Mein Buch fürs Leben "Wo wir einst gingen": Historischer Spaziergang durch Helsinki

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Blick auf das Schwedische Theater an der Esplanade im Zentrum Helsinkis, das eine zentrale Rolle im Roman spielt.
Foto: dpaBlick auf das Schwedische Theater an der Esplanade im Zentrum Helsinkis, das eine zentrale Rolle im Roman spielt. Foto: dpa

Osnabrück. Kjell Westö porträtiert in seinem Roman "Wo wir einst gingen" die finnische Gesellschaft und Hauptstadt Helsinki, wo auch ich zu Hause war.

Er steht auf dem Pult und fuchtelt wild mit seinen Armen. Dann springt mein Physiklehrer vom Tisch und garniert seinen Vortrag über das Phänomen der Schwerkraft mit verschiedenen finnischen Vokabeln. Spöttisches Schülergekicher erklingt. Das unbeholfene Finnisch der neuen Lehrer aus Deutschland amüsiert meine Mitschüler an der Deutschen Schule Helsinki – fast alle sind mindestens zweisprachig aufgewachsen.

Finnisch, das ist gut hundert Jahre vor meinem Schulbesuch in der Malminkatu 14, in Kjell Westös Roman „Wo wir einst gingen“ die Sprache der Dienstmädchen, Knechte und Arbeiter. Die vermögenden Bürger Helsinkis sprechen Schwedisch, Deutsch und Französisch. In dieser Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind die zahlreichen Protagonisten des Romans zu Hause. Die junge, lebenshungrige Lucie Lilliehjelm wartet darauf, mit der Volljährigkeit der Enge ihres reichen Elternhauses zu entfliehen. Ihr rastloser Bruder Cedi und dessen Freund Eccu Widing verfolgen mit brennendem Interesse den Ersten Weltkrieg und die politischen Unruhen kurz vor der finnischen Unabhängigkeit.

Schauplätze im Roman sind persönliche Erinnerungsorte

Meutereien und Aufstände machen nicht nur nationalbewussten Finnen, sondern auch radikalen Arbeitern wie Enok Kajander Hoffnung auf eine Veränderung der Verhältnisse. Allerdings zeigt das Jahr 1918, dass die Vorstellungen von der Ausgestaltung der jungen Republik Finnland ganz unterschiedlich sind. Der Bürgerkrieg spaltet das Land in Rote und Weiße. Für Enok ist der sozialistische Aufstand 1918 die Chance, sich von dem Diktat der herrschenden Oberschicht zu befreien. Für Cedi Lilliehjelm und Eccu Widing ist er ein Albtraum – sie werden von den Rotgardisten festgenommen. Auf den grausamen roten Winter folgt ein ebenso brutaler weißer Frühling, in dem die Bürgerlichen den Bürgerkrieg für sich entscheiden. Der hasserfüllte Cedi wird zum unbarmherzigen Mörder und drängt seinen empfindsamen Freund Eccu in die Rolle eines Mittäters.

Mit großer sprachlicher Präzision entwirft der schwedischsprachige Autor Westö das Bild einer jungen Nation im Umbruch und zeichnet gleichzeitig mit viel historischer Sachkenntnis das Bild Helsinkis, das sich von einer vormodernen Kleinstadt vor der Jahrhundertwende zu einer vibrierenden Metropole wandelt. Die Schauplätze des Romans sind auch Erinnerungsorte für mich. Wie die Protagonisten schlendere ich im Sommer Dutzende Male über die Esplanade im Zentrum Helsinkis und drücke mich im Winter an den Hauswänden entlang, wenn der eisige Wind vom Meer her weht. Dort komme ich auch an dem Restaurant des Schwedischen Theaters vorbei, unter dessen Schmetterlingslampen sich im Roman die junge Boheme der Stadt in den Nachkriegsjahren trifft. Bei Jazzmusik und geschmuggeltem Alkohol versuchen die Täter des Jahres 1918 wie Eccu ihre Schuld zu betäuben, während die freiheitsliebende Lucie ihren Lebenshunger stillt. In den Cafés in der Nähe des Schwedischen Theaters essen meine Klassenkameraden und ich ein Jahrhundert später nachmittags Kuchen, wenn das Schulessen wieder ungenießbar war. Schlecht zubereitete Spinatpfannkuchen mit Johannisbeermarmelade schmecken selbst bei großem Hunger nicht. Unweit des Sörnäs-Hafens, wo Enok Kajander sein Geld verdient, hospitiere ich während meines Studiums am Museum. Dort lerne ich nicht nur viel über Ausstellungskonzepte, sondern auch, wie wichtig regelmäßige Pausen im finnischen Berufsalltag sind, zu denen mich der Kurator ständig ermahnt.

Auf über 600 Seiten spannt Westö den zeitlichen Bogen bis zum Zweiten Weltkrieg. Weil er seine Schuld nicht zur Sprache bringen kann, ist Cedi verhärtet und schließt sich den faschistischen Schwarzhemden an. Eccu zerbricht an der harschen Wirklichkeit schließlich ganz, und auch Enoks Leben endet in einer Katastrophe. Und doch lässt Westö in all dieser Tragik menschliche Wärme aufscheinen, wenn er etwa den Schriftsteller Ivar Grandell zu der Liebe seines Lebens sagen lässt: „An jedem Ort, an dem ein Mensch gegangen ist, gibt es Erinnerungen an ihn. Und deshalb steigt zuweilen eine plötzliche Wärme von der Straße auf, auf der wir gehen.“ Die Straßen Helsinkis, sie sind auch für mich voll von Erinnerungen an damals – als ich dort ging.



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