Justiz- und Beziehungsdrama „Kindeswohl“: Subtiles Melodram über eine Ehe und das Leben an sich

Meine Nachrichten

Um das Thema Kultur Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Perfektes Schauspielerkino: Emma Thompson und Stanley Tucci als Ehepaar. Foto: ConcordePerfektes Schauspielerkino: Emma Thompson und Stanley Tucci als Ehepaar. Foto: Concorde

Osnarück. Emma Thompson begeistert als Richterin, die in der Ian McEwan-Verfilmung "Kindeswohl" ein schwieriges Urteil zu fällen hat.

Die Richterin Fiona Maye hat ein schwieriges Urteil zu fällen. Eines über Leben oder einen qualvollen Tod. An einem Londoner Gericht verhandelt wird über das Schicksal des 17-jährigen Adam Henry (Fionn Whitehead). Er hat Leukämie. Und die Zeit drängt. Denn nur eine baldige Behandlung mit einer Bluttransfusion kann ihn noch retten. Doch dies lehnen sowohl seine Eltern (als Vater: Ben Chaplin) als auch er selbst ab. Der Grund: Die Familie gehört der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas an, die einen solchen medizinischen Eingriff verbietet.

Fiona Maye (Emma Thompson) macht sich auf ans Krankenbett, um den jungen Mann persönlich zu befragen – und fällt eine Entscheidung, die beide untrennbar miteinander verbindet.

Gleichzeitig kriselt es in der Ehe der Richterin. Ihr Mann Jack (Stanley Tucci) fühlt sich zurückgesetzt und beginnt aus Trotz eine Affäre. Hat Fiona die Alarmzeichen nicht gesehen? Oder wollte sie sie nicht erkennen? Wird sie von ihrem Beruf aufgefressen? Und wird die Beziehung zu dem jungen Adam ihr Leben verändern?Dann, auf einem Weihnachtsfest, kulminieren die Ereignisse.

Justizdrama, Ehegeschichte und brillantes Schauspielerkino – all das ist „Kindeswohl“, die Verfilmung eines Drehbuches von Ian McEwan, der zugleich auch die literarische Vorlage schrieb.

Das Filmdrama besticht unter anderem durch ein hervorragendes Schauspielerensemble, besonders aber durch Emma Thompson. Selbst wenn sie die äußere Fassade eines von Ritualen bestimmten britischen Justizsystems aufrecht erhält, lässt sie unter der Oberfläche stets tiefe emotionale Konflikte vermuten. Die mitunter herb wirkende Emma Thompson passt da schon rein äußerlich rein.

Dass die von Ian McEwan ersonnene Geschichte, der zuletzt mit der Verfilmung „Am Strand“ begeisterte, eher konventionell inszeniert wurde, ist dabei kein Makel. Im Gegenteil: Der verlässliche Regie-Routinier Richard Eyre („Tagebuch eines Skandals“) konzentriert sich geschickt vor allem auf die gradlinige Umsetzung einer Handlung, die bereits genug Potenzial an Spannung und ein tränentreibendes Ende aufweist. Dabei weiß Eyre seine Darsteller auch geschickt zu führen. Eine Fähigkeit, die er schon in früheren Werken, etwa in „Tagebuch eines Skandals“ (2006), unter Beweis stellte und auch "Kindeswohl" auszeichnet.

Das Wort „Autorenkino“, sonst auf die Handschrift eines Regisseurs angewendet, greift hier jedoch nicht. Wohl lässt sich der Stil des Ian McEwans erkennen, der sich bereits die Vorlage zu  Kinowerken wie „Schmetterlinge“ (1988), „Der Trost von Fremden“ (1990), „Der Zementgarten“ (1993) oder „Abbitte“ (2007) schuf. Geschichten also, die sich stets durch überraschende Wendungen, aber auch den subtilen Blick auf zwischenmenschliche Aktionen auszeichnen. Es wundert nicht, dass Ian McEwan zu den meistgelesen Autoren aus Großbritannien gehört. Seine Bücher packen. Und „Kindeswohl“ bildet da in seiner gekonnten Kinoadaption keine Ausnahme. 


„Kindeswohl“. GB 2017. R: Richard Eyre. D.: Emma Thompson, Stanley Tucci, Fionn Whitehead, Ben Chaplin. 105 Minuten. FSK: ab 12

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN