Können Bilder Mahnmale sein? Kunst und das Gedenken an den Holocaust

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Düsseldorf. Wie geht das Gedenken an den Holocaust weiter? Die Generation der Zeitzeugen schwindet. Kunstwerke kommen als wichtige Träger der Erinnerung neu in den Fokus. Eine Spurensuche entlang der Werke von Anni Albers, Gerhard Richter und Felix Nussbaum.

Sie sei „nicht jüdisch“, außer „in Hitlers Sinn“, sagte Anni Albers. Die Bauhauskünstlerin, die 1933 umgehend emigrierte, brachte mit beißender Ironie auf den Punkt, was das grauenhafte Schicksal von Millionen im Holocaust Umgebrachter vorbereiten sollte – der Ungeist stigmatisierender Ausgrenzung. Anni Albers stammte aus der Berliner Verlegerfamilie Ullstein, war protestantisch getauft, leitete als Textilkünstlerin ab 1931 am Dessauer Bauhaus die Textilwerkstatt. 1966/67 webt sie im Auftrag des Jewish Museums in New York ihre „Six Prayers“, mit denen sie unmöglich scheinendes versucht – mit einem Kunstwerk den sechs Millionen Opfern zu gedenken. Hier weiterlesen: Kunst am seidenen Faden - Anni Albers wird in Düsseldorf neu entdeckt.

„Werk der Würde“

Aber kann Kunst das überhaupt leisten? „Es ist ein Werk der Würde, Stärke und Ernsthaftigkeit“, sagt Maria Müller-Schareck über die „Six Prayers“. Die Kuratorin präsentiert die gewebten Bilder gerade als Teil der epochalen Retrospektive auf das Werk von Anni Albers in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Die fragilen Kunstwerke, die zuletzt 1999 in Deutschland zu sehen waren, werden nur noch selten verliehen. An den Rhein kamen sie mit verkürzter Ausleihfrist, gehen nach dem 9. September zur zweiten Station der Ausstellung an die Londoner Tate. Hier weiterlesen: „Felix und Felka“ - Hans Joachim Schädlichs Roman über Felix Nussbaum.

Decke des Vergessens

Müller-Schareck nennt die sechs schmalen Bilder ein „gewebtes Memorial“. Als Anni Albers für ihre „Six Prayers“ am Webstuhl saß, liefen in Frankfurt die Auschwitz-Prozesse. Gedenken und Aufarbeitung waren nicht selbstverständlich. Über den Völkermord hatte sich eine dichte Decke des Schweigens und Vergessens gelegt. Heute stellt sich eine neue Aufgabe. Die Generation der Zeitzeugen verlässt uns. Lebendige Erinnerung darf aber nicht abbrechen. Hier weiterlesen: Prekäre Erinnerung - das Gedenken braucht die Arbeit der Lebenden.

Initiative von Grütters

Mit dem Programm „Jugend erinnert“ will Staatsministerin Monika Grütters (CDU) vor allem junge Leute wieder neu für dieses wichtige Thema erreichen. Zwei Millionen Euro für die Anlaufphase des Projektes 2019, 22 neue Stellen für Gedenkstätten, frische Konzepte für praxisnahe Vermittlungsarbeit: Mit dem Projekt solle „das Geschichtsbewusstsein der Jugendlichen gestärkt“ und dem „erschreckenderweise wieder wachsenden Antisemitismus entgegengetreten“ werden, sagt Monika Grütters. Hier weiterlesen: Thema Holocaust - Luc Tuymans Gemälde „Gaskammer“.

„Kraft der Kunst“

„Uns steht das Gedenken ohne Zeitzeugen bevor. Ich glaube aber an die Kraft der Kunst“, benennt Kuratorin Müller-Schareck die Aufgabe, die sich der Erinnerungskultur jetzt stellt, und vertraut dabei besonders auf die Möglichkeiten der Kunst. „Das Interesse an der Kunst der Zeitzeugen des Holocausts wächst ständig“, sagt dazu Jürgen Kaumkötter, Kurator am Zentrum für verfolgte Künste in Solingen. Diese Kunst sei als „emotionale Erinnerung“ besonders wertvoll. Diese Sicht teilt auch Nils-Arne Kässens, Direktor des Felix-Nussbaum-Hauses in Osnabrück. Der 1944 in Auschwitz ermordete Künstler sei mit seinen Bildern von Exil und Verfolgung zu einem „Seismografen des Holocausts“ geworden. Nussbaum habe so einen „symbolischen Ausdruck“ für ein Verbrechen gefunden, das sich letztlich der Darstellbarkeit entziehe“ so Kässens. Hier weiterlesen: „Triumph des Todes“ - der Triumph Felix Nussbaums.

Mediale Träger

Aber liegt darin nicht zugleich das zentrale Problem einer Erinnerung, die sich mehr und mehr auf mediale Träger stützen muss? „Der Holocaust wird historischer werden. Die emotionale Betroffenheit rückt in den Hintergrund. Das ist grausam, aber unvermeidlich“, benennt der Berliner Kurator und Autor Julian Heynen das Dilemma einer Erinnerungskultur, die den Kontakt zu Zeitzeugen unweigerlich verlieren wird. „Die Kunst ist nicht privilegiert, mit diesem Thema umzugehen“, sagt Heynen vor allem im Hinblick auf den 2015 entstandenen „Birkenau“-Zyklus von Gerhard Richter. Hier weiterlesen: Buch gegen Antisemitismus: Hans Joachim Schädlich im Interview.

Richters „Birkenau“

Der Kunststar hatte Reproduktionen von Fotos, die Häftlinge 1944 im Krematorium des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau aufgenommen hatten, abstrakt übermalt. Das vierteilige Werk wurde 2015 im Dresdner Albertinum, 2016 im Museum Frieder Burda in Baden-Baden gezeigt. Im Jahr darauf übergab Richter eine fotografische Version der Bilder dem Deutschen Bundestag. Julian Heynen wertet Richters skrupulösen Schaffensprozess als Beleg für eine „fast unmögliche Annäherung“ des Künstlers an das Thema des Völkermords. Die Möglichkeiten der Malerei seien im Hinblick auf das Gedenken ausgereizt, findet Heynen, der Richters „Birkenau“-Werk auch als Beleg eines künstlerischen Scheiterns sieht. Nach Heynens Worten besteht die wichtigste Funktion eines solchen Werkes darin, das „diskursive Gedenken anzustoßen. Dessen Notwendigkeit steht für ihn außer Frage, gerade im Hinblick auf Ostdeutschland. Dort sei die Debatte über den Holocaust bis heute „stillgestellt“, meint Heynen. Hier weiterlesen: Felix Nussbaum anders sehen - die neue Ausstellung im Museum.

Bilder sind Aufforderung

Eine naive Gleichsetzung der Kunst mit einem Thema kann es nicht geben, vor allem nicht im Hinblick auf den Holocaust. Bleibt also nur der Besuch von Gedenkstätten als einzig legitimem Weg der Erinnerung? Anni Albers nannte ihre „Six Prayers“ beziehungsreich „Fadenhieroglyphen“. Deren gewebtes Muster wirkt wie eine Schrift, die gelesen, wie der Hinweis auf Schicksale, der verstanden werden will. „Diese Bildtafeln sind eine Aufforderung“, sagt Maria Müller-Schareck. Diese Aufforderung lautet: Gedenke!


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