi zum Bundesstart. Konkurrieren Sie dabei mit den örtlichen Kinos? Oder füllen Sie deren Lücken?

Ich glaube nicht daran, dass wir überhaupt Konkurrenz sein könnten. Festivals sind Multiplikatoren. Wenn wir einen Film zeigen, der später noch ins reguläre Kinoprogramm kommt, befeuern wir nur die Mundpropaganda. 




Ihre Retrospektive behandelt Protestfilme – und ausgerechnet jetzt schaffen Sie das Logo mit dem Farbbeutel-Werfer ab. Wie passt das zusammen?

Ohne mit allen Traditionen zu brechen, wollte ich gern ein neues Zeichen setzen. Ich mochte das alte Logo; mir fehlte aber der Bezug zum Kino. Das neue Logo spielt mit Licht und Schatten, es signalisiert eine gewisse Bewegung – das passt für mich gut. Und Protest funktioniert ja auch ohne Farbbeutel. Das sieht man doch an allem, was beim Wir-sind-mehr-Konzert in Chemnitz passiert oder im Hambacher Forst.

Die Proteste am Hambacher Forst ähneln stark den Bewegungen, aus denen in den 80er Jahren das Osnabrücker Filmfest hervorgegangen ist. Ein Forst-Film würde es heute vermutlich trotzdem nicht ins Programm schaffen, oder?

Ja und nein. Es gab, wenn ich mich nicht irre, sogar eine Einreichung über dieses Dorf; sie hat uns aber in der Machart nicht überzeugt. Das Festival hat sich entwickelt und zeigt Filme, die auch auf der großen Leinwand wirken. Und ich glaube, dass sich auch die Gegenöffentlichkeit von damals weiterentwickelt hat: Die Dokumentation des eigenen Protests hat im Internet andere Kanäle gefunden, als Blog oder YouTube-Video.

Ein Schwerpunkt des Festivals heißt seit vielen Jahren „Focus on Europe“. Tatsächlich wirkt Europa gerade weniger fokussiert denn je. Ist dieses Auseinanderdriften ein Thema der Filme?

Fürs Kino gilt das jedenfalls nicht; ich wundere mich eher, wie viel Gemeinsamkeiten Filme aus Schweden, Italien, Rumänien, Ungarn und der Türkei haben. Die Sektion „Focus on Europe“ macht über die Region hinaus keine thematischen Vorgaben; trotzdem entwickeln die Einreichungen starke Bezüge. In der Politik nehmen wir vielleicht ein Auseinanderfallen wahr; für die Themen der Leute gilt das nicht. Wenn man seinen Job verliert, ist es nicht so wichtig, ob es in Frankreich oder Finnland passiert. Arbeit ist deshalb auch eins der Themen, die das ganze Festival prägen. Das zweite ist Identität: Wann gehöre ich dazu, entspreche ich der Norm, will ich es überhaupt und wer entscheidet darüber – auch das ist so universal, dass es überall funktioniert. Ein dritter Schwerpunkt, der mit beidem zusammenhängt, ist der Zusammenhalt unter extremen Bedingungen. Auch wichtig ist die Generationenfrage: Viele Filme fragen, was wir unseren Kindern hinterlassen. Das beginnt bei der Umwelt und geht bis hin zur persönlichen Freiheit und was es unsere Vorfahren gekostet hat, sie zu erringen.

Das 33. Unabhängige Filmfest Osnabrück ...
... läuft vom 17. bis zum 21. Oktober 2018. Spielstätten sind die Lagerhalle, Filmtheater Hasetor, Cinema-Arthouse, Haus der Jugend und die Filmpassage. Hier können Sie das Filmfest-Programm online durchblättern.


Welche Festivals besuchen Sie selbst, was schätzen Sie an Ihnen – und was macht Osnabrück im Vergleich aus?

Um die Berlinale kommt man nicht herum, auch wenn sie mittlerweile eine anstrengende Größe erreicht hat; das schlägt sich auch auf die Nähe zu den Künstlern nieder, die immer mehr abgeschirmt werden. Sehr gern bin ich in München; da ist das Wetter besser und man kann sich die ersten Filme aus Cannes ansehen. Das ist schon mal ein guter Überblick. Um mit anderen in Kontakt zu kommen, gehe ich gern auf das kleine Kurzfilmfestival in Hamburg. Oder nach Oberhausen: Da findet das ganze Festival in einem einzigen Kino statt; natürlich kommt man da ins Gespräch. Und das ist ganz sicher auch eine Stärke von Osnabrück.

David Cronenberg hat als Jury-Präsident von Venedig das Ende der Leinwand vorausgesagt. Dieter Kosslick fürchtet die Horrorvision einer Festival-Zukunft, bei der Hollywood seine Filme direkt auf die Computer der Festivalbesucher streamt. Was glauben Sie?

Man muss sich um die Leinwand schon Sorgen machen. Die Konkurrenz für das Kino wächst und im Kino selbst ziehen Blockbuster alle Aufmerksamkeit auf sich. Trotzdem hat jede Stadt ein eigenes Filmfestival, und es werden immer mehr. Offenbar finden hier zwei gegenläufige Bewegungen statt.

Beim Sichten haben Sie den ein oder anderen Film vermutlich selbst nur am Computer gesehen. Welchen möchten Sie sich jetzt noch mal auf der Leinwand ansehen?

Auf jeden Fall „City of the Sun“. Da geht es um eine georgische Stadt, in der Mangan abgebaut wurde, und der Film fängt in großartigen Bildern ein, wie in der zerstörten Landschaft etwas Neues entsteht. Diese prächtige Tristesse muss man auf der großen Leinwand sehen.




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