„Wie bin ich denn hierhergekommen“ Dirk von Petersdorffs Romandebüt über die Generation Y

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Osnabrück. Mit „Sommerhaus, später“ verlieh Judith Hermann einst einer neuen Generation ihre literarische Stimme. Jetzt erzählt Dirk von Petersdorff in seinem ersten Roman „Wie bin ich denn hierhergekommen“ von einer Altersgruppe, die sich im Dickicht der Lebensoptionen verliert.

„Du bist eine peinliche Nummer, Du bist wunderbar geborgen, so wechselnd-unklar wie in den Jugendträumen, wann ändert sich das, ist man verankert – und ein Bier wäre jetzt auch gut.“ Beim Grillfest schlingern Tims Gedanken so verschwommen wie der Satzbau dieses Zitats. Tim arbeitet bei einer Datingagentur, lebt mit Ehefrau Anna und dem kleinen Sohn Elias. Richtig angekommen ist er dennoch nicht. War es das schon? Kommt da noch etwas? Tim lebt zwischen früher Festlegung und der Sehnsucht nach Aufbruch, so wie Anna oder die Freunde Johannes und Doris. Hier weiterlesen: Das Geschäft mit dem Terror - Juli Zehs Roman „Leere Herzen“.

In der Literaturgeschichte

Dirk von Petersdorff ist ein Multitalent der Literatur. Der 1966 in Kiel geborene Autor und Germanist lehrt an der Universität Jena, publiziert Essays und Gedichtbände. Mit „Wie bin ich denn hierhergekommen“ legt er nun seinen ersten Roman vor. Von Petersdorff porträtiert sensibel und gut erzählt das Lebensgefühl der langsam in die Jahre kommenden Generation Y. Als Verfasser einer kleinen „Literaturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland“ platziert er sein Buch doppelt gut – als Bildnis einer Altersgruppe und als Nachfolger von Judith Hermanns Erzählband „Sommerhaus, später“ (1998). Hier weiterlesen: Der Blechtrommler als junger Mann: Neue Aspekte zu Günter Grass.

Sound einer Generation

Hermann machte zum ersten Mal das Lebensgefühl der jungen Erwachsenen zum Thema, erzählte ihre lakonisch knappen Geschichten zugleich, wie es Kritiker Hellmuth Karasek seinerzeit formulierte, im Sound einer neuen Generation. Dirk von Petersdorff schließt an diese Tradition an – mit der locker gefügten Kette von kleinen Situationen, die scheinbar im Nichts verlaufen. Tim zweifelt an seinem beruflichen Erfolg ebenso wie an der Zuwendung seiner Frau Anna, Johannes und Doris haben Entscheidungen verpasst, ahnen, dass ihr Leben scheitern könnte. Die Datingagentur, für die Tim arbeitet, avanciert zum Symbol einer Generation, die sich im Dickicht der Lebensoptionen verliert. Hier weiterlesen: Daniel Kehlmanns „Tyll“ - ein Schreckensbild des Krieges.

Vergessene Utopien

Romancier von Petersdorff arbeitet das Profil dieser Generation ebenso präzise wie feinfühlig heraus. „Wir nehmen die Welt nicht an, wir lehnen sie nicht ab; bei allem, was wir tun, produzieren wir sie mit.“ Tim und Johannes lesen im Studium die Systemtheorie von Niklas Luhmann. Die Kritik der Frankfurter Schule gehört für sie ebenso zum Lebensgefühl ihrer Elterngeneration wie die Erinnerung an Utopien oder den Zweiten Weltkrieg. Ihre Welt kennt keine Alternative, kein außen. Vielleicht fällt es ihnen deshalb so schwer, ihre eigene Position im Leben zu bestimmen. Hier weiterlesen: „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ - der neue Roman von Wilhelm Genazino.

Neue Romantik

Wie ein alerter Yuppie fliegt Tim nach Chicago zur Digitalkonferenz, wie ein älter gewordener Junge trifft er sich mit Johannes am Waldrand. Wo die Berufswelt fremd und das Familienglück trügerisch bleibt, gewinnen Freundschaft und Erinnerung an Gewicht. Tim, Johannes, Anna, Doris: Bei Ausflügen und kleinen Festen finden sie vorübergehend ihr Gleichgewicht, genießen die Sicherheit einer Verbundenheit, die über die Zweiermonade der Partnerschaft hinausgeht. Am Strand, im Wald, auf der Wiese spielen die innigsten Szenen dieses Romans. Dann liest er sich wie der Vorbote einer zart sich ankündigenden neuen Romantik.


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