Mehr Überwachung, weniger Partner, knappe Geldmittel Goethe-Institute stehen zunehmend unter politischem Druck

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Durch politische Krisen weltweit wird die Arbeit der Goethe-Institute insgesamt schwieriger. Foto: Imago/SchöningDurch politische Krisen weltweit wird die Arbeit der Goethe-Institute insgesamt schwieriger. Foto: Imago/Schöning

Osnabrück. Angesichts von weltweiten Konflikten sieht sich das Goethe-Institut in seiner kulturellen Arbeit zunehmend politischem Druck ausgesetzt. Austauschprogramme werden gestrichen, Partner überwacht. Auch die knappen Geldmittel im In- und Ausland bereiten der Organisation Sorgen.

Osnabrück Eigentlich hätten in diesem Sommer wieder türkische Jugendliche an einem Jugendcamp in Deutschland teilgenommen, so wie es viele Jahre zur Tradition geworden war. Doch vonseiten der Türkei sind die vom Goethe-Institut organisierten Pasch-Sommercamps nicht mehr gewollt, nachdem der Wunsch der Regierung in Ankara nach einem „türkischen Aufpasser“ beim Camp 2017 abgelehnt worden war. Das Goethe-Institut begegnet dieser Entwicklung indem es verstärkt Schülercamps innerhalb der Türkei anbietet. Über eine Wiederaufnahme der Schülerstipendien 2019 ist das Goethe-Institut im Gespräch mit den zuständigen Behörden der Türkei. Auf der anderen Seite sind auch keine Deutschlehrer des Instituts in türkischen Schulen mehr erwünscht: Im vergangenen Jahr wurde das Programm „1000 Lehrer in türkischen Schulen“ einseitig von der Türkei gestrichen.

Überwachung und strengere Regelungen für NGOs

Das Land ist nur ein Beispiel für den zunehmenden politischen Druck, dem sich die Goethe-Institute weltweit ausgesetzt sehen. „Überwachung und strengere Gesetze für Nichtregierungsorganisationen nehmen in vielen Ländern zu. Je stärker sich unsere Partner zurückziehen, umso schwieriger wird auch unsere Arbeit in den jeweiligen Ländern“, sagt der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann. Organisationen in der Türkei hätten zunehmend Angst, mit den Deutschen zusammenzuarbeiten, „weil sie in den Ruf kommen, Agenten ausländischer Mächte zu sein“, so Lehmann.

Auch in China und Russland werde die Arbeit des Goethe-Instituts teilweise erschwert. So gab es kritische Stimmen und Schwierigkeiten beim diesjährigen Theatertreffen von Moskauer Gogol Zentrum und dem Deutschen Theater in Berlin. Zwar fand das Gastspiel statt, der Regisseur und Mitinitiator Kirill Serebrennikow konnte jedoch nicht dabei sein, da er einige Monate zuvor unter Hausarrest gestellt worden war. Als im Rahmen eines EU-Projekts im Moskauer Stadtzentrum über Genderthemen gesprochen wurde, habe es erhebliche Reaktionen aus der russischen Öffentlichkeit gegeben. „Wir versuchen in Russland trotz Einschränkungen kritische Themen aufzugreifen und somit ein gesellschaftliches Bewusstsein zu erzeugen“, sagt Lehmann. Das Aufklärungs- und Bildungsprojekt zur Medienkompetenz „Die Erde ist eine Scheibe. How to Read Media?“ soll Jugendliche unter anderem über Fake News aufklären. China betreibe wie Russland eine offensive Kulturaußenpolitik und rüste seine Konfuzius-Institute auf, allein in den letzten Jahren seien 500 neue gegründet worden.

Zusammenarbeit mit Institut Francais

Um effektiver mit sendungsbewussten Großmächten wie der Türkei, China und Russland konkurrieren zu können, will das Goethe-Institut mit seinem französischen Pendant Institut Français zusammenarbeiten. Bis 2020 sollen an zehn Orten gemeinsame Institute entstehen. „Wir wollen mit der Kooperation auch deutlich machen, dass wir ein Europa wollen, das über die nationale Verantwortung hinausgeht“, sagt Lehmann.

In den USA will sich das Institut mit einem „Deutschland-Jahr“ der seit Donald Trump veränderten politischen Lage annehmen und Veranstaltungen auch im sogenannten Hinterland der USA veranstalten.

In den letzten Jahren sind in immer mehr Ländern Goethe-Institute eröffnet worden. Während die Organisation 2008 in 91 Ländern präsent war, sind es heute 98 Länder. Zuletzt kamen Windhuk in Namibia und Myanmar dazu. Aber auch in Armenien und Aserbaidschan ist das Goethe-Institut neuerdings mit Goethe- Zentren präsent. In Kuba dagegen ist die Eröffnung vorerst gescheitert. Nachdem ein Kulturabkommen mit Deutschland fast unterschriftsreif gewesen war, kam es schließlich doch zu einem Stopp der Verhandlungen. „Wir hoffen, dass wir die Gespräche zukünftig wieder aufnehmen können.“

Mehr Geld vom Auswärtigen Amt

Für Auslandsprojekte und Digitalisierung benötige das Goethe-Institut zukünftig mehr Geld. Seit Jahren bereiten die knappen Mittel im In- und Ausland der Organisation Sorgen. Nachdem sich die Zuwendungen vom Auswärtigen Amt von 216,6 Millionen Euro in 2010 auf 223,5 Millionen Euro in 2017 erhöht hatten, wurden dem Goethe-Institut für 2018 rund 17 Millionen Euro mehr zugesagt. Ginge es nach der Organisation, wären zusätzliche 10 Millionen Euro für die Digitalisierung vonnöten. „Früher hielt die Politik die Kultur teilweise für ein dekorierendes Element. Inzwischen hat sie nicht zuletzt im Koalitionsvertrag deutlich unterstrichen, dass mit kulturellen Aktivitäten andere Möglichkeiten für die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften geschaffen werden können.“

Staatliche Zuschüsse bekommen nur die Institute im Ausland; die zwölf Goethe-Institute im Inland finanzieren sich über den Verkauf von Sprachkursen. Zuletzt stand das Goethe-Institut auch wegen des Beschäftigungsverhältnisses von Honorarlehrkräften in der Kritik. Honorarkräfte hatten 2017 wegen ihrer prekären Beschäftigung protestiert. Teilweise arbeiteten sie seit Jahren Vollzeit, mit zig begrenzten Verträgen hintereinander. Die Rentenversicherung hatte geprüft, ob das Institut im großen Stil freie Mitarbeiter als Scheinselbständige beschäftigt hat. Mittlerweile habe man sich darauf geeinigt, dass das Goethe-Institut weiterhin einen kleinen Teil Honorarkräfte beschäftigen kann.


Goethe-Institut

Die mit 159 Instituten in 98 Ländern vertretene deutsche Kulturorganisation wird von Klaus-Dieter Lehmann geleitet. Durch Sprachkurse und Sponsoring wurden im vergangenen Jahr 137,9 Millionen Euro erwirtschaftet. 2018 gibt es 240,8 Millionen Euro vom Auswärtigen Amt.

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