Filmkritik zu "Mackie Messer" Dreigroschenfilm: Wie gut ist Lars Eidinger als Brecht?

Von Daniel Benedict, 11.09.2018, 14:50 Uhr
Lars Eidinger spielt Brecht als Genie, das vom Gegenwind nur immer mehr entfacht wird. Foto: Zeitsprung/Stephan Pick

Berlin. Seinen eigenen "Dreigroschenfilm" konnte Brecht nie umsetzen. Joachim Langs Kinofilm "Mackie Messer" erklärt, warum.

Lars Eidinger spielt Bertolt Brecht: Am Donnerstag, 13. September, kommt "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm" ins Kino. Wie gut ist der Film?

Der Sensationserfolg "Dreigroschenoper"

Nach chaotischen Proben findet im August 1928 die Premiere der „Dreigroschenoper“ statt, zunächst unter eisigem Schweigen des Publikums, beim Schlussapplaus aber in einem Jubel, der das Stück über Nacht zum Welthit macht. Noch im Jahr der Uraufführung wird es landauf, landab nachinszeniert, die Songs sind Gassenhauer, und die Geschichte über die Ununterscheidbarkeit von Bürgern und Verbrechern wird zum Schlüsselwerk der Weimarer Jahre.  (Schweiger, Herbig, Disney: die Filmstarts im September)

Zwei Jahre danach erwirbt die Nero-Film AG die Rechte für eine Kinofassung. Brecht soll das Drehbuch liefern. Weil der Autor seinen Stoff aber gründlich überarbeitet und den gesellschaftskritischen Ton verschärft, kommt es zum Bruch: Die Produktion schließt Brecht aus, der wiederum streitet vergeblich um ein Aufführungsverbot des Films. Seine eigene Vision eines Dreigroschenfilms bleibt unrealisiert.

Schwelgerische Reflexion: Langs geschickte Dramaturgie

Joachim A. Langs „Mackie Messer“ liefert jetzt beides zugleich: die Geschichte der spektakulär scheiternden Produktion genauso wie die Rekonstruktion des nie gedrehten Films. Und für die Verzahnung der beiden Ebenen muss man ihn schon mal loben: Immer wieder kommentiert Brecht sein eigenes Werk: im Gespräch mit Schauspielern, dem Komponisten Kurt Weill und dem Produzenten Seymour Nebenzahl. Mit der Wendung seines Kopfs schwenkt die Kamera dann vom Schreibtisch in die Szene – in der Hannah Herzsprung, Britta Hammelstein oder Christian Redl die Songs vortragen, im rauschendem Kostüm, begleitet von einem vielköpfigen Tanzensemble, unterstützt vom Stargast Max Raabe. Die Konzeption findet, ganz Brecht, also mitten in der Inszenierung statt.

Die Brecht-Expertise hinter "Mackie Messer"

Aus dem Entweder-oder, um das die Protagonisten ringen, wird bei Lang ein Sowohl-als-auch: Das schwelgerische Schauwert-Kino, das „Mackie Messer“ trotz all seinem Anti-Illusionismus ist, füllt er bis zum Abspann mit Reflexion: Brecht und Hollywood, Brecht und die Zensur, das Urheberrecht, die Werbung, Brecht und die Frauen – opulent und zugleich thesenhaft handelt „Mackie Messer“ zentrale Aspekte des Stoffs in klar umrissenen Kapiteln ab. Die Expertise ist dem Drehbuch immer anzumerken, und tatsächlich: Lang, der den auch Film geschrieben hat, war acht Jahre lang Leiter des Augsburger Brecht-Festivals, hat über Brechts Dramatik in den audiovisuellen Medien promoviert und sich auch schon als Fernsehregisseur mit dem Autors befasst, in der Mini-Serie „Brecht – Die Kunst zu leben“ zum Beispiel. ("Mögen Sie Ihre Figuren? Ich mag mich ja nicht mal selbst:" Lars Eidinger im Interview)

Lars Eidinger zeigt Brecht als Genie im Gegenwind

Bei aller Sachkenntnis ist das Ergebnis mitreißend und von einem tollen Ensemble getragen: Joachim Król macht Peachum zum sicherheitsorientierten Biedermann der Unterwelt, Tobias Moretti findet in Mackie Messers Skrupellosigkeit komische Züge, und Lars Eidinger spielt einen Brecht, dessen Genie der Gegenwind erst richtig anfacht. Zusammenkrachende Kulissen, meuternde Schauspieler, politische Feinde und zaudernde Bedenkenträger: Alles, was die Kunst sonst ruiniert, produziert hier immer nur neue Werke. Den juristischen Streit mit der Produktion etwa erklärt Brechts als „Dreigroschenprozess“ zum „soziologischen Experiment“ und packt ihn zwischen zwei Buchdeckel. Mit schönem Sinn für die Spannungsverhältnisse, in denen der Autor sich wohlfühlte, schildert Lang das Ringen von Wort und Musik, von Kunst und Wirklichkeit. Er beschreibt Kreativität als unabschließbaren Prozess von Finden und Verwerfen, den Erfolg als Missverständnis zwischen Publikum und Autor – und bleibt bei alledem selbst ein guter Unterhalter.  (Halloween 2018: Was die Neuauflage alles verändert)

"Hollywood ist zu doof"

Immer wieder spricht Brecht die Zuschauer im offenen Kamerablick direkt an. Alles, was er in diesem Film sagt, verrät das Presseheft, ist aus überlieferten Zitaten kompiliert. Ein Trick, der die Geschichte gleichermaßen verfremdet und beglaubigt – und der eine gewisse Parteilichkeit mit sich bringt: Seymour Nebenzahl, der im selben Jahr noch Fritz Langs „M“ produzierte, war womöglich mehr als nur der stromlinienförmige Verhinderer. Und die ohne Brecht realisierte Adaption „Die 3-Groschen-Oper“ – Regie führte immerhin Georg Wilhelm Pabst – ist vielleicht trotz allem einen Blick wert. Wenn Brecht der Filmindustrie den Bankrott wünscht, damit sie endlich aufhört weniger doof zu sein, unterwirft man sich der Verführungsmacht seiner Polemik natürlich trotzdem gern – angesichts so vieler, doofer 200-Millionen-Dollar-Filme, mit denen nun auch „Mackie Messer“ um Aufmerksamkeit konkurriert.

„Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“. D 2017. R: Joachim A. Lang. D: Lars Eidinger, Joachim Król, Hannah Herzsprung, Tobias Moretti, Claudia Michelsen, Britta Hammelstein. 130 Minuten, ab 6 Jahren.

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