„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ Prousts Sekundenprotokoll eines ganzen Lebens

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Cabourg. Roman der Romane, Chronik eines Jahrhunderts: Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ erzählt ein Leben als Projekt der Erinnerung. Man liest es am besten am Meer, dort, wo Proust Urlaub machte. Ein Besuch in unserer Serie „Mein Buch fürs Leben“.

Der Kellner kommt mit Schwung aus der Tür des Cafés, umkurvt elegant flanierende Feriengäste, balanciert geschickt sein Silbertablett. Mit einem beiläufigen „et voilà“ serviert er lächelnd, was im Café „Dupont avec un thé“ die „4 Heures de Proust“ genannt wird: zwei Madeleines und eine Tasse Tee. Ich sitze an einem Tischchen auf der Avenue de la Mer im normannischen Seebad Cabourg. Von fern weht Seeluft herüber. Ich koste die erste Madeleine, nippe am Tee und bin mit einem Mal ganz weit weg, mitten im Roman der Romane, mitten in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Hier weiterlesen: Weltliteratur aus Zimmer 414 - Marcel Proust im Grandhotel von Cabourg.

Genuss der Madeleine

„Und mit einem Mal war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jenes kleinen Stücks einer Madeleine, das mir am Sonntagmorgen in Combray, sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Léonie anbot, nachdem sie es in ihren schwarzen oder Lindenblütentee getaucht hatte“: Der Geschmack des Gebäcks löst jenen Strom der Erinnerungen aus, von dem sich der Ich-Erzähler in Prousts Riesenwerk über Tausende Seiten davontragen lassen wird. Die Szene aus „Unterwegs zu Swann“, dem ersten jener sieben Romane, die Prousts zwischen 1913 und 1927 erschienenes Riesenwerk bilden, scheint trivial. Zugleich öffnet sie die Tür zu einem vergangenen Leben, das neue Gegenwart gewinnt, sobald es erzählt wird. Marcel Proust entfaltet sein Werk als gigantische Parallelaktion. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vollzieht den Weg des Erzählers in sein Leben nach und entwirft zugleich ein rauschendes Zeitgemälde der Belle Epoque. Hier weiterlesen: Schreibdruck im Schlossturm - Honoré de Balzac im Schloss Saché.

Geteilte Lesermeinungen

Wie liest man diesen mehrere Tausend Seiten umfassenden Giganten von einem Roman? Es gibt Proust-Leser, die die ganze „Recherche“, so das französische Wort für Suche, im Urlaub in einem Zug verschlungen haben. Andere verzagen vor dem gewaltigen Umfang des Textberges und resignieren nach ein, zwei Bänden. Manche greifen sich Bücher heraus, lesen „Die Welt der Guermantes“ oder „Die Gefangene“. Spannende Spurensuche oder langweilige Endloskonversation? Die Lesermeinungen zu Marcel Prousts Lindwurm von einem Roman sind geteilt. Hier weiterlesen: „Die Pest“ - Albert Camus und der Kampf gegen das Absurde.

Gleichnis des Lebens

Ich habe unterdessen meine erste Madeleine aufgegessen, dazu Tee getrunken. Das Café in Cabourg erweist mit seinem Angebot zum Nachmittagstee dem großen Romancier seine Referenz. Marcel Proust hat zwischen 1907 und 1914 mehrmals in dem Grandhotel von Cabourg seine Ferien verbracht und in dem Prachtbau direkt am Strand mit „Im Schatten junger Mädchenblüte“, den vielleicht berühmtesten Teil seiner „Recherche“ geschrieben. Ich lese seinen Zyklus in Etappen. Bei jeder Reise nach Cabourg habe ich einen Band im Gepäck. Dazwischen pausiere ich, lasse jedes Lektüreerlebnis zu einer Vergangenheit werden, die unerkannt in mir weiterlebt. Ich gehe auf der „Promenade Marcel Proust“, der kilometerlangen Strandpromenade, schaue auf das Meer und sinne der „Recherche“ nach und dem, was sie eigentlich ist: Gleichnis eines Lebens, das wir mit jedem Augenblick erobern und im gleichen, verfließenden Moment unwiederbringlich verlieren. Hier weiterlesen: Mein Buch fürs Leben - das macht Bücher für uns so unersetzlich.

Lebensfrage der Moderne

Was ist mein Leben? Und was meine Geschichte? Der Ich-Erzähler des Romans – er heißt wie sein Erfinder Marcel – stellt sich die Lebensfragen einer Moderne, in der jene Gesellschaft geboren wird, wie wir sie heute kennen: plural, dynamisch, progressiv. Der Einzelne gewinnt neue Freiheiten, wird aber auch verantwortlich für das Gelingen seines Lebens. Er avanciert zum Navigator seines Daseins, indem er unablässig jene doppelte Operation vollzieht, die Prousts Roman vorführt: Das Leben gewinnt nur, wer es auskostet und empfindet, es gleichzeitig reflektiert und in Erinnerung verwandelt. Hier weiterlesen: Von „Deutschstunde“ bis „Christa T.“ - wie Literatur den Geist von 1968 prägte.

An zwei Orten zugleich

Das klingt abstrakt. Aber mit jeder Seite, die ich in der „Recherche“ weiterblättere, gewinnt dieses Prinzip neue Lebendigkeit. Die Tage bei Tante Léonie auf dem Land, die Begegnungen mit Gilberte und Albertine, die Unterhaltungen in den Salons der Guermantes, überhaupt das ganze große Leben in Paris – Prousts Roman liest sich wie das Sekundenprotokoll mikroskopisch fein registrierter Beobachtungen, Empfindungen und Erlebnisse. Cabourg heißt in Prousts Erzählung Balbec. Und so halte ich mich selbst in diesem Seebad an zwei Orten zugleich auf, in dem realen Cabourg mit seinen Läden und Restaurants und dem fiktiven Balbec. Die „Recherche“ trage ich bei mir. Und ich lebe sie. Vor allem dann, wenn ich im Café sitze, Tee trinke und den Geschmack einer Madeleine koste. Ach, Marcel. Hier weiterlesen: Die Stimme zum Roman - Lesungen machen aus Literatur Events.


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