Skandalstück aus dem Jahr 1968 Ruhrtriennale 2018: Wie aktuell ist Henzes „Floß der Medusa“?

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Hofft auf Rettung: Jean Charles (Holger Falk, links) winkt ein Schiff herbei. Doch „La Mort“ (Marisol Montalvo, rechts) lockt die Lebenden auf dem „Floß der Medusa“ auf die Seite der Toten. Foto: Ursula KaufmannHofft auf Rettung: Jean Charles (Holger Falk, links) winkt ein Schiff herbei. Doch „La Mort“ (Marisol Montalvo, rechts) lockt die Lebenden auf dem „Floß der Medusa“ auf die Seite der Toten. Foto: Ursula Kaufmann

Bochum. Bei der Uraufführung hat „Das Floß der Medusa“ von Hans Werner Henze einen handfesten Skandal ausgelöst. Die Ruhrtriennale zeigt, wie das Revolutionsstück der 68er deprimierende Aktualität gewonnen hat.

Eine Aufführung von Hans Werner Henzes „Das Floß der Medusa“ ist ein Kraftakt, aber ein Kraftakt, der zu Stefanie Carps Ruhrtriennale passt. Die Bochumer Symphoniker und ein riesiger Chor – das Chorwerk Ruhr, die Zürcher Sing-Akademie und der Knabenchor der Chorakademie Dortmund – haben in der Jahrhunderthalle Bochum hinter der Bühne Platz genommen. Sie werden gleich Henze gewaltige Musik aus dem Jahr 1968 realisieren: Klangflächen flirren und brennen wie die Sonne auf die Schiffbrüchigen, und Vokal- und Instrumentalstimmen umschlingen sich wie die Menschen auf dem titelgebenden Floß, dem Meer und einem grausamen Überlebenskampf überlassen. Weiterlesen: „Universe incomplete“ von Christoph Marthaler

Rettung für die Reichen

Diese Tragödie hat sich anfang des 19. Jahrhunderts tatsächlich ereignet. Auslöser war ein unfähiger Kapitän, der die Fregatte „Medusa“ erst auf Grund gesetzt und sich dann mitsamt der Offiziere und Reichen in den Rettungsbooten in Sicherheit gebracht hat, während die einfachen Matrosen und Passagiere auf einem Floß ihrem Schicksal überlassen worden waren; 15 von 150 überlebten.

Als Henze 1968 das Werk, ausgehend von Théodore Géricaults gleichnamigen Bild, auf einen Text von Ernst Schnabel komponierte, hatte er die Entrechteten und Unterdrückten dieser Welt im Blick. In revolutionärem Furor hat er es zudem Che Guevara gewidmet – und damit die Voraussetzung für einen handfesten Tumult bei der geplanten Uraufführung geschaffen. Letztlich hatte damals die Polizei die Veranstaltung aufgelöst.

Fünfzig Jahre später rückt dieser Skandal in den Hintergrund. Heute werden wir beinahe täglich Zeugen von Überlebenskämpfen auf dem Meer – Henzes Werk hat eine betrübliche Aktualität gewonnen. Tatsächlich muss Regisseur Kornél Mundruczó der Geschichte in diesem Oratorium kaum etwas hinzufügen, um den Bezug zu heute herzustellen. Márton Ágh hat am vorderen Bühnenrand eine kleine Sandbank mit ein paar Gräsern gebaut; am Ende wird der Sand wegrieseln und ein Feld von Skeletten zum Vorschein kommen. Und hinter dem Orchester wechseln, Henze hat das so gewollt, die Sänger im Lauf des Stücks die Seiten von den Lebenden auf der linken Seite zu den Toten auf der rechten. Weiterlesen: William Kentridges „The Head and the Load“

Musikalisch ist alles gut

Protagonist ist ein Mulatte namens Jean Charles; Bariton Holger Frank singt ihn mit intensiver Stimme und aufwühlender Bühnenpräsenz. Marisol Montalvo lockt mit ihrem voluminösen Sopran als „La Mort“ die Lebenden auf die Seite der Toten, und ebenso mitreißend ist Tilo Werner, der als Sprecher im Frack und mit hochgekrempelten Hosenbeinen wie ein gestrandeter Conférencier durch den Abend führt. So arbeitet Munduczó präzise am Stück entlang; seine eigentliche Wucht aber erfährt der Abend durch Steven Sloane und die Bochumer Symphoniker. Sloane arbeitet die Gewalt ins Henzes Partitur heraus, aber auch die kammermusikalisch intimen Momente, und damit begeistert er das Publikum der Ruhrtriennale.


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