Mozarts Oper als reine Komödie Staatsoper Hamburg startet mit „Così fan tutte“ in die Spielzeit

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Ganz schön schrill: Stephanie Lauricella als Dorabella und Maria Bengtsson als Fiordiligi in „Così fan tutte“ an der Staatsoper Hamburg. Foto: Hans Jörg MichelGanz schön schrill: Stephanie Lauricella als Dorabella und Maria Bengtsson als Fiordiligi in „Così fan tutte“ an der Staatsoper Hamburg. Foto: Hans Jörg Michel

Hamburg. Quietschbunt startet die Staatsoper Hamburg in die Spielzeit: Der Berliner Regisseur Herbert Fritsch hat Mozarts „Così fan tutte“ inszeniert.

IEines der vielen ungeschriebenen Gesetze im Theater besagt: Die zweite Vorstellung ist immer die schlechteste. An der Staatsoper Hamburg hat sich diese Prophezeiung zumindest für Dovlet Nurgeldiyev erfüllt; der Tenor fiel als Darsteller des Ferrando aus, weil er sich das Knie verdreht hat. Nun ist die Staatsoper ein gut ausgestattetes Haus; deshalb hat ein weiterer Tenor – Oleksiy Palchykov – die Rolle in Herbert Fritschs Inszenierung von „Così fan tutte“ vorbereitet. Zufällig ist er an diesem Mittwochabend da und kann die Partie übernehmen, so dass die Vorstellung nach kurzer Unterbrechung weitergeht. Ob es für derart unverhofftes Glück auch ein ungeschriebenes Theatergesetz gibt, ist allerdings nicht bekannt. Weiterlesen: Theaterpreis Berlin für Herbert Fritsch

Ein Cembalo mit Eigenleben

Fest steht hingegen: Fritsch, der Theatertausendsassa aus Berlin, verlangt seinen Darstellern hohen körperlichen Einsatz ab. Das springt nicht unbedingt ins Auge, weil es auf der Bühne der Staatsoper sehr artifiziell, um nicht zu sagen: künstlich zugeht. Und quietschbunt: Knallige Farben herrschen im Bühnenbild vor, das ebenfalls von Herbst Fritsch stammt. Wie stilisierte Findlinge liegen große Blöcke auf der Bühne herum, nur eben in kräftigem Lila, Rot, Grün, Gelb; die spiegelglatten Wände laufen, dem Guckkastenprinzip gehorchend, nach hinten, und oben leuchtet eine riesige Kugel mal in Rot, Blau, Lila. Das Zentrum der Bühne aber nimmt ein Cembalo mit Eigenleben ein, das, Sänger beim Rezitativ begleitet, aber auch unvermittelt losklimpert und Mozarts Musik herrlich verzerrt und verdreht. Genauso quietschbunt sind auch die Kostüme der Figuren auf der Bühne: knallroter Frack zu schwarzglänzenden Lackstiefeln, schrille Faltarbeiten als Kopfschmuck, grell geschminkte Gesichter (Kostüme: Victoria Behr). Wie Puppen sehen die Figuren aus, und wie Puppen bewegen sie sich, ausladend, stereotyp, mit einem Wort: schrill. So trägt Fritsch Berliner Theaterluft von der Schaubühne und der Komischen Oper nach Hamburg. Tiefenpsychologische Ausdeutung interessiert ihn dabei weniger, vielmehr knüpft er an jene Theatertradition an, die für Mozart und sein Textdichter Lorenzo DaPonte konstituierend gewesen ist: Die Possen und die Figuren der italienischen Commedia dell’arte.

Deren Figuren kombiniert er mit Slapstick und gewolltem Changieren, und damit überwindet Fritsch alle Hürden, die die bizarre Geschichte der Logik und der Plausibiliät in den Weg stellt. Zwei junge Männer, Guglielmo und Ferrando, wetten mit dem zynischen Philosophen Don Alfonso auf die Treue ihrer Frauen, arbeiten dann beide hartnäckig, bis sie die jeweils andere herumgekriegt haben, und am Ende haben sich doch wieder alle lieb. Wer einen Beleg für die Künstlichkeit der Kunstform Oper sucht – hier ist er. Weiterlesen: „Benjamin“ von Peter Ruzicka an der Staatsoper Hamburg

Archaische Wesen appellieren an Urtriebe

Diese Widersprüche und Brüche zu kitten, versucht Fritsch gar nicht erst. Er lässt die Guglielmo und Ferrando auf die beiden Schwestern Fiordiligi und Dorabella los, während die Zofe Despina und Don Alfonso die Strippen ziehen – aber alles mit den Mitteln eines lauten, rauen Humors. So ziehen die beiden jungen Männer vorgeblich in den Krieg, erscheinen aber kurz darauf wieder mit Fellmantel und wehender Mähne, halb Tier, halb Schamane, archaische Wesen, die an weibliche Urtriebe appellieren.

So fegt Fritsch alles hinweg, was dem Intellekt des 21. Jahrhunderts unplausibel erscheinen mag. Als Destillat übrig bleibt die reine Komödie, die Mozart und Da Ponte womöglich im Sinn gehabt haben. Kraftvoll und witzig kommt das über die Rampe, und das verdankt sich wiederum den hervorragenden Darstellern, die sich voller Lust ins komische Spiel stürzen.

Allen voran ist das Pietro Spagnoli als Don Alfonso, der wundervoll marionettenhaft agiert, mit seinem eleganten Bariton fein singt und die Rezitativ-Texte mit rasant-sprechender Geste abfeuert. Sylvia Schwartz ist als Zofe Despina ihm ebenbürtig, und Maria Bengtsson trifft als Fordiligi exakt die Kombination aus Lyrik und bebender Unruhe. Immer etwas draufgängerischer und emotionaler gibt Stephanie Lauricella eine wunderbare Dorabella, und Kartal Karagedik ist ein agiler, draufgängerischer Guglielmo. Oleksiv Palchykov schließlich findet mit seinem kraftstrotzenden Tenor schnell in die Rolle des Ferrando – beste Voraussetzungen also für einen geglückten Opernabend. Weiterlesen: Teodor Currentzis und Musicaeterna spielen „Così fan tutte“

Nur trimmt Sébastien Rouland das Philharmonische Staatsorchester im hochgefahrenen Orchestergraben auf einen all zu edlen Mozartklang, der dem saftigen Treiben auf der Bühne zu wenig entgegensetzt. Statt die sinnliche Glut und harsche Gegensätze herauszuarbeiten, nivelliert Rouland die Extreme, und damit gerät das Gefüge aus Musik und Bühne in Schieflage – schade. Denn hätte die Musik passend befeuert, was auf der Bühne passiert, wäre es ein grandioser Start in die neue Saison geworden.


Weitere Vorstellungen: 16., 18., 23. September. Kartentelefon: 040/356 868. Weitere Infos und Online-Tickets gibt es hier.

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