Museum feiert 50 Jahre Kunsthalle Bielefeld auch zum Geburtstag in der Kontroverse

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Bielefeld. Bürgerfest und Jubiläumsausstellung täuschen nicht darüber hinweg: Die Kunsthalle Bielefeld steht auch zur Feier ihres 50. Geburtstages weiter in der kulturpolitischen Kontroverse. Direktor Friedrich Meschede muss 2019 gehen. Wohin das Haus nach der anstehenden Sanierung steuern wird, bleibt einstweilen offen.

680000 Euro. Das wäre das richtige Geschenk zum 50. Geburtstag der Kunsthalle Bielefeld. Der Betrag wird für das 1920 entstandene Gemälde „Rentner“ von Emil Nolde aufgerufen. Das Bild gehört zu jenen 137 Kunstwerken, die die Nationalsozialisten 1937 als angeblich „entartet“ aus dem Museum raubten. „Die Sammlung wurde damals komplett zerstört“, sagt Jutta Hülsewig-Johnen, stellvertretende Direktorin der Kunsthalle. Das Bild, das seit 1937 durch mehrere Hände ging, hängt nun in der Sammlungspräsentation, mit der der Jahrestag des Hauses gefeiert wird. Hülsewig-Johnen rief dazu auf, das Gemälde erneut für das Bielefelder Haus zu erwerben. „Es wäre der Totalverlust, wenn dieses Bild das Haus nach der Ausstellung wieder verlassen müsste“. Hier weiterlesen: Bielefeld zeigt den „bösen Expressionismus“.

Kein Geld für Ankäufe

Geld für den Ankauf hat das Museum allerdings nicht. Seit 1996 gibt es keine öffentlichen Gelder für Ankäufe mehr. „Es müsste sich ein Konsortium bilden, dass den Nolde erwirbt“, sagt Günter Küppers, Vorsitzender des Fördervereins der Kunsthalle. Der Verein bringe pro Jahr 100000 Euro auf, mit denen neue Kunstwerke erworben werden könnten, sagt Küppers. „Die Sammlung muss auf jeden Fall weiter wachsen“, fügt der Vereinsvorsitzende an und betont, dass aus Mitteln des 1982 gegründeten Fördervereins rund 85 Kunstkäufe mit finanziert worden seien. Das Geld ist hingegen knapp an der Kunsthalle Bielefeld, die pro Jahr mit einem Ausstellungsetat von 170000 Euro auskommen muss. Ohne Einwerbung der viel zitierten Drittmittel läuft da nichts. Hier weiterlesen: Star der Abstraktion -. Hans Hofmann in Bielefeld.

Internationales Flair

Der Optimismus der Gründungszeit scheint verflogen zu sein. „Ich wollte ein Museum bauen, das so auch in Amerika stehen könnte“: Mit visionärem Elan hatte Stararchitekt Philip Johnson (1906 - 2005) seinerzeit seinen Entwurf vorgelegt, der, wie Jutta Hülsewig-Johnen heute sagt, auf „lokale Befindlichkeiten“ keine Rücksicht genommen habe. Auch die Museumsdirektoren setzten auf Internationalität - mitten in der damaligen Kunstdiaspora Ostwestfalen. Heinrich Becker brachte jene Sammlung der Moderne zusammen, die die Nazis dann zerschlugen. Ulrich Weisner brachte in den achtziger und neunziger Jahren große Kunst, unter anderem von Pablo Picasso, nach Bielefeld. Thomas Kellein verlieh dem Haus mit der markanten Würfelsilhouette nach 2000 vor allem mit Ausstellungen konkreter und minimalistischer Kunst klare Kontur. Heute verweist Jutta Hülsewig-Johnen mit fast trotzigem Unterton darauf, dass die Kunsthalle „international geachtet“ sei. Das Museum habe den Namen der Stadt in die Welt getragen. Hier weiterlesen: Künstlerpaare zwischen Symbiose und Konkurrenz.

Streit um den Direktor

Die Kunsthalle steht dennoch mitten in aktuellen Kontroversen um Programm und Positionierung. Der Bielefelder Rat hat erst im Sommer 2018 beschlossen, den 2019 auslaufenden Vertrag von Kunsthallendirektor Friedrich Meschede nicht zu verlängern. Auch Onlinepetitionen aus der Kunstszene für Meschede änderten daran nichts. Meschede musste für sein angeblich zu elitäres Programm Kritik einstecken. Nach den Worten von Jutta Hülsewig-Johnen wird das Haus von 2022 bis 2024 grundlegend saniert. Wohin die Kunsthalle dann programmatisch gesteuert werden wird, steht in den Sternen. Kontroversen begleiten die Kunsthalle ohnehin seit Jahren. Debatten um einen dringend benötigten Erweiterungsbau führten ins Nichts. Heftige Kritik gab es auch an der ursprünglichen Benennung des Hauses nach Richard Kaselowsky, der zeitweise die Geschicke des Oetker-Konzerns leitete und nach 1945 als Nazi-Sympathisant umstritten war. Sein Stiefsohn Rudolf-August Oetker hatte den Bau der Kunsthalle mit finanziert. Als Kaselowskys Name 1998 aus der Bezeichnung des Museums entfernt wurde, zog er sich als Gönner des Hauses zurück. Hier weiterlesen: Große Kunst im Kino - das Genre des Künstlerfilms.

Knallige Farben

Friedrich Meschede und Jutta Hülsewig-Johnen setzen bei ihrer Ausstellung zum Jubiläum mit einem knalligen Farbkonzept nun fast schon bemüht auf Fröhlichkeit. Enzo Zak Lux hat die Wände in Blau, Grün, Pink, Rot, Gelb und Grau streichen lassen. Nun sieht das Museum aus, als sei der Designer mit dem großen Farbmarker durch die Räume gegangen. Die Farbtöne setzen sich dabei über die Wände in den beiden identischen Etagen fort. Das sorgt wenigstens für etwas Struktur in dem ansonsten beliebig wirkenden Flackern und Flirren. Die Ausstellungsmacher bieten die achtbare Kollektion des Hauses mit wichtigen Werken von Auguste Rodin bis Georg Baselitz, von Paula Modersohn-Becker bis Gerhard Richter auf. Der assoziativ gehängten Ausstellung fehlt hingegen die leitende These ebenso wie eine überzeugende Fortsetzung in die Gegenwart. Ein, zwei Videos, wenige Objekte, kaum neue Medien - der Kontakt zur zeitgenössischen Kunst scheint abgerissen zu sein. Gleichviel. Die Kunsthalle feiert ihren Geburtstag mit einem Bürgerfest. Und vielleicht finden sich ja auch solvente Stifter, die dafür sorgen, dass das einst geraubte Bild von Emil Nolde nun endgültig in Bielefeld bleiben kann.


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