Das Buch meines Lebens Kästners „Fabian“: Von der belächelten Schullektüre zum lebensbegleitenden Buch

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück Oh nein – ein Kinderbuch! Als der Deutschlehrer den Autor unserer neuen Klassenlektüre nannte, wandten wir uns enttäuscht ab. Nie hätte ich damals geglaubt, dass Erich Kästners „Fabian“ das Buch meines Lebens werden würde.

Natürlich ist „Fabian“ kein Kinderbuch so wie andere Werke dieses publizistischen Allrounders; alle kannten „Emil und die Detektive“, „Das doppelte Lottchen“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“. Aber Dr. Jakob Fabian, Germanist und Werbetexter im Berlin der 20er-Jahre, kannten wir nicht. Der Titelzusatz „Die Geschichte eines Moralisten“ half uns nicht weiter. Wer will in der zwölften Klasse schon ein Moralist sein?

Aber wir hatten unseren Spaß bei den Streifzügen durch das schrille Berlin der späten 20er-Jahre. Fabian nahm uns mit in schräge Varietés, verruchte Lokale und obskure Bordelle, die deftigen Sexszenen gefielen uns. Erst später spürte ich, dass die Exzesse Rauschmittel waren, die der Betäubung dienten in einer Zeit, in der es keinen Halt gab.

Als teilnahmsloser Teilnehmer, melancholischer Beobachter und angewiderter Zyniker lässt sich Fabian durch ein Leben treiben, das ihm zunehmend sinnlos erscheint. Erst recht, als er die beiden Menschen verliert, die ihm etwas bedeuten: Sein Freund Labude bringt sich um, seine Freundin Cornelia verlässt ihn um der Karriere willen.

Dass er dann wie Millionen anderer seine Stelle verliert, ist ihm kaum mehr wichtig. Er verlässt die rasende, entgleisende Metropole, in der die Nazis ihren Marsch vorbereiten, und fährt heim, nach Dresden. Doch dort empfängt ihn die gleiche Dumpfheit eines leeren Lebens, nur kleiner und spießiger. Am Ende springt er in die Elbe, um einen von der Brücke gestürzten Junge zu retten. Der schwimmt ans Ufer, Fabian ertrinkt. Mit dem Satz „Er konnte leider nicht schwimmen“ endet der Roman.

Damals, in der Schule, haben wir den Kopf geschüttelt oder ratlos gelacht über dieses Ende. Das hat sich geändert im Lauf der Jahre, in denen ich das Buch immer wieder zur Hand nahm. Mir gefielen die lakonische Sprache, die temporeiche Erzählweise und die Menschen. Die verrückten, schrägen Typen wie der irre Erfinder, der sich in Fabians Kleiderschrank versteckte, oder die nymphomane Frau Moll, die ihn bis zuletzt vergeblich zu verschlingen suchte. Und natürlich Fabian, diesen rührenden Antihelden, der sich – wie Kästner im Nachwort schrieb – fühlt wie „im verkehrten Zug ans falsche Ziel“.

Als Warnung vor dem Abgrund, in den die Nationalsozialisten das von wirtschaftlicher und seelischer Depression geschüttelte Volk führten, ist Kästners Buch oft interpretiert worden; er selbst hat es auch so gesehen. Als die braunen Diktatoren am 10. Mai 1933 öffentlich und unter öffentlicher Anteilnahme von Schreiern und Gaffern die Bücher verbrannten, die in ihrer Welt verboten waren, stand Kästner dabei und sah, wie seine Werke und auch der „Fabian“ in den Flammen landeten.

Es wuchs mein Interesse an der politischen Dimension des Werkes, später reizte der Blick auf das Leben des Autors, der 1974 in München verstarb. Dann hauchte „Die Geschichte eines Moralisten“ im Studienfach Politikwissenschaft dem Schwerpunkt „Weimarer Republik“ das Lebensgefühl jener Zeit ein.

Spannung verhieß die 2013 erschienene Urfassung des Romans, die der Verlag 1931 gegen den Widerstand des beharrlich kämpfenden Autors zensiert hatte, übrigens auch im Titel. Inzwischen heißt das Werk „Der Gang vor die Hunde“ (Atrium-Verlag).

Für mich bleibt es „Fabian“; mein Buch, das ich immer wieder gern lese und ebenso gern verschenke.

Es ist auch die Erinnerung an unseren Deutschlehrer Peter Göbbels, der uns frei denken ließ, uns beibrachte, wie man mit Sprache umgeht, und uns die Augen öffnete für das Lesen. Und damit auch ein bisschen für das Leben.

Welches ist Ihr „Buch fürs Leben?“ Beteiligen Sie sich mit einer kurzen Begründung an unserem Format und schicken Sie diese an feuilleton@noz.de. Am Ende solldarüber abgestimmt werden, welches Buch vorn liegt.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN