Sprachen und Dialekte bedroht Sind wir auf Weg zum sprachlichen Einheitsbrei?

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Osnabrück. Bewegen wir uns sprachlich und kulturell auf eine Horrorvision zu, auf einen sprachlichen Einheitsbrei ohne regionale Unterschiede? Sprachforscher geben bedrohten Sprachen und Dialekten keine Überlebenschance.

Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts werden Sprachen und regionalen Dialekte, die jetzt schon bedroht sind, ausgestorben sein – darüber scheinen sich Sprachforscher weitgehend einig zu sein. Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Nikolaus P. Himmelmann von der Universität Köln sieht diesen Prozess noch illusionsloser: „Das Verschwinden von Dialekten in Europa ist jetzt schon halbwegs abgeschlossen, denn sie werden kaum mehr gesprochen. Und dieses Verschwinden vollzieht sich relativ schnell“, sagt er im Gespräch. Gründe dafür gibt es genug: Landflucht, zunehmende globale Vernetzung, in früheren Jahren Dialektfeindlichkeit besonders in Bildungseinrichtungen von Schule bis Uni und Anpassungsdruck, den übergeordnete, prestigereichere Sprachen ausüben. Unwiderruflich verloren geht dabei, was in einer Region als geografische, kulturelle oder sonstige Besonderheit wahrgenommen und bezeichnet wird.

Regiolekte werden ausgebaut

Himmelmann, der für sein Institut für Sprachwissenschaft und Linguistik gerade in Indonesien forscht, beobachtet denselben Prozess weltweit: „Entwarnung gibt es nicht. Sprachliche Diversitäten verschwinden.“ Anstelle der Dialekte würden großräumigere Regiolekte stärker ausgebaut, prognostiziert er und meint damit in Deutschland etwa die rheinische Umgangssprache, das Bairische oder das Schwäbische.

Aber auch den Regiolekten wird keine Dauer beschieden sein. „Spricht ein älterer Fußballer wie Franz Beckenbauer noch deutlich erkennbares Bairisch, so ist im Hochdeutschen eines jüngeren Spielers wie Thomas Müller nur noch mit Mühe die bairische Sprachherkunft zu hören“, nennt Jost Gippert, Professor für Vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Frankfurt, ein Beispiel.

Sprache überlebt nur in der Familie

Ein zentrales Element aus dem Ursachenbündel betonen die Sprachforscher: Wenn in der Familie eine Sprache oder ein Dialekt nicht mehr gesprochen wird, dann gibt es keine Überlebenschance, allen schulischen oder institutionellen Belebungsversuchen zum Trotz. Ihr Erfahrungswert lautet: Was der Großvater noch aktiv gesprochen hat, der Sohn aber nur noch versteht, das ist in der Enkelgeneration verloren.

Genau dem versuchen Orte im Landkreis Cloppenburg, in denen als einzigen in Deutschland noch Saterfriesisch, ein Dialekt des Ostfriesischen, gesprochen wird, hochengagiert entgegenzuwirken. Kindern wird seit Jahren in Kitas und Schulen Saterfriesisch beigebracht. Ortsschilder in Scharrel oder Ramsloh etwa (auf Saterfriesisch: Skäddel und Roomelse) sind zweisprachig beschriftet.

„Saterfriesischmoaket klouk“ – „Saterfriesisch macht klug“ steht auf dem T-Shirt von Patricia. In der Grundschule in Scharrel (Ostfriesland) lernten die Patricia und Theresa als Zweitklässlerinnen vor vier Jahren Mathematik auf Saterfriesisch.. Foto: imago/epd

Ist das ein mögliches Modell, Sprachen oder Dialekte zu retten? Jost Gippert winkt ab: „Solange nicht der gesamte Unterricht in der bedrohten Sprache abgehalten wird, lässt sich die Sprache nicht am Leben halten“. Zweisprachige Ortsschilder sind für ihn kaum mehr als Kosmetik, der Aufwand sei einfach zu hoch, um den Verfall aufzuhalten.

