John Eliot Gardiner dirigiert Elbphilharmonie startet revolutionär in die neue Saison

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Sorgen im Großen Saal der Elbphilharmonie für einen gelungenen Start in die neue Saison: Das Orchestre Révolutionnaire et Romatique unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner. Foto: Claudia HöhneSorgen im Großen Saal der Elbphilharmonie für einen gelungenen Start in die neue Saison: Das Orchestre Révolutionnaire et Romatique unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner. Foto: Claudia Höhne

Hamburg.. Die Elbphilharmonie startet in die zweite volle Saison. Sir John Eliot Gardiner und sein Orchestre Révolutionnaire et Romantique sowie Joyce DiDonato sorgen dafür, dass der Auftakt gelingt.

Es ist nicht mehr so, dass man nur mit unbeschreiblichem Glück an Karten für die Elbphilharmonie kommt. „Für Olga Neuwirth kriegen Sie noch welche“, sagt Christoph Lieben-Seutter beim Empfang anlässlich der Spielzeiteröffnung 2018/19 im Foyer des kleinen Saals. Heißt das, die Flitterwochen sind vorbei, und der Alltag beginnt? Nicht ganz. „Wenn Sie schnell sind“, schiebt Lieben-Seutter nach. Noch immer kann der Hamburger Generalintendant mit einem ausverkauften Haus rechnen. Und selbstverständlich ist das am Sonntag auch beim Eröffnungskonzert mit Sir John Eliot Gardiner so. Weiterlesen: Gardiner und die Matthäuspassion

"Es tut gut, wenn das Publikum genauer auswählt"

Tatsächlich finden sich auf der Homepage der Elbphilharmonie etliche Konzerte, für die es noch Karten gibt — zu Anfang wäre das undenkbar gewesen. Lieben-Seutter bewertet das positiv. In der Anfangsphase habe „der hysterische Run aufs Haus“ dazu geführt, „dass in dem einen oder anderen Konzert auch mal Publikum saß, das nicht genau wusste, warum es hier ist und überrascht war, dass es nicht ein Orchesterkonzert, sondern ein Jazz-Ensemble erlebt hat“, sagt Lieben-Seutter dieser Zeitung. „Der Atmosphäre im Konzert tut es gut, wenn das Publikum etwas genauer auswählt.“ Daher sieht er sich auch nicht zu Kompromissen gedrängt: Lieben-Seutter setzt zeitgenössische Musik aufs Programm und große Werke aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts — „an die zwei Duzend“, sagt er, „die uns gar keine Sorgen bereiten“. Denn: „Die sind dann nicht nach einer Stunde ausverkauft, aber nach ein paar Monaten eben doch.“ Schwerpunkte zur Musik des britischen Zeitgenossen George Benjamin oder der Österreicherin Olga Neuwirth, fast schon etablierte Reihen wie „Lux Aeterna“ mit spiritueller Musik oder die „Greatest Hits“ der zeitgenössischen Musik in Kooperation mit Kampnagel, all das findet seinen Zuspruch beim Publikum und sorgt für eine ausverkaufte Elbphilharmonie. Lieben-Seutter darf gelassen seine herausfordernden Konzerte programmieren. Weiterlesen: Das Musikfest Hamburg 2018 wurde mit Beethovens Missa solemnis eröffnet

Für die Eröffnung der neuen Saison hat er mit Sir John Eliot Gardiner den letzten großen Dirigenten verpflichtet, der ihm auf seiner persönlichen Hitliste noch gefehlt hat, sagt er beim Empfang. Der wichtige Protagonist der Originalklangbewegung kommt mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique, das Gardiner selbst gegründet hat, um die Idee des Originalklangs aus dem Barock auf die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts zu übertragen. Zum Beispiel hat er den Beethovensinfonien zu einer berauschenden klanglichen Wiedergeburt verholfen. Und immer wieder hat Gardiner die Musik von Hector Berlioz ins Visier genommen.


Gute Kombinatione: Joyce DiDonato, Sir John Eliot Gardiner und das Orchestre Révolutionnaire et Romantique. Foto: Claudia Höhne


Revolutionäre Musik aus dem 19. Jahrhundert

Die ist an sich schon revolutionär, und dieses Element arbeitet Gardiner sauber heraus. Die Ouvertüre zu „Le Corsaire“ eröffnet den Abend - wild, rauschend, aufrührerisch. Im Zentrum des ersten Teils stehen allerdings zwei Gesangswerke: Mezzosopranistin Joyce DiDonato singt die lyrische Szene „La mort de Cléopâtre“ und „Je vais mourir“, ein Monolog nebst Arie aus der Oper „Les Troyens“. DiDonato ist da mit dramatischer Ausdruckskraft und variabler Farbgebung die ideale Solistin für dieses Orchester; schlank und klar wie ein Sopran klingt ihr Mezzo, intensiv und hochvirtuos singt sie Berlioz’ Variationen über das immerwährende Thema Liebe und Leid. Und Gardiner arbeitet heraus, wie modern Berlioz selbst für Ohren des 21. Jahrhunderts komponiert hat. Er hat dafür auf die Instrumente der französischen Musiktradition zurückgegriffen, und das spiegelt das Instrumentarium im Orchester wider. In der Symphonie fantastique setzen ein altes Englischhorn, die Tubavorläuferin Ophikleide und ein typisch französisches Bass-Blasinstrument, die gewundene Serpent, eigene Farbakzente. Das unterstreicht die pointierte, frische und vor allem präzise Lesart der Partitur, die dieses spielfreudige Orchester an den Tag legt. Ein verheißungsvoller Start in die neue Spielzeit der Elbphilharmonie. Und ein Publikum, das zwar tapfer jeden einzelnen Satz beklatscht hat, dafür aber, und das ist das Entscheidende, atemlos der mitreißenden Musik gefolgt ist.


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