Gerhard Richter trifft Vincent van Gogh 75. Filmfestival in Venedig: Guter Wettbewerb mit einer Enttäuschung

Von Jens Hinrichsen

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Von einer Schaffenskrise zur fotorealistischen Malerei: Künstler Kurt Barnert (Tom Schilling) findet im Film „Werk ohne Autor“ seinen Weg. Foto: Disney/dpaVon einer Schaffenskrise zur fotorealistischen Malerei: Künstler Kurt Barnert (Tom Schilling) findet im Film „Werk ohne Autor“ seinen Weg. Foto: Disney/dpa

Venedig Auf dem Filmfest Venedig enttäuscht der einzige deutsche Film im Wettbewerb, „Werk ohne Autor“. Amerikanische Künstlerdramen von Julian Schnabel und Brady Corbet überzeugen dagegen.

An der Besetzung liegt es nicht. Tom Schilling als junger Künstler vor dem großen Karrierestart, Paula Beer spielt seine große Liebe, Sebastian Koch in der Rolle des Schwiegervaters mit Nazivergangenheit – das sind fraglos Pluspunkte. Gute Darsteller für Kurzauftritte hat Florian Henckel von Donnersmarck für seinen Wettbewerbsfilm „Werk ohne Autor“ auch gefunden. Angefangen mit Lars Eidinger, der im Dresden des Jahres 1937 einen Museumsführer gibt: „Das könntest Du auch“, sagt er zu dem Jungen, der fasziniert auf lauter Kandinskys, Marcs und Mondrians blickt.

Gut möglich, dass Gerhard Richter die perfide „Entartete Kunst“-Ausstellung in seiner Heimatstadt Dresden wirklich gesehen hat. Hier heißt er Kurt Barnert, doch Deutschlands berühmtester Gegenwartskünstler steckt unzweifelhaft dahinter. Es sind 30 Jahre Lebens- und Kunstgeschichte, von denen in 188 Filmminuten erzählt wird. Mühsam abgesessene Zeit, viel Vorhersehbares, oft möchte man vorspulen. Die venezianische Auswahlkommission sah es anders – und auch auf den Auslands-Oscar darf Donnersmarck Jahre nach dem Sieg mit „Das Leben der Anderen“ jetzt wieder hoffen.

Wahre Geschichte wird zu schwer genießbarer Schmonzette

In die Kunst wird der kleine Kurt von seiner geliebten Tante eingeführt, die in einer psychischen Krise Opfer der Euthanasie-Morde der Nazis wird. In der DDR-Zeit verliebt sich der Kunststudent ausgerechnet in Ellie, die Tochter jenes Professors Seeband, der Kurts Tante ermorden ließ. Gegen den Willen des Schwiegervaters in spe, der nun unerkannt dem Sozialismus dient, heiraten die beiden. Doch Ellies Nazi-Vater sabotiert das junge Glück. Donnersmarck, der auch das Drehbuch schrieb, verdichtet die in ihren Grundzügen wahre Geschichte zur schwer genießbaren Schmonzette um einen Hochbegabten, den Fleiß und Leidensfähigkeit zum Erfolg führen. Aber interessiert sich der Filmemacher überhaupt für Kunst? In den Szenen an der Kunstakademie Düsseldorf reiht sich ein Kunstklischee an das andere. Kurts Professor van Verten (Oliver Masucci als Joseph-Beuys-Verschnitt) spachtelt riesige Fettecken, während sein Student nach einer schlimmen Schaffenskrise endlich zur fotorealistischen Malerei findet. Wenn Kurt schließlich ein Bild malt, mit dem er den Schwiegervater-Schurken entlarvt, ist Donnersmarcks Film in der Vorabendserien-Kategorie angelangt.

Dafoe und Portman überzeugen

Nach zwei Festivaldritteln lotet „Werk ohne Autor“ den Tiefpunkt eines insgesamt guten Wettbewerbs aus. Weit eindrucksvoller als Donnersmarcks Kunst-Übung gelang das ebenso um Löwengold konkurrierende Künstlerdrama von Julian Schnabel. Was auch daran liegt, dass der US-Amerikaner auf eine große Malerkarriere zurückblickt – und von der Materie viel versteht. Das Biopic „An der Schwelle zur Ewigkeit“ um die letzten Jahre des großen Vincent van Gogh in Südfrankreich macht begreiflich, wie der Niederländer darum rang, seine inneren Bilder mit dem Gesehenen kurzzuschließen. Hauptdarsteller Willem Dafoe, Jahrgang 1955, ist eigentlich zu alt für den Künstler, der mit 37 einer Schussverletzung erlag. Aber perfekte Illusion wäre im Künstlerfilm auch verfehlt. Dafoes abgezehrtes Gesicht, seine fiebrige Leidenschaft, seine liebeshungrigen Augen sind hier genau richtig.

Nachdem die vierte Version des Hollywood-Dauerbrenners „A Star is Born“ mit Lady Gaga in der – schwach besetzten – Rolle der kometenhaften Pop-Aufsteigerin enttäuschte (außer Konkurrenz), hat Brady Corbet mit dem US-Beitrag „Vox Lux“ gute Chancen auf einen Preis. Natalie Portman verkörpert hier eigentlich die Gegenfigur der zu Höherem bestimmten Künstlerin – die mittelmäßige, noch dazu nervlich heruntergekommene Sängerin Celeste, die im Krisen-Amerika unserer Tage mit quasireligiösen Heilsversprechen zum Superstar avanciert. Corbet arbeitet wie ein Experimentalfilmer, was „Vox Lux“ bei der Pressevorführung einige Buhs einbrachte. Dabei ist Kino, das formal neue Wege einschlägt, doch das Salz in der Festivalsuppe!


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