Jarich Hoekstra, Professor für Frisistik an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, schätzt, dass noch 1000 bis 2000 Menschen Saterfriesisch sprechen. Ansonsten habe das Ostfriesische, früher einmal eine Sprache und längst vom ostfriesischen Platt, einem niedersächsischen Dialekt, ersetzt, nur noch in den Niederlanden eine große Sprechergemeinschaft von 300.000-400.000 Menschen. Das Nordfriesische an der Westküste, vor allem in Kiel, lebe von nur noch 8000 Sprechern und sei gefährdet.

Einigermaßen stabil, aber langfristig auch in Gefahr, sei das Westfriesische, obwohl es mit 400.000 Sprechern deutlich mehr Sprecher besitze als das nicht vom Aussterben bedrohte Isländische. Als Grund für den Rückgang des Westfriesischen nennt Hoekstra den starken Konkurrenzdruck der Landessprache Niederländisch mit ihrem höheren gesellschaftlichen Prestige. Und das, obwohl es Radio- und Fernsehsendungen auf Westfriesisch gebe, eine starke westfriesische Literatur und sogar junge Leute, die in elektronischen Medien westfriesisch kommunizierten.

Auch das Sorbische ohne Perspektive

Jost Gippert sieht im deutschen Sprachraum das Niedersorbische (um Cottbus herum) als stark bedroht, während das Obersorbische (in der Oberlausitz) noch besser präsent, aber auch ohne Zukunftsperspektive sei. Das Ruhrgebietsplatt, mit dem er selbst noch aufgewachsen ist, sei komplett weg. Und beim Mecklenburger Platt beobachtet er mit Sorge, dass bei Konversationen keine zwei Sätze mehr auf Platt ausgetauscht würden. „Die heute 80- bis 90-Jährigen nehmen viele Sprachen mit in ihr Grab“, bilanziert er die allgemeine Lage. In Europa sieht er das Bretonische oder das Rätoromanische in der Schweiz in Gefahr. Er weist aber auch auf die vielen Sprachen hin, die Migranten mit nach Deutschland bringen. „Wie stellen wir uns künftig dazu, wenn ihre Dialekte bedroht sind?“, fragt er.

Auf dem Weg zur Horrorvision?

Bewegen wir uns sprachlich insgesamt auf eine Horrorvision zu, auf einen Einheitsbrei ohne regionale Unterschiede? „Englisch rund um die Welt?“, setzt Jost Gippert lachend nach. „Nein, ganz so einheitlich wird der Brei bis zum Jahrhundertende wohl nicht sein“, meint er. Zudem sich Unvorhersehbares entwickeln und eine neue Sprachenvielfalt entstehen könnte.


Wie unterscheiden sich eigentlich Sprachen und Dialekte voneinander? Die Antwort ist nicht so einfach, wie sie scheint. Landläufig würde man sagen: Der Dialekt ist eine von mehreren regional gefärbten Mundarten der jeweiligen Landessprache. Das stimmt sogar oft – kann aber auch umgekehrt sein: Aus einem Dialekt heraus kann sich eine Landessprache entwickelt.haben. Doch auch ein anderes der üblichen Kriterien ist nicht wirklich belastbar: Wenn sich zwei Sprecher in ihrer jeweiligen Muttersprache nicht verstehen, sagt man, handelt es sich um zwei Sprachen. Nein, nicht automatisch, im Dialekt, etwa dem Plattdeutschen oder dem Bairsichen, kann es Sprechern genauso ergehen. Beide gelten aber als Dialekte des Deutschen. Wie steht es also mit anderen Unterscheidungsmerkmalen, linguistischen etwa? Wenn sich zwei Sprachen in ihren Eigenheiten kaum voneinander unterscheiden und sich die Sprecher gegenseitig verstehen, müsste es sich um Dialekte handeln. Wie beim Deutschen und dem Niederländischen. Doch nun kommen geopolitische und historische Faktoren hinzu, die Deutsch und Niederländisch zu eigenen Sprachen machen.

Wer also genau wissen will, wobei es sich um eine Sprache oder einen Dialekt handelt, der muss tief in der jeweiligen Sprachgeschichte graben.

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